Ausgabe 
(6.3.1894) 19
Seite
139
 
Einzelbild herunterladen

139

15. Oktober 1840 die französischen und englischen Offi-fiziere und Kommissare, die mit hierher gekommenen einstigenGetreuen des verbannten Kaisers, welche bis zum Todeihres vergötterten Herrn alle Bitterkeiten des Lebens aufder Insel getheilt, das wohlcrhaltene Antlitz dessen wieder,vor dem einst der Erdkreis gezittert und der gleich Attilaund gleich Alexander dem Großen eine Schicksalsmissionerfüllt hatte, die ihn und sein Gedächtniß theils derglühendsten Begeisterung, theils dem Haß und gerechtenTadel anheimgab.

Man hatte, als Napoleon gestorben,nicht die zu einer regelrechten Ein-balsamirung nöthigen Mittel zur Handgehabt. Es ist viel zu wenig bekannt, wieschauerlich damals die Lebensverhältnisseauf dem unwirthlichen Eiland waren,wo Napoleon seine Tage beschloß, vielzu wenig auch kennt und verachtetman die ausgesucht kleinliche Art, mitder Hudson Löwe , der ungebildeteenglische Gouverneur, seinOpfer"behandelte, entgegen der nobleren Be-stimmung der Alliirten. Napoleon wolltenach den Ufern der Seine überführtwerden: daß dies nicht gleich geschehenkonnte, machen die politischen Verhält-nisse Frankreichs begreiflich. Aber daßman es seinen Leidensgefährten ver-bot, sein Herz mit nach Europa zunehmen und es seiner Wittwe zu bringen,das war schnöde und herzlos, weil ge-hässig und widernatürlich.

- Um dreiviertel auf ein Uhr Mittagsam 15. Oktober 1840 schritt man unterfeierlicher Sprnnung aller Anwesendenzur Oeffnung des nächtlich erhobenen,in einem Holzsarg ruhenden bleiernenSarges. In demselben fand man einendritten Sarg von Acajouholz, vollkom-men erhalten. Als auch dieser ausge-schraubt war, erblickte man einen Sargvon Weißblech. Es war der letzte. Manhob den Deckel: eine formlose Massebot sich den Augen dar, nur die Stiefelragten hervor und aus ihnen, da dieNähte gesprungen, die völlig erhaltenenZehen. Jene Masse war die Seiden-watte, womit der Deckel ausgeschlagengewesen, und die auf den Leichnamgesunken war. Doctor Guillard rolltesie langsam auf undda lag dergroße Mann, vollkommen unverwest,auf den ersten Blick erkenntlich". Solautet kurz der Bericht. Napoleon trugdie Oberstennniform der Gardejägcr.

Der Körper war ganz so gestreckt, wie man ihn vorneunzehn Jahren in den Sarg gelegt. Das etwas er-hobene Haupt ruhte auf einem Kissen; die Kopfhautwar hart und fest; die Augäpfel hatten wenig vonihrem Umfang verloren und an den geschlossenen Augen-lidern sah man noch die Wimpern. Nur die Nasen-flügel hatten, jedoch unmerklich, gelitten. Die Wangenfühtlcn sich weich und geschmeidig an und zeigten eineweiße Farbe. Das Kinn war etwas bläulich, da der

Napoleon I. im Sarge .

Bart um etwa eine halbe Linie gewachsen. Das Kinnhatte aber die dem Antlitze des Kaisers so eigenthüm-liche Bildung gewahrt. Die Hände waren biegsam, ohnejede Veränderung, genau wie im Leben. Auch die vomGewände bedeckten Gliedmaßen schienen im Ganzen ihreForm behalten zu haben. Doctor Guillard drückte denrechten Arm und fand ihn fest, wenig an Umfanggeschwunden. Brust und Bauch waren eingesunken. DieUniform hatte wenig von der Frische der grünen undrothen Farben verloren, die goldeneKronedes Offiziers-Kreuzes der Ehrenlegionhatte ihren vollen Glanz bewahrt. Ueberdem Schenkel lag der so bekannte HutNapoleons . Die silbernen Vasen mitdem Herzen und den Eingeweiden,welche zwischen beiden Füßen nieder-gestellt waren, konnten nicht genaueruntersucht werden, da sie zu fest mitden angrenzenden Theilen des Körperszusammenhingen. So waren die sterb-lichen Ueberreste des großen Todtenbeschaffen, über alle Erwartung er-halten, allem Anscheine nach mumien -ähnlich ausgetrocknet. Die Festigkeitdes Mauerwerks der Gruft und derluftdichte Verschluß der Särge hattendie Verwesung verhindert. Nach einigenMinuten ward der Sarg wieder ver-schlossen, und tief ergriffen von demgeschauten Bilde geleiteten die Zeugendieses Schauspiels den Cäsar des neun-zehnten Jahrhunderts zum Schiffe desfranzösischen Vaterlandes.

Ich wünsche, daß meine Aschean den Ufern der Seine begrabenwerde, inmitten des französischen Vol-kes, das ich so innig geliebt habe!"Nun ging dieses Testament des ster-benden Napoleon in Erfüllung. Derritterliche Sohn des Franzosenkönigsselber, Prinz Joinville , hatte den großenKaiser zurückgeholt in die Mitte seinesVolkes, und, es ist Thatsache , ganzEuropa, das einst Napoleon I. gehaßt,jubelte freudig Beifall dieser That ver-söhnender Menschlichkeit!

Trefflich schilderte der große Histo-riker Jgnaz von Döllinger einstdie Gestalt Napoleons , den er selbstals Gymnasiast gesehen.In Würz-burg gehörte ich zu den neugierigenJungen, die Napoleon auf Schritt undTritt verfolgten, als er die äußerenBefestigungen besichtigte, und noch seheich ihn in seinem grünen Rocke, dendreieckigen Hut auf dem Kopfe, sein scharf geschnittenes,dunkelfarbiges Gesicht, er erschien mir wie ein Mann

aus Bronze."

Dr. Gustav A. Müller.

Goldkörner.

Du braucbst nur mit den Wällen zu geh'n,Das Heulen wirst du von selbst versteh'n.

...

K.