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dern, deren schwarze Farbe durch eine weiße Garnirungerleuchtet wird, gehen Alle, Sehende wie Blinde, Vor-gesetzte wie Zöglinge, geräuschlos ihrer Beschäftigung nachund verrathen durch ihren immer gleichen heitern Gesichts-ausdruck, daß gottergebene Zufriedenheit in ihren Herzenwohnt.
Als ich in Begleitung der sehenden Vorsteherin indie unterste Schulklasse eintrat, trippelten Zwei blindeKinder, im Alter von 4—6 Jahren, haschend auf dieVorsteherin zu und schmiegten sich zutraulich an sie an;diese aber hob die Kleinen auf ihre Arme und herzteund liebkoste sie, wie eine Mutter. Dabei strahlte ihrAngesicht von Glück und Wonne und zeugte von derdurch die Religion verklärten Liebe, die sie ihren armenSchutzbefohlenen zuwendet. Es ist nicht der niedrigeMammon und auch nicht allein das fühlende Menschcn-herz, das diese Frauen zu ihren Werken treibt, sondernes kommt dazu die mächtigste Stimmung der Menschen-seele, die religiöse Begeisterung, welche die Schwesternerfüllt und mit Freude dem Dienste der Elenden sichhingeben läßt. Bei ihrer Einkleidung legen die blindensowohl als die sehenden Schwestern von St. Paul öffent-lich vor dem Altar in der Kirche das feierliche Gclöbnißab, sich ganz den Blinden zu weihen und alle Pflichtenzu erfüllen, welche deren Erziehung erfordert. Dannwerden sie mit dem Ordensgewand bekleidet, und mangibt ihnen eine Kerze in die Hand mit den Worten:„Empfanget dieses irdische Licht als Zeichen des Gnaden-Lichtes, das euch immerdar leuchten möge."
Im Kloster sind zunächst 67 Ordensschwestern, fasteben so viele blinde als sehende, die den Hausdienst,sowie die Pflege und Erziehung der Blinden besorgen.Dann gibt es etwa 40 Blinde im Alter von 4—16Jahren, die in den gebräuchlichen Schulfächern undHandarbeiten unterrichtet werden. Die Knaben bleibenin der Anstalt bis zum 9. oder 10. Lebensjahre, wo siein eine andere Blinden-Austalt übertreten, während dieMädchen dauernd im Kloster verweilen und, wenn siedazu Beruf haben, auch den Ordens-Schleier empfangenkönnen. Auch nehmen die Schwestern erwachsene blindeDamen in Pension, von denen jede ihr besonderes Zimmerbewohnt. Es wird alle Sorge aufgewandt, um diesenVereinsamten durch Lectüre, Musik, Unterhaltungen undBeschäftigungendasLebenso angenehm als möglich zu machen.
So arbeitet die Genossenschaft der blinden Schwesternvon St. Paul in ihrer Weise getreulich mit an der Ver-besserung des Looses der lichtlosen Menschheit und fülltgewiß eine Lücke aus in dem weit verzweigten Systemder Blinden -Fürsorge; wenn sie auch ihre Schutzbe-fohlenen Meistens nicht zum freien Wirken in der Weltbefähigt, so bietet sich doch allen allein stehenden blindenMädchen ein freundliches Asyl, wo dieselben betend undarbeitend glücklich werden können. Blinde Mädchen sindnun einmal zur freien Selbstständigkeit selten geeignet.Ich schied von den frommen Frauen bewegten Herzens,und noch häufig stellen sich meinem Geiste die rührendenund erbauenden Scenen und Bilder vor, die ich in jenem' stillen, idyllischen Heim inmitten der geräuschvollen Welt-stadt sah.
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Goldkörner.
Zwar ist Vollkommenheit ein Ziel, das stets entweicht,Doch soll eS auch erstrebt nur werden, nicht erreicht.
Rückert.
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A L L S L L b?.
Den Locken Jean Paul's unter dem Mikroskopwidmet der Roman-Schriftsteller Nosenthal-Bonin folgendeheitere Reminiscenz: „Meine Mutter besaß eine LockeJean Paul's , eine unzweifelhaft echte, der Dichter hattesie mit einem eigenhändigen Briefe ihrer Mutter über-sandte Diese Locke wurde in unserer Familie hoch undheilig gehalten. Als ich später Physiologie studirte undein Mikroskop bekam, untersuchte ich alles Mögliche imHause. Ich stahl mir ein Haar von der geheiligten Locke,legte es unter das Glas und entdeckte, daß es ein Hunde-haar war; das dritte, vierte und fünfte Haar, welchesich untersuchte, zeigte dasselbe Resultat. Ich suchte mirjetzt noch mehr von Jean Paul's Locken zu verschaffen.Das war zu jener Zeit in Berlin nicht schwer. Lndmillav. Assing, die bekannte Nichte Varnhagen's, besaß einderartig urkundlich echtes Heiligthum, ferner eine Ver-wandte der Heuriette Herz, — ich glaubte, sie hieß FloraPhilippi — als Erbstück von jener her. Das mikroskopischeUntersuchnngs-Resultat war das gleiche wie bet der JeanPaul-Locke meiner Mutter. Es waren Pudelhaare. Ichkam nun zu folgender Erklärung dieses Wunders: JeanPaul wurde, wie bekannt, bestürmt, überschwemmt mitBitten um Locken von seinem Dichterhaupte. Dieseswar frühzeitig schon so kahl, daß die Stirne ohne Hinder-niß hinten in den Rockkragen überging und nur zurSeite noch einige sorgfältig bewahrte Locken von der ehe-maligen Pracht seines Hauptschmuckes übrig waren. HätteJean Paul nur den hundertsten Theil seiner Verehrerund Verehrerinnen, die flehentlich um Locken seines Dichter-hauptes baten, zufrieden stellen wollen, würde er baldkeine Spur mehr von Haar besessen haben und hättewie ein armer Landurapn jeden Nachwuchs sofort ab-mähen müssen. Jean Paul aber hatte ein weiches Herz,war ein galanter Mann und sein Haar war röthlich,das seines Pudels auch. An Mikroskopie dachte damalsnoch Niemand, und so mag der geniale Schriftsteller inseiner Verzweiflung auf den Gedanken gekommen sein,hier und da seinen Pudel zur Aushülse bei dem großenLockenbegehr für sich eintreten zu lassen. Vielleicht reizteauch den großen Humoristen die Vorstellung, daß diehübschen Locken seines muntern „Patos" jetzt eine solcheAnbetung genössen und von schönen Damen und senti-mental schmachtenden Herren an die Lippen gedrückt, aufAtlaskiffen unter Glas aufbewahrt und in kostbaren Al-bums, mit getrockneten Veilchen umrahmt, aufbewahrtwürden."
---SWWS--
Logogryph.
Was dich bewegt und vorwärts treibt,
Dir vor dein Thun und Lassen schreibt,
Das nenn' ich dir, doch liest du michMit o, schaff' Kleidung ich für dich,
Und liest du wieder mich mit e,
Dann siehst du mich in Fluß und See.
Auflösung des Arlthmogrypbs in Nr. 21:Fuchsie, Fuchs, EiS, Ei» Schuh.
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