Ausgabe 
(27.3.1894) 25
Seite
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er verließ das Zimmer, doch an der Thür stand er stillund winkte Barbara.

Kommen Sie zu mir, Fräulein Morden, und sagenSie mir, wenn"

Er konnte nicht weiter sprechen, doch Barbara ver-stand ihn und flüsterte ihm zu:

Ja!"

Ein heißes, unwiderstehliches Verlangen wurde inihrem Herzen rege, sich schon jetzt in seine Arme zu werfenund ihn zu trösten. Doch es war keine Zeit dazu; siemußte zu ihren Brüdern zurück, die mit dem Todekämpften. Allein ging der bekümmerte Vater in seinArbeitszimmer, um hier einsam die Todesnachricht zuerwarten.

Es war bitter kalt; schon lange war das Feuererloschen, aber er merkte es nicht. In tiefen Gedankenversunken saß er da und stützte sein sorgenschweresHaupt.

Warum konnte er auch gerade jetzt in diesen Trauer-tagen den Gedanken an seine vernachlässigte Tochter nichtaus seinem Sinne bannen? Er gedachte an Nora, seineerste, heißgeliebte Gattin an seine Lieblosigkeit, dieihn nicht vergeben und vergessen ließ. Er sah sie ster-bend in seinen Armen, hörte das leise Wimmern deskleinen, hilflosen Wesens, welches sie ihm als Unterpfandihrer Liebe gelassen hatte! Er schlug mit der Handgegen die Stirn! Dann stand ihm das Bild seineskleinen, sterbenden Edmund vor Augen. Er war ja derSohn und Erbe, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte,der Sohn seiner Gattin, der er so wenig Liebe ent-gegen gebracht, aber deren treues Herz er erst jetzt er-kannt hatte.

Mit einem leisen Angstschrei fiel sein Haupt aufden Tisch. Mußte er die Hingabe seiner beiden Söhnenicht als gerechte Strafe für die Verbannung seinerältesten Tochter hinnehmen? Er stöhnte laut.

In diesen schmerzlichen Gedanken versunken, hörteer nicht den leisen Schritt auf der Treppe, hörte nichtdas Klopfen an der Thür, erst als Barbara leise öffneteund jetzt vor ihm stand, blickte er auf. Sein Blickwar durch Thränen verschleiert, er sah nicht ihr freudigaufleuchtendes Antlitz; er wußte ja, daß sie ihm dieTodesnachricht überbrachte.

Sagen Sie es mir nur, Fräulein Morden, ichkann's ertragen."

Aber das ist es ja nicht", rief sie mit vor Freudebebender Stimme,sie sind besser sie sind beidebesser. Edmund wurde bald ruhiger, nachdem Siefort waren; jetzt ist auch Alex außer Gefahr! Beideschlafen, und der Arzt hofft, daß sie bald genesen werden.

Das war > zu viel. Die Freude nach diesem Schmerzwar mehr, wie der erregte Vater ertragen konnte; erbedeckte sein Antlitz mit den Händen und weinte laut.

Jetzt konnte auch Barbara nicht länger an sichhalten, sie kniete an seiner Seite und schlang beide Armeum seinen Hals.

Vater! lieber Vater! weine nicht," flehte sie undversuchte seine Hände vom Gesicht zu entfernen.

Er hörte die seltsamen Worte und blickte verwundertund erschreckt auf. War es denn nur eine Sinnes-täuschung, ein Spiel seiner wild erregten Phantasie, dieihm in den letzten Stunden so lebhaft die Erinnerungan seine vernachlässigte älteste Tochter vorgegaukelt hatte? Es war ja nur Fräulein Morden, die Erzieherin

seiner Kinder, die an seiner Seite kniete. Hastig trockneteer seine Thränen und schaute in das bleiche Gefichtchen,das sich so fest an ihn schmiegte.

Habe ich Sie erschreckt; war ich zu erregt,Fräulein Morden? Verzeihen Sie mir, aber dieNachricht kam so unerwartet."

Seine Stimme zitterte; nur mühsam konnte er dieWorte hervorbringen.

Sie sind so gut gegen uns Alle gewesen", fuhrer dann tief bewegt fort.Ich weiß nicht, was wir indieser schrecklichen Zeit ohne Sie hätten anfangen sollen!"

Gut gut?" wiederholte Barbara leidenschaft-lich.Oh, mein Vater! verstehst Du mich denn nochnicht? ich bin Barbara Deine älteste TochterBarbara!"

Barbara?!" stammelte er und wurde leichenblaß.

Ja, ich bin Barbara! Sieh, hier ist ein Brief,den ich heute von Tante Agnes bekommen habe, undhier sind die Briefe, die Du mir früher geschriebenhast!"

Er nahm sie mechanisch in seine zitternden Hände,doch er konnte sie nicht halten, sie fielen zur Erde.Er zweifelte nicht, sein eigenes Herz sprach laut unddeutlich; er schloß sie in seine Arme und schaute langeund innig in die dunkeln, freudestrahlenden Augen.

»Ah, jetzt verstehe ich es auch endlich", murmelteer dann, als er sie wieder und wieder geküßt hatte.Es war die bekannte Stimme die leichten, zierlichenBewegungen ganz wie Deine arme Mutter! AberDu siehst ihr sonst gar nicht gleich, und dennoch fandich einen Zug in Dir, der mich mit unwiderstehlicherGewalt anzog. Mein Kind, ich bin Dir kein guterVater gewesen ich habe nicht verdient, was Du anuns gethan hast. Vergib mir, Barbara."

Statt aller Antwort hielt Barbara ihren Vaterinnig umschlungen, ihr Haupt sank auf seine Schulter,und Freudenthrünen netzten ihre Wangen.

Vater lieber Vater ich habe Dir nichts zuvergeben", schluchzte sie.Tante Agnes hat mir allesvon meiner Mutter erzählt, und ich ich wolltenur sühnen, was sie Dir gethan hat."

Wie edel, wie hochherzig, nachdem ich Dich sovernachlässigt habe. Aber in Zukunft soll es anderswerden.

Er wollte sie nicht mehr aus seinen Armen loslassenund drückte sie leidenschaftlich an sich.

Nun erzähle mir, wie Du hierher kamst, Barbara",bat er, als er sich beruhigt hatte.Was wußtest Duvon unserer erkrankten Gouvernante?"

Barbara erzählte Alles.

Ich fürchte, Tante Agnes ließ Dich nicht gernhieher kommen," meinte er, als sie geendet hatte.Voreinigen Tagen bekam ich einen Brief von ihr, der mirso gereizt schien, daß ich die Ursache nicht erklären konnte.Aber jetzt verstehe ich ihn."

Die gute, liebe Tante! Ja, sie sah es sehr ungernund wollte mir den Plan absolut ausreden. Aber,"fügte sie mit schelmischem Lächeln hinzu,ich habe immermeinen Willen durchgesetzt sie hat mich ein wenigverwöhnt."

Dein Wille hat jetzt glänzend über mich und überuns Alle gesiegt! Was würden wir ohne Dich angefangenhaben, Barbara? Du hast meiner Frau, meinen Kindernwie ein guter Engel treulich zur Seite gestanden!"