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„Vater, sind sie nicht meine Geschwister? Oh, wennDu gewußt hättest, wie sehr ich mich nach Euch gesehntHabei Und — meine Stiefmutter ist immer gütig gegenmich gewesen, ich liebe sie, und sie liebt mich auch.Willst Du ihr sagen, wer ich bin? Vielleicht wird siemir zürnen, daß ich mich unter falschem Namen hiereingeschlichen habe. Aber ich bin ja Dein Kind, undsie liebt Dich; um Deinetwillen wird sie mir nichtzürnen."
„Eveline l Ja, sie liebt mich; in Zukunft will ichihre Liebe zu verdienen suchen — und Deine auch",fügte er seufzend hinzu.
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Der Morgen dämmerte, als Barbara das Arbeits-zimmer ihres Vaters verließ. Sie eilte in das Kinder-zimmer. Alle drei Kinder schliefen ruhig und athmetengleichmäßig; selbst Gleichen, die Wache halten wollte,war sanft eingeschlummert. Ihr Herz strömte über vorFreude und Dank; in ihrem Zimmer war es ihr zu eng,sie eilte in den weiten schneebedeckten Garten und be-ruhigte ihr aufgeregtes Gemüth in der frischen, kaltenMorgenluft.
Die Thür des Wohnzimmers stand offen; sie hörteihren Vater mit der Stiefmutter reden; wie würde sieseine Enthüllungen aufnehmen? Sie hatte unter falschemNamen sich Einlaß erzwungen, und das war Betrug, soharmlos er auch an und für sich war, aber würde dieStiefmutter ihn vergeben?
Ihr Herz klopfte, als nach wenigen Minuten ihrVater ihren Namen rief, und schüchtern und mit bleichemAntlitz betrat sie das Gemach.
Die Stiefmutter stand mit ausgebreiteten Armenund drückte sie fest an sich.
„Also Du bist wirklich Barbara?" rief sie ihrjubelnd entgegen, „Gott segne Dich, mein Kind, undlohne Dir alles Gute, was Du an uns gethan hast!Oh, wenn ich noch daran denke, mit welchem Vorurtheilich anfänglich Deine Ankunft hier befürchtete! Vergibmir, Barbara, ich wußte nicht, was wir mit Dir ge-winnen würden I Oh I wie werden sich die Kinder freuen,wenn sie hören, daß ihre geliebte Gouvernante jetzt ihreSchwester ist!"
„Zürnst Du mir auch nicht, daß ich Euch betrogenhabe?" fragte Barbara schüchtern.
„Ich sollte Dir zürnen? Dir, die Du in dieserschweren Zeit so viel für uns gethan hast, und noch da-zu jetzt, da Gott der Herr mir meine Kinder wieder ge-schenkt hat? Nein, Barbara, ich zürne Dir nicht!"
Und innig umarmten sich die beiden Damen, währendder Vater, von Dank und Freude erfüllt, tief bewegtseine Augen gen Himmel schlug.
(Schluß folgt.)
--S-W8NS-
p Angeregt durch einen interessanten Artikel überdie sogenannten Lumpenschulen in London (Unterhaltungs-blatt Nr. 21), der mit dem Ausruf schließt: „Hätten wirdoch auch einen Don Bosco für England !" erlaube ichmir die Notiz: Er ist ja schon dort eingebürgert. SeineSalesianer wirken seit mehreren Jahren sin London , undam 13. Oktober 1893 haben sie in der Vorstadt Battcrsea,
dem Ort ihrer ersten Niederlassung, ein herrliches Festgefeiert. Wo einst, am linken Ufer der Themse , derGarten des Sir Thomas Morus sich befand, da erhebtsich heute eine stattliche Herz-Jesu-Kirche. Zweitausend,meist arme Katholiken bilden die Gemeinde; sie habenschwere Tage gekannt und mußten, um ihren religiösenPflichten nachzukommen, große Opfer bringen. EinigeJahre vor der Niederlassung der Salesianer hatte einefromme Dame der Vorstadt B. das Geschenk einer Noth-kirche gemacht, die aber im vorigen Jahre abgetragenwerden mußte. Dieselbe Dame wird es wohl auch ge-wesen sein, welcher London später die Salesianer verdankte.Sie kam nämlich mit seltener Ausdauer immer und immerwieder zu Don Bosco mit dem Ansuchen, er möge seinInstitut auch nach England verpflanzen. Trotz der riesigenZunahme seiner geistlichen Familie konnte er die Bittenicht gewähren, da von zu vielen Seiten das gleiche An-sinnen an ihn gestellt wurde. Sie ließ aber nicht nachund fragte ihn eines Tages, ob er denn unter keiner Be-dingung ihr Hoffnung gebe, und er, vielleicht in derMeinung, sich hiemit Ruhe zu verschaffen, erwiderte:„Nur des heiligen Vaters Wunsch oder Befehl könntemich bestimmen." Sofort machte sich die Dame auf denWeg nach Rom , wo sie bald das ersehnte Ziel erreichte.
Binnen Kurzem ließen sich mehrere Salesianer untersehr bescheidenen Verhältnissen in London nieder. Mankonnte, da die Gesellschaft Mitglieder aus aller HerrenLändern ausweist, eine Wahl treffen unter Italienern,Jrländern und Engländern, um den dortigen Katholikengerecht zu werden. Gar rasch faßte die Anstalt Wurzelund entfaltete sich in erfreulichster Weise. Der besteBeweis hiefür ist die neue Kirche, deren EinweihungVeranlassung gab zu großen, herrlichen Kundgebungenkatholischen Lebens. Ueber 8 Tage dauerten die Feste,Predigten, Conferenzen u. s. w. unter der Theilnahmeeines zahlreichen Publikums, das von nah und fern herbei-gekommen war, Arme und Reiche, Vornehme und Geringe,Katholiken und Protestanten, einheimische und auswärtigegeistliche Würdenträger. Von der Gesellschaft der Sale-siancr hatte sich vor Allem Don Michael Rua , der wür-dige Nachfolger des Don Bosco , eingefunden, und außerihm mehrere Obere von verschiedenen italienischen undfranzösischen Häusern, zur besondern Freude überdies derVorstand der patagonischen Mission, Bischof Don Cagliero.Von englischen Prälaten nennen wir Msgr. Butt, Bischofvon Southwark, in dessen Diözese die Salesianer gehören,und Se. Eminenz Cardinal Vaughan , Erzbischof vonWestminster. Die Consecration nahm auf Wunsch desleidenden Msgr. Butt Bischof Cagliero vor. Es mußdie ganze Feier eine wahrhaft erhebende gewesen sein;doch ginge es zu weit, sie hier mit ihren Einzelheitenzu bringen; zum Schluß nur noch den Wunsch: DieEngländer haben ihren Don Bosco; wird die Reihenicht an uns kommen?
Goldkörnrr.
Wer weiß, was rechte Hand, was linke sei,
Dem stehet auch die Wahl des Guten stet.
Tadle nie was Gott gemacht,
Ew'ge Weisheit hat's erdacht,
Ew'ge Allmacht bracht's Herfür,
Ew'ge Liebe gab es Dir. K.
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