äL23.
„Nugsburger Postzeitung".
Dienstag, den 20. März
1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler).
Die Tochter des Hauses.
Erzählung von C- Borges.
(Fortsetzung.)
Barbara sprach nur wenig; alle an sie gerichteteFragen beantwortete sie kurz und einsilbig, denn beijedem Wort fühlte sie die Blicke ihres Vaters auf sichruhen, und sie wagte noch immer nicht, ihn anzusehen.
„Sie ist allzu ängstlich, doch scheint sie aus sehrguter Familie und kaum zur Gouvernante geboren",dachte der Freiherr; endlich redete er sie an:
„Mir kommt Ihre Stimme so sehr bekannt vor,Fräulein Morden, haben Sie sich früher schon in dieserGegend aufgehalten oder habe ich Sie schon früher ge-sehen?"
Das war eine verfängliche Frage — sie umgingdaher die zweite und antwortete nur:
„Ich bin noch nie in dieser Gegend gewesen."
Es war ihr eine große Beruhigung, daß sie damitder Wahrheit getreu bleiben konnte, denn sie wußte, daßihr Vater sich mit seiner ersten Gattin im Auslandeaufgehalten hatte, und dort ward sie geboren. Glück-licher Weise stellte ihr Vater keine weitere Frage, be-endete sein Frühstück und griff dann wieder zu seinerZeitung.
Jetzt, da er sich wieder in die Lectüre vertieft hatte,wagte Barbara, genau das ernste Antlitz zu betrachten.Sie sah vor sich die edlen, aristokratischen Züge desVaters, seine hohe, gewölbte Stirn und sein stark er-grautes Haar. Der untere Theil des Gesichtes wurdedurch einen dichten Vollbart umrahmt; aber dennochwar unverkennbar ein bekannter Zug darin zu finden,der sie an Tante Agnes erinnerte. Als er jetzt seinAuge erhob, um einige Worte an seine Gattin zu richten,erschrak sie über den tief traurigen Ausdruck in seinenZügen.
„Wenn ich nur die Wunden heilen könnte, die meineMutter ihm geschlagen hat, aber ich muß geduldig seinund darf mich nicht verrathen."
Sie war so sehr in ihren schmerzlichen Gedankenversunken, daß sie heftig erröthete, als ihre Stiefmuttersie anredete. Die Kinder hatten schon gebeten, ins Freiegehen zu dürfen, doch die Mutter schüttelte energischdas Haupt.
„Es geht nicht; der Schnee liegt zu hoch, Ihr könntetEuch erkälten. Auch glaube ich nicht, daß FräuleinMorden Lust hat, mit Euch hinaus zu gehen."
„Fräulein Morden!" riefen drei helle Kinderstimmen,„bitte, sagen Sie, daß es draußen schön ist. Es ist soherrlich im Schnee; wir spielen dort so gern!"
Barbara blickte fragend ihre Stiefmutter an.
„Wenn Sie glauben, daß es den Kindern nichtschadet, so gehe ich gern mit. Es ist ein frischer klarerMorgen, und ich gehe gern in den Schnee."
„Hörst Du wohl, Mama, dürfen wir jetzt gehen?"
„Na, so geht nur, aber höchstens eine Stunde.Eveline, geh' und sage Gleichen, daß sie Euch die dickstenStiefel anzieht und Euch warm einhüllt."
Im Augenblick hatten die Kleinen das Zimmerverlassen und stürmten jubelnd die Treppe hinauf.
„Es ist gut, daß wir hier wenigstens ein wenigRuhe haben," bemerkte der Hausherr. „Die Knaben machenoft wirklich zu vielen Lärm, Eveline."
Seine Gattin blickte auf, doch sie unterdrückte diescharfe Entgegnung, die sie auf der Zunge hatte, und zuBarbara gewendet, sagte sie:
„Lassen Sie die Kinder nicht zu lange draußen,Fräulein Morden, und wenn Sie wieder hereinkommen,will ich mit Ihnen im Schulzimmer den Unterrichtsplanbesprechen."
Barbara versprach es, dann eilte sie fast so schnellwie die Kinder die Treppe hinan. Sie freute sich,endlich ins Freie zu kommen, um dort, wie in ihrerHcimath, sich im Schnee tummeln zu können.
„Meine armen kleinen Vögel", dachte sie, „obTante Agnes sie wohl füttert? Ich hatte sie so sehrdarum gebeten. — Hier werde ich es wohl noch nichtthun dürfen."
Noch nie hatten die Kleinen so herrlich im Schneegespielt wie heute. Sie liefen um die Wette, spieltenmit Schneebällen, machten einen riesigen Schneemann,so daß die Kleinen von ihrer neuen Gouvernante ganzentzückt waren. Sie konnte ebenso schnell laufen, wieEdmund, so hoch werfen wie Onkel Arthur, und alsder kleine Alex gefallen war, nahm sie ihn auf dieSchulter und lief mit ihm so schnell durch den Garten,wie ihre Füße sie nur tragen konnten. — Das war eineGouvernante, wie sie die Kinder in ihren besten Er-wartungen kaum erhofft hatten!
Als kaum eine Stunde vergangen war, kehrte diekleine Gesellschaft mit hochrothen Wangen und leuchtendenAugen lachend und scherzend ins Schloß zurück.
„Oh Mama, das war herrlich! Fräulein Morden