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1894.

Augsburger Postzritung".

Dienstag, den 13. März

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler) .

Die Tochter des Hauses.

Erzählung von C. Borges.

^Nachdruck verboten.)

Erstes Capitel.

Hell leuchtete der Mond über der kleinen, von Wald und Bergen eng umschlossenen Gebtrgsstadt. Es war ein kalter, frostiger Winterabend, und ein scharfer Wind strich schneidend durch das stille Thal hin, den frisch gefallenen Schnee fußhoch aufthürmend. Auf den Dächern oder an den kahlen Zweigen der Bäume schim­merten die weißen Kiystalle, hin und wieder schwirrte eine Eule krächzend mit langsamem, schwerem Fluge durch die blätterlosen Gipfel.

Doch so sehr draußen der Sturm auch heulte und tobte und mit wilder Gewalt die Bäume peitschte, so daß sie ächzend und stöhnend gegen die hell erleuchteten Fenster eines stattlichen Hauses schlugen, so merkte man in dem behaglich durchwärmten Gemache nichts von der schneidenden Kälte dieses rauhen, stürmischen Dezember­abends.

Auf einem niederen Tabouret saß die Herrin des Hauses, die schon seit Jahren verwittwete Frau von Soden. Obgleich schon in der Mitte der Vierziger, war sie immerhin noch eine imposante, stattliche Erscheinung mit tiefblauen, seelenvollen Augen und blühendem Ant­litz, in dem aber ein gewisser Zug auf nicht allzu große Charakterstärke schließen ließ. Sie trug noch immer tiefe Trauer, denn obgleich ihr Gatte schon seit sechs Jahren durch den unerbittlichen Tod von ihr gerissen war, konnte sie sich doch nicht entschließen, die schwarze Kleidung abzulegen. Durch ihre feinen, weißen Finger flogen ruhelos die klirrenden Nadeln eines Strickzeuges; nur ab und zu, wenn der Wind so heftig die Fenster rüttelte, schaute sie auf, rückte dann wohl ihren Stuhl dem Feuer näher und fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.

Ihr gegenüber, in die weichen Polster eines be­quemen Sessels gelehnt, saß sinnend und regungslos ein junges Mädchen. Ihre in einander gelegten Hände ruhten müßig im Sckwoße, die dunkelbraunen Augen blickten träumend ins Leere, und die sonst so rosig an­gehauchten Wangen waren auffallend bleich. Das üppige, kastanienbraune Haar schmiegte sich in schweren Flechten fest um das Haupt und bedeckte in kleinen Ringeln fast die Hälfte der Stirn, doch die fest aufeinander gepreß­ten, schmalen Lippen zeugten unverkennbar von großer Willenskraft.

Du bist heute so schweigsam und so unthätig, Barbara," begann endlich die ältere Dame.

Ja, Tantchen, ich weiß es aber ich bin nicht wie Du; ich kann nicht arbeiten, wenn ich so viel zu denken habe."

Was ist Dir denn eigentlich? Hast Du Sorgen? Das scheint mir doch kaum möglich! Willst Du es mir denn nicht sagen und Dein Herz ausschütten? Schon seit einigen Tagen habe ich bemerkt, daß etwas auf Deiner Seele lastet habe ich Recht?"

Es ist morgen mein Geburtstag, Tante Agnes."

Das weiß ich! Glaubst Du etwa, ich könnte das vergessen, mein Kind?"

O nein, Tantchen, Du nicht, ich weiß, Du denkst viel an micb und bist immer so gut und freund­lich gegen mich gewesen aber die Anderen werden sie wohl an mich denken?"

Deshalb machst Du Dir Sorge, mein Kind, küm­mert es Dich, obdie Andern" an Dich denken oder nicht?" fragte die Tante mit leisem Vorwurf.

Ja, aber noch mehr; es kann und darf nicht länger so weiter gehen."

Was meinst Du? Ich verstehe Dich nicht."

Ein leichter Schatten des Unmuths und der Furcht lagerte sich auf Frau von Südens wohlwollendem Antlitz.

Ich will's Dir sagen," versetzte Barbara, doch gleich hielt sie inne, setzte sich auf einen niederen Sche­mel zu Füßen der Tante und schaute sie mit ihren dunklen Augen flehend an. Sie war gerade keine auffallende Schönheit, doch das fein geschnittene Gcsicht- chen war heute auffallend bleich und um die Mund­winkel zuckte es bedenklich. Und doch war Barbara von Garkau der Sonnenstrahl des Hauses, durch ihre ge­winnende Freundlichkeit und Offenheit schon von Kind­heit an der allgemeine Liebling.

Nun, Tantchen, heute will ich Dir sagen, was mir fast das Herz abdrückt," begann sie, ihr Haupt in die Hände der Tante bergend.Es ist kaum anzu­nehmen, daß in dem ganzen weiten Weltall irgend ein Kind gefunden werden könnte, welches sich in einer so eigenthümlichen Stellung befindet, wie ich. Ich habe einen Vater, eine Stiefmutter, eine Schwester und zwei kleine Brüder, und habe noch nie in meinem Leben irgend ein Glied meiner Angehörigen gesehen. Du hast mir erzählt, daß mein Vater mich einst besucht hat, als ich kaum fünf Jahre zählte. Er wird gewiß