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kann ebenso gut laufen und spielen wie Onkel Arthur",jubelten die Kinder.
„So, kann sie das? Jetzt geht zu Gleichen undlaßt Euch helfen, die durchnäßten Mantel und Stiefelabnehmen. — Wollen Sie zu mir in das Schulzimmerkommen, wenn Sie Ihre Kleider gewechselt haben?"wandte sie sich an Barbara.
„Ich werde sogleich bereit sein, Frau v. Garkau."
Ihre Wangen glühten vom Laufen in der frischenWinterluft, die dunkelbraunen Augen leuchteten freudig.Sie schüttelte den Schnee aus ihren dicken Flechten, dievon dem Glanz der Sonne wie mit einem goldigen Scheinumgeben waren.
„Welch' ein liebliches Mädchen!" dachte die Stief-mutter, als sie ihr nachschaute. „Ich will nur hoffen,daß mein Vetter Arthur Dornburg ihr nicht zu tief insAuge schaut, wenn er in der nächsten Woche zu unskommt. — Ha, mir kommt ein glücklicher Gedanke! Ichwill für dieselbe Zeit Olga Rosen einladen; die beidenhaben sich gern, und da Olga kürzlich geerbt hat, sowäre das eine gute Partie. Arthur muß eine reicheGattin wählen!"
Drittes Capitel.
Glücklicher Weise hatte Barbara eine vorzüglicheErziehung genossen und ihre Kenntnisse waren so be-deutend, daß sie den vielen Anforderungen, die an siegestellt wurden, vollkommen gerecht werden konnte. Nurum Edmund schien Frau v. Garkau besorgt. Er solltein wenigen Monaten das Gymnasium besuchen, und seinWissen war bis jetzt noch ziemlich mangelhaft. EvelinensFortschritte schienen ihr kaum der Bedeutung werth.Und doch hatte Barbara schon während der ersten Unter-richtsstunden erkannt, daß dem schüchternen, schwächlichenMädchen bedeutend größere Geistesgaben verliehen waren,als dem jüngeren Bruder, der nicht einmal durch an-gestrengten Fleiß diesen Mangel zu ersetzen suchte.
Der Freiherr blieb der neuen Gouvernante gegen-über gleichmäßig freundlich, aber zurückhaltend. Erschien sich an den Ton ihrer Stimme gewöhnt zu haben,und nur wenn ihr heiteres, silberhelles Lachen an seinOhr drang, zuckte er jäh zusammen, und sein ernst-trauriges Antlitz wurde noch bleicher. Den größtenTheil des Tages verbrachte er in seinem Arbeitszimmer,um hier durch angestrengte Thätigkeit Ruhe und Ver-gessenheit zu finden.
Als er vor zwölf Jahren eine neue Herrin in dasSchloß seiner Vüter einführte, war es der jungen Gattinwohl bewußt, daß der finstere Sonderling ihr nicht dievolle Liebe eines jungen Herzens entgegenbrachte, dennnoch immer hing sein Herz an seiner ersten Gattin,deren frühen Tod er durch seine Lieblosigkeit verschuldetzu haben glaubte.
Die junge, lebensfrohe Gattin hatte es sich zurAufgabe gemacht, den ernsten, verschlossenen Mann mitseinem tief-traurigen Antlitz wieder aufzuheitern und ihmseinen Verlust zu ersetzen. — Es war ihr nicht gelungen.— Die arme Frau! Sie fühlte sich bitter enttäuschtund ward fast eifersüchtig auf die so früh Dahingeschie-dene, deren trauriges, kurzes Leben ihr nicht unbekanntwar. Nach besten Kräften hatte sie den Gatten zu über-reden gesucht, Barbara zu sich zu nehmen, oder siewenigstens zu besuchen; er hatte nicht gewollt. - Da jhatte sie dann selbst ihrer unbekannten, damals noch '
nicht achtjährigen Stieftochter einen Brief geschrieben,den das Kind auch mit Hilfe der Tante beantwortethatte. — Dieser Brief lag wohlverwahrt mit den wenigen,die sie von ihrem Vater erhalten hatte, in ihrem Schreib-pulte.
Frau von Garkau hatte nur wenige Freunde. Siewußte selbst nicht, wie es gekommen war, daß die neueGouvernante mit ihrem ehrlichen, offenen Wesen undherzgewinnender Freundlichkeit schon nach wenigen Tagenihr ganzes Vertrauen gewonnen hatte. — Schon oft,wenn die Stunden beendet, kam sie zu einem traulichenPlauderstündchen ins Schulzimmer, und mehr als einmalhatte sie von ihrer entfernten, unbekannten Stieftochtererzählt, die nach dem letzten Willen eines alten, excentri-schen Oheims im nächsten Jahre zu einem bedeutendenVermögen gelangen sollte.
„Ich hoffe, im nächsten Jahre, wenn sie zwanzigJahre alt ist, wird mein Gatte erlauben, daß sie hierherkommt," hatte sie damals seufzend hinzugefügt, denn siehatte um diese Gunst schon so oft gebeten, und jedesmalwar der finstere Blick des Gatten drohender geworden.
Auch heute kam die Schloßherrin, jedoch später wiegewöhnlich, ins Schulzimmer. Sie sah bleich und an-gegriffen aus; ihr Kopf schmerzte, ihre Augen brannten.Die Kinder, die gerade nach dem Kinderzimmer geschicktwurden, kehrten auf der Schwelle wieder um, und derkleine Alex sprang jubelnd auf den Schooß der Mutter.
„Quäle die Mama heute nicht," gebot Barbara sanft,„geh' zu Gleichen!"
Das Kind gehorchte augenblicklich. Die Mutterhatte sich oft gewundert, wie folgsam die Kinder derneuen Gouvernante waren. Nur Eveline blieb einenAugenblick stehen, doch auf Barbaras Wink entfernte siesich gleich.
„Das Licht blendet; mein Kopf schmerzt," stöhntedie Freifrau.
Barbara holte den Lichtschirm, schob einen bequemenSessel für die Stiefmutter zurecht, stellte einen niederenSchemel für die Füße bereit und wartete geduldig, bissich die sichtliche Erregung ein wenig gelegt hatte.
Es dauerte auch nicht lange, so wußte Barbara,daß ihr Vater jetzt mit allem Ernst darauf drang, seinenSohn Edmund zu Ostern in eine Erziehungsanstalt zugeben, und daß die Mutter sich geweigert hatte, sich vonihm zu trennen. — Es war eigenthümlich, daß sich dasHerz der Stiefmutter sympathisch zu Barbara hingezogenfühlte, und zum ersten Male erzählte sie ihr auch heutevon Nora, ihrer eigenen Mutter.
Barbara beugte sich tief über eine kleine Arbeit,um die aufsteigende Nöthe in ihrem Antlitz zu verbergen;doch kein nachtheiliges Wort kam über die Lippen derErzählerin, die nur beklagte, daß es ihr nicht gelingenwolle, so wie die erste Gattin, die Liebe des finsterenSchloßherrn zu gewinnen.
„Ich weiß nicht, warum ich gerade Ihnen meinHerz ausschütte, Fräulein Morden," sagte sie dann,„aber ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann, das seheich in Ihrem Antlitz, und es thut mir so wohl, daßSie so geduldig meine Klagen anhören."
Zwei Tage später hatte endlich der lang erwarteteArthur Dornburg seine Ankunft gemeldet. Die Kinderfrohlockten; auch Barbara hatte längst entdeckt, daß erder ausgesprochene Liebling des ganzen Hauses war. DieFreifrau liebte ihn, selbst das Antlitz des finstern Haus-