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„Ein alter, excentrischer Großonkel hat es Dirtestamentarisch vermacht, Barbara. Ihm mißfiel dielange Abwesenheit Deines Vaters von seiner Heimath,noch mehr aber, daß er Dich nicht bei sich haben wollte.Um Dich einigermaßen schadlos zu halten, machte ersein Testament zu Deinen Gunsten."
„Ah, so ist es. Ja, ich entsinne mich. Du hastes mir gewiß schon gesagt, aber ich dachte nicht mehrdaran. — Mein Vater heirathete wieder vor zwölfJahren, meine kleine Schwester Eveline ist jetzt elf Jahrealt," flüsterte sie dann im leisen Selbstgespräch, undwieder trat wider Willen eine Thräne in ihr großes, dunk-les Auge.
Als Barbara am nächsten Morgen das Frühstücks-zimmer betrat, fiel ihr erster Blick auf einen kleinenSeitentisch, der mit zahlreichen Briefen, mit kleinerenund größeren Packeten bedeckt war. In der ungewissenFurcht und Hoffnung, ob „die Andern" — wie sie stetsihre Verwandten auf dem Adlerhorst zu nennen pflegte— sich ihres Geburtstages erinnert hätten, trat sienäher. Aber nein, ein einziger Blick hatte sie überzeugt,es war kein Brief mit der festen, steifen Handschrift desVaters darunter. — Die wenigen Zeilen, die der Frei-herr v. Garkau seinem ältesten Kinde ab und zu schrieb,waren stets so kühl gehalten, athmeten so wenig Liebe,daß Barbara oft darüber empört gewesen war und nurauf den strengen Befehl der Tante sich zu der Ueber-schrift: „Mein lieber Vater" oder zu der Unterschrift:„Deine Dich liebende Tochter" bequemte.
Jetzt konnte sie ihrem Vater nicht mehr zürnen;sie fühlte nur Mitleid, inniges, tiefes Mitleid mit ihm.Sein alter, angeerbter Familienstolz war durch die Ver-bindung mit einer Frau, deren Name nicht fleckenloswar, gedemüthigt worden, und diese Frau war ihreeigene Mutter. Sie hatte in der Nacht nicht schlafenkönnen, hatte sich unruhig in den weichen Kissen gewälztund erst gegen Morgen emen kurzen Schlummer gefun-den, der noch durch unruhige Träume gestört ward.Doch als sie jetzt die Briefe öffnete und von Nah undFern so viele Beweise der Liebe und Freundschaft vor-fand, erheiterte sich ihr trübes Auge und ihre Wangenfärbten sich freudig.
(Fortsetzung folgt.)
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Lunchenschiilen.
X Ein eigenartiges Schulinstitut findet sich in Eng-land : das der sogen. Lumpenschulen. Ueber Ent-stehung und Einrichtung derselben berichtet die „Rhein.-Westf. Schulzeitung": Der eigentliche Gründer dieserSchulen ist ein armer Schuhmacher John Pounds inPortsmouth, der die armen, auf die Bahn des Lastersgedrängten Kinder um sich vereinigte, sie nährte und unter-richtete. Nach ihm hat dann der bekannte PhilanthropGraf Shaftesbury diese Anstalten über ganz Europa aus-gebreitet. Gegenüber den früheren Grundsätzen: „Manmuß das Uebel mit der Wurzel ausreißen" unter derRegierung Georgs II. wurde noch ein Knabe von zwölfund ein Mädchen von elf Jahren zum Tode durch denStrang verurtheilt und hingerichtet — heißt es jetzt:„Verhinderung ist besser als Heilung." Eine, wenn auchkleine Anzahl der Kleinen wird durch diese Schulen demVerderben entrissen. Ohne Schuhe, ohne Strümpfe und
Mützen finden wir ganze Haufen solcher Kinder in denStraßen der Hauptstadt Englands: nach den Tönen einerDrehorgel arrangiren sie einen Ball, führen einen eigen-artigen Tanz auf und erregen sowie auch durch die Grazieihrer Bewegungen und die oft auftretende Schönheit ihrerGesichtszüge die Aufmerksamkeit manchen Zuschauers. ImWinter, wenn es nichts zu stehlen und zu betteln gibt,suchen diese beklagenswerthen Wesen ihre Zuflucht in denLodginghäusern, auch hier von Stehlen und Betteln ihrDasein fristend. Hier in diesen Lodginghäusern, den Brut-stätten des Lasters, werden die Kleinen von den sogen.Diebszüchtern gewerbsmäßig zum Stehlen ausgebildet.Sind die Kinder in den Diebeskünsten weit genug vor-geschritten, so beginnt das Handwerk auf der Straße, an-fangs von ihren Lehrern noch überwacht; kein Wunder,daß alle edlen Gefühle erstickt sind. So werden dieseKleinen von der frühesten Jugend an auf die Bahn desLasters gedrängt und planmäßig zum Verderben erzogen,wenn nicht ein barmherziger Konstabler diese Wesen derLumpenschule zuführt. Die geeignetste Zeit hiezu ist derWinter in seinen kalten Tagen. Die nackten Füße derKleinen sind roth geschwollen, mit Frostbeulen und Wundenbedeckt. Eine dünne abgetragene Jacke ist alles, was ihreBrust schützt, ein vor Hunger abgemagertes Gesicht lugtunter den wüsten, wirren Haaren hervor. Bald füllen sichdie eingefallenen Backen; jeden Morgen oder Abend einBad und die kräftige Kost thun wunderbare Wirkung.Der Segen dieser aus milden Gaben unterhaltenen Schulenberuht darin, daß hier die Kinder nicht bloß unterrichtet,sondern auch gepflegt und genährt werden. Ein Lehrerdieser Schulen erklärte: „Unsere Grützensuppe hat einewunderbare Wirkung auf die armen Kinder: ohne siehätten wir unsere Schulen längst schließen müssen." Ineiner dieser Londoner Lumpenschulen wurden innerhalbder letzten zehn Jahre über 4000 Kinder unterrichtet underzogen. Durch die Gründung dieser Schulen hat die Zahlder jugendlichen Verbrecher in England bedeutend abge-nommen, auch der Prozentsatz der Todesfälle hat sich ver-mindert. Die meisten dieser Kinder haben weder Eltern,noch Geschwister, noch Freunde; sie wissen selbst nicht,welcher Konfession sie angehören. In diesen Schulen wirdnun irgend ein Handwerk von den Kleinen gelernt; sowerden sie später zu ehrlichen, broderwerbenden Arbeitern.
Wohlthuend berührt es, wenn man hört, daß wohl-habende frühere Lumpenschüler bei ihren Festlichkeiten mitdankbarer Liebe die Wohlthäter preisen, welche sie ihremElend entrissen haben.
Gewiß ein schönes und verdienstliches Werk, dieseKinder dem moralischen und physischen Elend zu entreißen;zu bedauern ist nur, daß, nach den obigen Mittheilungenzu schließen, die konfessionelle Erziehung der Kinder ganzaußer Acht gelassen zu werden scheint. Hätten wir docheinen Dom Bosco auch für England!
--sso-v-cs—
Goldkörner.
Um die Wahrheit ist es Großes,
Großes ist es um die Liebe —
Kinder sind sie gleichen Schoßes,
Gleicher Wurzel edle Triebe ....
Wenn's auch nicht geschrieben ständeBei St. Paulus schon, — es bliebeDoch Gesetzes Füll und Ende:
Wahrheit wirken in der Liebe.
Kreiten.
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