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nur sehr kurze Zeit hier gewesen sein und keinen Eindruckauf mich gemacht haben, denn ich entsinne mich seinergar nicht. Von meiner eigenen Mutter weiß ich garNichts, denn Du willst mir ja nie von ihr erzählen.Du sagst mir, daß, wenn ich zwanzig Jahre alt bin,ich in Besitz eines bedeutenden Vermögens und einesprächtigen Landhauses gelangen werde. Morgen werdeich neunzehn Jahre alt, also im Verlauf eines Jahresbin ich eine reiche Erbin! — Was wird dann geschehen?Wird dann mein Vater kommen und mich in sein Hausaufnehmen? Sich, liebe Tante, Du bist sehr, sehr gutgegen mich gewesen; meine eigene Mutter hätte michnicht liebevoller hegen und Pflegen, mich nicht sorgfäl-tiger erziehen können, wie Du es so gewissenhaft gethanhast. Für all Deine Liebe bin ich Dir sehr dankbar,das weißt Du, nicht wahr? — und ich liebe Dich auf-richtig dafür," sie legte schmeichelnd ihren Arm um denHals der Tante, „aber trotzdem hat mein Vater keinRecht, mich von sich fern zu halten, wie er es bishergethan hat wenn er nicht einen Grund — einentriftigen, guten Grund hat, der sein schroffes Benehmengegen mich entschuldigt," fügte sie mit bebender Stimmehinzu.
„Aber Du weißt doch, mein Kind, daß Deine armeMutter gerade an dem Tage starb, als Du geborenwurdest; und Dein Vater liebte sie so innig, daß erfürchtete, Dein Anblick würde ihn stets an seinen Verlusterinnern."
„Oh, ja, das weiß ich, das hast Du mir oft ge-sagt Aber verzeihe mir, Tantchen, ich glaube es nicht.Als mein Vater vor ungefähr zwölf Jahren wieder hei-rathete, mußte er solche Gefühle beherrschen, sonst hätteer keine zweite Gattin erwählt."
„Nun, er heirathete hauptsächlich deßhalb noch ein-mal, weil er für seinen Titel und seine Güter einenSohn und Erben wünschte. Das Andenken an DeineMutter ist damit aber nicht verloren gegangen."
„Ja, aber warum denn vernachlässigt mich meinVater so?"
„Du solltest nicht so von Deinem Vater sprechen,"ermähnte die Tante.
„Von meinem Vater? Hat er wie ein Vatergegen mich gehandelt?"
„Er hat stets hinreichend Geld für Deine Erziehunggeschickt, das mußt Du anerkennen."
„Geld? ja, das weiß ich. — Aber was ist Geldim Vergleich zu der väterlichen Liebe, die er mir schul-dete? Bah! daran liegt mir nichts!"
„Nun, warte ab, Barbara. Im nächsten Jahre,wenn Du 20 Jahre alt bist, wird er Dich besuchen,und wer weiß, vielleicht — —"
„Nein, liebe Tante," unterbrach das junge Mäd-chen, „so lange warte ich nicht."
„Was willst Du thun? Was hast Du vor?" fragtedie Tante sichtlich erschreckt.
„Bis jetzt weiß ich eS noch nicht; ich habe nochkeinen festen Plan gefaßt. Aber ehe ich meinen Ent-schluß ausführen kann, muß ich die einfache Wahrheitwissen. Sieh nicht so erschreckt drein, liebe Tante, wennDu sie mir nicht sagen willst, so schreibe ich noch heutean meinen Vater und frage ihn ganz offen. Aber esist besser, Du gibst nach und sagst mir Alles, was Duweißt."
Die arme Frau von Soden! Der gerechtfertigte
Wunsch ihrer Nichte brachte sie in nicht geringe Verlegen-heit, und hilfesuchend blickte sie bittend in das erregteAntlitz des jungen Mädchens. Sie hatte längstgefürchtet, daß dieser Augenblick kommen und Barbaraauf Klarlegung der Verhältnisse dringen würde, und sichim Stillen gewundert, daß dieser gefürchtete Zeitpunktbis jetzt hinausgeschoben war. In ihrer Charakter-schwäche versuchte'sie auch heute mit einer Mittheilungzu zögern, die ihr geliebtes Kind schmerzlich berührenmußte.
„Ein anderes Mal, Barbara," tröstete sie, „ichverspreche Dir, daß ich Dir bald alles sagen will, wasich weiß. Siehe, es ist bald Zeit zum Abendessen, —der Thee wird gleich hereingebracht werden."
„Nein, Tante, ich warte nicht länger; ichkann nicht warten, ich habe einen ganz besonderenGrund. Du weißt auch, der Thee wird kaum in einerhalben Stunde hereingebracht."
Wie gewöhnlich, mußte auch heute die gute Tantedem stärkeren Willen der Nichte nachgeben, und nachdemsie einige Male schwer geseufzt hatte, begann sie:
„Du hättest Deine Mutter kennen müssen, meinliebes Kind; doch Du hast ja keine Ahnung davon, wiesie aussah, und Du gleichst ihr durchaus nicht. Siehatte Helles, lockiges Haar, rosig angehauchte Wangen,und ihre großen, blauen Augen lachten schelmisch undin froher Lebenslust. Ich werde nie den Abend ver-gessen, als ich sie zum ersten Male auf einem Balletraf, dessen Glanz- und Mittelpunkt sie bildete. MeinBruder Gottfried — Dein Vater — sah sie, und wirwunderten uns gar nicht darüber, daß er nur für sieAuge und Ohr hatte; waren wir doch selbst von ihrerSchönheit und Anmuth begeistert. — Bald war dasjunge Paar verlobt, und wir waren Alle glücklich dar-über. — Nora Settier — so hieß Deine Mutter —lebte mit einer Tante, einer Wittwe, in einer kleinenVilla, in einem ziemlich entlegenen Stadttheil, von denZinsen des Capitals, welches ihr Gatte bei seinem Todeihr ausgesetzt hatte. Gottfried war zu glücklich, um sichnach den Familienverhältnissen seiner Braut zu erkun-digen und Niemand von uns schöpfte auch nur den ge-ringsten Argwohn. Ich erinnerte mich zwar später, daßich Nora einst bitterlich weinend fand; ein anderes Mal,als ich sie besuchte, hörte ich vor der Thür, wie sieschluchzend ausrief: „Ich kann es nicht länger ertragen— ich muß es ihm sagen", doch wußte ich nicht, wasihre Worte bedeuten konnten."
„Endlich kam der Hochzeitstag. Nora sah in ihremschweren, weißseidenen Kleide, mit Myrten und Schleiergeschmückt, wirklich bezaubernd aus, obwohl ihre Augenvom Weinen roth umrandet waren. Gleich nach derFeier begaben sich die Neuvermählten auf eine längereHochzeitsreise ins Ausland. — Ich habe Nora nichtwiedergesehen. — Da geschah das Unglaubliche. FrauSettler — Noras Tante — war plötzlich mit Hinter-lassung einer bedeutenden Schuldenlast spurlos ver-schwunden. Allzu spät machte jetzt erst die Polizei dieEntdeckung, daß die Entflohene mit einer gefährlichenAbenteurerin und Gaunerin identisch sei, auf die schonlange in verschiedenen Städten gefahndet, die aber bisjetzt noch immer den Händen der Gerechtigkeit glücklichentkommen war. In der abgelegenen Villa war eineSpielhölle errichtet, und Frau Settler verstand es, durchfalsches Spiel bedeutende Summen denen abzunehmen,
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