Ausgabe 
(20.3.1894) 23
Seite
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Herrn erhellte sich, als die Ankunft des lieben Gastes un-widerruflich gemeldet ward.

Barbara hatte in den letzten Tagen schon so vielvon ihm reden hören, daß er ihr gar nicht fremd war.Er war der Vetter der Freifrau und Oberst eines Re-giments in der nahe gelegenen Garnison. Er war ohneVermögen und nur auf seine Gage angewiesen; seineCousine war darum stets darauf bedacht, ihn mit denreichsten jungen Damen der Umgegend zusammen zu bringen.Doch so sehr der Oberst auch bei seinen Kameraden be-liebt, von den Kindern fast vergöttert wurde, bei demschönen Geschlecht hatte er keine Lorbeeren gesammelt.

Dies hatte die Freifrau gegen Barbara offen aus-gesprochen, zugleich hinzugefügt, daß die reizende OlgaRosen, die ebenfalls erwartet wurde und jetzt in den Be-sitz eines bedeutenden Vermögens gelangt sei, gewiß einenguten Eindruck auf den Vetter machen würde.

Barbara lächelte. Die innersten Gedanken der Frei-frau lagen wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihr. Siewollte ihr einen Wink geben, der sie daran erinnern sollte,daß sie ja nur eine arme Erzieherin sei, die in respekt-voller Entfernung bleiben und den Weg ihres Vettersnicht zu kreuzen habe. Späterhin wurde noch ein andererGast, Graf Udo von Eckernstein, erwartet, doch dieserwurde kaum erwähnt; die Freifrau glaubte zweifellos,daß hier eine Warnung der Gouvernante gegenüber nichtam Platze sei.

Fräulein Morden, Mama läßt bitten, in den Salonzu kommen; sie möchte gern ein Duett mit ihnen singen,"berichtete Eveline, die leise das Schulzimmer betreten hatte.

Gut ich will kommen."

Die Kleine eilte davon und Barbara mußte jetztwirklich lachen.

Wird sie wohl morgen mit mir singen wollen, wennder allgemein beliebte Vetter Arthur hier ist?" dachte siebei sich selbst,und werde ich ihn auch für so vollkom-men halten wie all' die andern? O, mein armes Herz,fei auf Deiner Hut! eine arme Gouvernante darf ja kaumihre Augen erheben. Aber wie konnte ich das nurvergessen ich bin ja auch eine Erbin! Haha! wennmeine Stiefmutter nur wüßte, wer ich wäre."

Mit heiterem Antlitz und freudig glänzenden Augensang sie mit ihrer wohlgeschulten melodischen Stimme einLied nach dem andern und übte mit der Stiefmuttermanches Duett ein.

Der Schloßherr lehnte in seinem Armstuhl. Mehrals einmal ruhte sein Auge mit Wohlgefallen auf demjugendlich 'frischen Antlitz seines eigenen Kindes, dessenStimme ihn so harmonisch berührte.Welch' ein glück-liches, reizendes Gesicht! Wie schade, daß sie nicht immerbei uns bleibt! Wer weiß, ob Fräulein Wettern so gutwie sie mit den Kindern umzugehen versteht!" dachte erdann.

Dämmerung war eingetreten. Im behaglich durch-wärmten Speisezimmer saß Freifrau von Garkau, ihrgegenüber der soeben angekommene Vetter Arthur Dornburg.

Na, dies ist 'mal wieder ein Sonnenblick in meinemLeben, Eveline, es athmet hier bei Dir die rechte Heimaths-luft; ich bin so gerne hier und seit meinem letzten Be-such ist schon geraume Zeit verflossen."

Oberst Dornburg schob mit diesen Worten seine Tassezurück und streckte behaglich seine Glieder.

Nun, was hat sich denn hier Neues zugetragen?"fuhr er heiter plaudernd fort.Gottfried hat sich gewiß,

wie gewöhnlich, in seinem Arbeitszimmer unter seinenBüchern vergraben! Hast Du mir nicht von seiner neuenGouvernante geschrieben? Hoffentlich ist sie nicht so hart-herzig und erlaubt mir ab und zu einen Besuch imSchulzimmer! Fräulein Müller war früher ganz entsetzlichböse, wenn ich mich dort nur blicken ließ."

Fräulein Morden ist durchaus nicht mit FräuleinMüller zu vergleichen, lieber Arthur," versicherte die Cou-sine.Sie ist jung und lebenslustig, die Kinder schwärmenfür sie; aber leider wird sie nur wenige Monate bei unsbleiben."

Wie kommt das?"

Wir hatten eine andere Dame engagirt, FräuleinWettern, die mir besonders warm für die Erziehung derKnaben empfohlen wurde. Doch sie wurde krank und sandteFräulein Morden in Vertretung."

Wie sieht sie aus? ist sie jung und hübsch, oderalt und häßlich!"

Ich finde sie ganz hübsch, wiewohl ich mir eigent-lich über die Begriffe von Schönheit kein Urtheil anmaße!sie hat jedoch rothes Haar."

Ganz mein Geschmack," scherzte Arthur.

Wirklich? Ich glaubte, Du bewundertest hellblondesHaar und Wasserblaue Augen!"

Zu Zeiten auch!"

Dann wirst Du Dich freuen, daß ich Olga Roseneingeladen habe! Wir erwarten sie noch heute Abend!,,

Der Offizier schaute einen Augenblick ernst seineCousine an, dann lachte er hell auf.

Also dahinaus geht's, meine liebe Eveline. Haha!ich weiß jetzt Bescheid! Paß auf, ich will Dir all' Deinegeheimsten Gedanken sagen: Fräulein Rosen ist jung,liebenswürdig, schön, sie ist eine reiche Erbin"

Nun, das ist doch kein Uebelstand, Arthur," unter-brach die Freifran gereizt.

Durchaus nicht! Es würde aber doch höchst fatalsein, wenn ich mich anstatt in Fräulein Rosen in dierothhaarige Gouvernante verliebte. Leugne es nicht,Eveline, Du siehst, es gelingt Dir nie, Deine Gedankenzu verbergen, ich lese sie, wie aus einem offenen Buche.Doch sei nicht böse und mache Dir meinethalben keineSorgen, ich bin nun einmal ein alter Junggeselle undwerde es bleiben bis an mein Lebensende!"

Aber bedenke Deine Carriere, Du mußt heirathen,wenn Du als Offizier standesgemäß leben willst."

Bah! ich nehme meinen Abschied und wandere aus.In Amerika oder in Australien fange ich dann ein ruhigesLeben als ehrbarer, biederer Landmann an; ich würdenie eine reiche Erbin ihres Geldes willen nehmen!Halloh! was ist denn da draußen für ein Lärm?"

Es sind nur die Kinder, die heute mit FräuleinMorden in der Halle spielen. Da es den ganzen Tagregnet, können sie nicht in den Garten und baten mich,dort ihre Spiele treiben zu dürfen."

Das ist ja herrlich! ein gutes Spiel gibt erst denrechten Appetit zum Abendessen," und ehe die Freifraues hindern konnte, hatte Arthur die Thüre geöffnet undstand in der Halle.

Onkel Arthur! Onkel Arthur!" jubelten drei helleKinderstimmen und umringten den Neuangekommenen.

Halloh, Kinder, was macht Ihr hier für einen Lärm!"

Oh, Onkel Arthur, wir haben so vielen Spaß. Wir spielen Blindkuh, und Fräulein Morden mußuns greifen! Komm, spiele mit uns!"