15,1
die in ihre Netzeverboten worden,
« -h'
gegangen waren. Nora war strengGottfried von der schmachvollen Er-werbsquelle zu sprechen, und leider hatte sie nicht denpflichtmüßigen Muth, trotzdem zu reden."
Barbara war aschfahl geworden. Regungsloshingen ihre Blicke an den Lippen ihrer Tante, und lang-sam rann Thräne auf Thräne über ihre bleichen Wangenhernieder.
„Und mein Vater? — was sagte er, als er erfuhr,daß der Name meiner Mutter nicht fleckenlos sei?"hauchte Barbara.
„Ich weiß es nicht; ich wagte nie, ihn darnach zufragen. Er blieb mit seiner jungen Gattin im fernenLande und kehrte nicht nach dem Adlerhorst, demStammsitz seiner Ahnen, zurück. Er lebte bald hier,bald dorr, und einst, als ersich kurze Zeit am Bodensee aufhielt, reiste meine Mutterhin, um ihn zur Rückkehr zubewegen. Sie erzählte mirspäter, daß das junge Paarein unglückliches, ruhelosesLeben führe. Nora sehe bleichund krank aus und scheinevor ihrem Gatten sich in scheuerFurcht zurückzuziehen. AuchDein Vater schien nicht frohund glücklich zu sein; er hatteseiner Gattin vergeben, aberdas frühere Vertrauen konntenicht wieder hergestellt werden,obgleich er sie innig liebte.
„Wenige Monate später er-fuhr ich, daßDu geboren warstund Deine arme Mutter ihrtraurigesDasein beendet hatte.
Darauf kam Dein Vater zumir und brachte Dich mit derWärterin. — Fast hätte ichihn nicht wieder erkannt, soverändert sah er aus. Sorgeund Gram, vielleicht auch Ge-wissensbisse hatten mit eher-nem Griffel ihm tiefe Furchendurchs Antlitz gezogen, undzahlreiche Silberfäden durch-zogen sein dunkles, gelocktesHaar. Anfänglich war er sehrschweigsam, dann aber schüttete
er mir sein ganzes Herz aus. Er gestand mir, daß er durchsein liebloses Benehmen das sichtliche Hinwelken seinerGattin verschuldet habe. Er hatte sie innig geliebt, sichaber nicht überwinden können, ihr diese Liebe zu zeigen,wiewohl er wußte, wie sehr sie sich nach einem einzigen,liebevollen Blick sehnte. Erst als sie im Sterben lag.hatte er ihr Alles verziehen, und in seinen Armen hauchtesie den letzten Athem aus. Er glaubte, der stolze Nameder Freiherren von Garkau sei durch diese Verbindungin den Staub gezogen, und erst jahrelang nach demTode konnte er sich entschließen, nach dem Adlerhorst,seinem Stammschlosse, zurückzukehren!"
Frau von Soden hielt inne. Liebkosend glittenihre Finger über das Haupt des leise weinenden Mäd-chens, das noch immer still zu ihren Füßen saß.
E
„Mein Bruder konnte nicht den Anblick seinesKindes ertragen. Er glaubte, durch sein liebloses Be-nehmen den frühen Tod der Mutter verursacht zu haben,und ließ Dich fortan unter meiner Obhut. Ich warsehr glücklich darüber, denn mein Herz blutete noch umden Verlust meines eigenen, einzigen Kindes, und jetztfand ich Ersatz. Dann reiste Dein Vater wieder in derWelt umher. Als Du fünf Jahre alt warst, kam erwieder, doch nur auf wenige Stunden. Wir kamenüberein, daß Du hier bleiben solltest. AIs Du heran-gewachsen warst, bat ich ihn oft, entweder hierher zukommen oder Dich nach dem Adlerhorst zu nehmen,aber dazu kann er sich nicht entschließen. Ich kennewohl den Grund — er fürchtet, durch Dich an Noraerinnert zu werden, und schwach, wie er ist, schiebt er
_gern diesen Augenblick so lange
wie möglich hinaus. Du weißt,Barbara, Charakterschwäche istein Grundzug in der Garkau'-schen Familie, und ich weißnicht, woher Du die starkeWillenskraft hast; jedenfallsvon Deiner Mutter."
„Gleiche ich jetzt meinerMutter,Tante Agnes?" fragtedas junge Mädchen, nachdemes die Thränen getrocknet hatte.
„Nein, mein Kind, durch-aus nicht. Aber dennoch würdeich Dich sofort als NorasKind wieder erkennen. Duhast dieselbe melodische, weicheStimme, dasselbe heitere,silberhelle Lachen, welches unsAlle am ersten Abend so sehrentzückte. Nora war so lebens-froh und heiter, so ganz ver-schieden von uns, die wir aufdem Adlerhorst ein einsames,zurückgezogenes Leben geführthatten."
Tante Agnes schwieg. Bar-bara blickte starr vor sichnieder, ihr Antlitz war bleichund traurig. Endlich standsie auf.
„Ich danke Dir, TanteAgnes, und ich freue mich, daßich jetzt Alles weiß. Von nunan betrachte ich das schroffe Benehmen meines Vaters gegenmich im anderen Lichte. Jetzt verstehe ich, warum er michzeitlebens vernachlässigt hat, aber ich halte es doch nichtfür rechtlich."
Dann umarmte sie innig ihre Tante, küßte sie undverließ das Zimmer. — AIs sie. später ihren gewöhn-lichen Platz am Theetisch wieder einnahm, war sie ruhigund gefaßt, und ihre Wangen zeigten wieder den frühe-ren rosigen Schimmer. Nur noch einmal kam sie aufdie erste Unterhaltung zurück, als sie fragte:
„Noch eins ist mir unklar, liebe Tante. Woherkommt das Vermögen, welches ich im nächsten Jahr er-lange' soll? Bis jetzt hatte ich geglaubt, es sei einErbth^ meiner Mutter; doch da es ein Irrthum ist,muß ich doch wissen, wem ich es zu danken habe."
Ih'l
reuzweg mit dem Loes Iiomo-(Pilatus-)Bogen.