Ausgabe 
(16.3.1894) 22
Seite
163
 
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einstweilen, bis jener bunte Wechsel in Farbe und Färbungeintrat, den wir noch jetzt besitzen, zur beliebigen Wahlund Auswahl des schönen Geschlechts, das fortan dasHaupt-Privilegium auf Alles, was farbig heißt, erhielt!

Trotzdem haben, was diese Wahl der Farben undLieblingsfarben anbetrifft, sehr hervorragende männlicheStimmen sich bereits erhoben, um gewisse Lehren undGesetze darüber aufzustellen, ja der berühmte französischeRomanschriftsteller Balzac wollte geradezu den weiblichenCharakter danach beurtheilt wissen! Frauen, welcheorange- oder sonstige gelbfarbige, säst- oder zeisiggrüne,amaranth- oder granatfarbige Kleider mit Vorliebe tragen,sollen nach seiner Behauptung keine sehr friedfertige Ge-sinnung, die Liebhaberinnen des schreienden Roth dagegenetwas Lärmendes, Auffallendes besitzen; denen, die Violettvorzugsweise lieben, soll so sagt er nicht recht zutrauen sein, die aber, welche gern das düstere Schwarztragen, müssen meint er auch gern traurige Ge-danken hegen, wie Dunkelgekleidete überhaupt nach seinerAnsicht im Allgemeinen weder sehr geselliger Natur, nochmunterer Laune sein können. Weiß indessen sei nicht nurdie farblose Farbe der Unschuld, sondern außerdem be-liebt bei gefallsüchtigen Damen ohne festen, bestimmtenCharakter; Grau jedoch und Lila bedeuten bei ihmUcber-gangsfarben für Frauen in gewissem Alter, zugleich alsosoviel wies Verzichtleistung, Resignation! Besondersempfiehlt Balzac die Frauen in Rosa und verwandterFarbe, als heiter, liebenswürdig, geistvoll, lebensfroh undumgänglich, und verherrlicht vor Allem die in Blau!Himmelblau gilt bei ihm nämlich für die Hnuptfarbe der äußerlich wie innerlich schönen Frauen; die, derenLieblingsfarbe sie ist, sollen meist sanft und nachdenklichsein, kurz: dieBlaueu" sind ob jung, ob alt inseinen Augen eigentlich die Perlen aller Frauen!

Zum Glück gibt dieser kühne Deuter weiblicher Lieb-ltngsfarben selber zu, daßIrren menschlich sei", undüberdies ist er Franzose, folglich trifft das, was er sagt,ja selbstverständlich nicht unsere deutschen Frauen undFarben!

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Bei de« blinden Schwestern von St. Paulin Paris .

Die Zeitschrift für Verbesserung des Looses derBlinden , der Blindenfreund, welche der verdiente Direktorder Dürener Provincial-Blindenanstalt herausgibt, bringteinen Aussatz über den in der Ueberschrift angedeutetenhochinteressanten Gegenstand, dem wir Folgendes ent-nehmen: Weitab von dem großen Verkehr der Weltstadt,in der Nue Denfert-Nocherau, gegenüber dem Observa-torium, wo das Auge der Gelehrten mit Hülfe kunst-reicher Instrumente bis zu den fernsten Gestirnen dringt,liegt ein stilles Haus, dessen Bewohnern nicht ein Malein Strahl unseres Tagesgestirnes leuchtet; es ist dieAnstalt der blinden Schwestern von St. Paul, sich sonennend nach ihrem Patron, dem Apostel Paulus , derzu Damaskus das Augenlicht vorübergehend verlor unddadurch das Glanbenslicht gewann. Aeußerlich machtdie Anstalt den Eindruck einer alten, vornehmen Patricier -Wohnung, deren Haupträume durch Mauer und Thorvon der Straße getrennt sind. Und in der That hathier vor 60 Jahren ein weltberühmter Mann gewohnt,der Schriftsteller und Staatsmann Chateaubriand, derhier in Muße lebend einige seiner besten Werke verfaßte.

Mehrere Erinnerungszeichen seines hiesigen Waltens werdennoch in der Anstalt vorgezeigt und geben dem Hause einegewisse klassische Weihe. Wenn ich dir in meinem letztenBriefe sagte, der moderne Geist sei noch nicht in diesesweltverborgene Asyl eingedrungen, so muß ich das heutewiderrufen; in Wirklichkeit hat dieser Geist, und zwarin Fleisch und Bein, mit Gewalt und Getöse hier seinenEinzug gehalten. Im Jahre 1871 sind nämlich dieCommunisten, die in dem abgelegenen Hause Jesuiten vermutheten, hier eingebrochen und haben, als sie diegesuchtenBösewichter" nicht fanden, in ihrer Wuth alleszerstört: Möbel, Thüren, Fenster und besonders die Ge-fäße und Bilder der Kapelle.

Doch genug von der Vergangenheit! Laß uns ein-treten! Eine freundliche Schwester führt uns ins Parloir.Hier zieht unsere Blicke zunächst eine große, dunkele Büsteauf sich, die Büste des frühern, verdienten Anstalts-Geistlichen Zuge, der von den Communisten ins Ge-fängniß geschleppt wurde, weil weil er kein Jesuitwar. Daneben hängt unter Glas und Rahmen einbuntfarbiger Kranz von Eichenblättern, die oourcmnsviviyus, der von den Vertretern der republicanischeuRegierung der Anstalt verliehen wurde, ein Zeichen, daßauch die Feinde des Klosterwesens dem menschenfreund-lichen Wirken der frommen Schwestern Anerkennungzollen. Noch mehr wird ein anderes Mobiliarstück desSprechzimmers in die Augen stechen, ein großer Tisch,der mit weiblichen Handarbeiten, Teppichen, Bürsten undBesen bedeckt ist. Ja, in allen Räumen wird von denBlinden fleißig gearbeitet, in den Werkstätten für Bürsten-,Flecht- und Strick-Arbeiten, in der Küche, im Wasch-raume und in dem großen Garten mit Gemüsefeldernund Baum-Alleen. In lctzterm sehen wir blinde Nonnenmit feintastender Hand aus dem Gemüse das Unkrautjäten, und nahe dabei tummelt sich unter Aufsicht einerSchwester eine Schaar kleiner, blinder Mädchen auf demRasen; einige tasten im Grase umher und suchen nachBlumen, andere binden die gepflückten Blumen, sie nachGeruch und Gestalt ordnend, zu duftenden Kränzen undschmücken damit eine Statue des Erzengels Naphael, deSArztes des blinden Tobias. Die regste Thätigkeit aberherrscht in der Relief-Druckerei; dort werden Bücher undNoten in Braille gedruckt für die Anstalt und für dieganze Welt; auch du erhältst ja monatlich eine Probeder Arbeit der blinden Schwestern, die Zeitschrift LouisBraille nämlich, die hier gedruckt wird. Die Vorsteherinder Druckerei, die von fünf blinden Gehülfinnen unter-stützt wird, ist eine kleine, rührige blinde Nonne, diemit großer Umsicht und Hingebung die Arbeiten leitetund unablässig neue Einrichtungen und Verbesserungentrifft.

Wenn wir die Räume durchwandern, so wird unserAuge angenehm berührt durch die große Sauberkeit undOrdnung, die überall herrschen. Ich glaube nicht, daßim ganzen Hause ein Stäubchen zu entdecken ist, daSder putzenden Hand der Blinden entgangen wäre. Be-scheidene Schmnckgegenstände erhöhen den freundlichenEindruck der hellen Zimmer; an den Fenstern blühenduftende Blumen in Töpfen, die Wände zieren religiöseStatuetten und Bilder, und aus den Ecken und Nischenranken Guirlanden von Blättern und Blumen, welchedie Schwestern in ihrer Muße mit kunstgeübteu Fingernohne Hülfe deS Auges anfertigten. Und wie die Räume,so auch die Bewohnerinnen. In einfachen, saubern Klei»