Ausgabe 
(27.3.1894) 25
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verlassen. Die arme Eveline fängt laut an zu weinen,wenn sie einen Augenblick von ihrem Bette weicht."

Ich weiß es; Gottfried hat es mir gesagt. Duhältst mich gewiß für thöricht, Eveline, aber ich gesteheDir, Fräulein Morden hat mich vom ersten Augenblickan unwiderstehlich angezogen. Ich aber nein,ich will Dich heute mit meinen Liebes-Nhapsodien nichtbelästigen, dafür ist jetzt nicht die rechte Zeit. Sagemir nur, daß Du mir nicht zürnst, Eveline. Wir sindja immer gute Freunde gewesen und die Kinderhalten mich auch gern."

Die Stimme des jungen Mannes zitterte, als erder drei Kleinen gedachte, die er zu so manchen tollenSpielen verleitet hatte, und die jetzt so jäh auf dasKrankenlager geworfen waren. Die arme Mutter brachbei dieser sichtlichen Erregung in Thränen aus, dochArthur schlang seinen Arm um sie und tröstete sie.

Beruhige Dich, Eveline, es wird noch Alles gutwerden. Sieh hier, willst Du Barbara dies Briefchengeben? Es mag lange währen, bis ich sie wiedersehe,und sie soll doch wenigstens wissen, daß ich sie liebe.Und nun, Gott schütze Euch Alle, Dich, Barbara unddie Kinder I Behalte guten Muth, die Kleinen sind jasonst immer gesund gewesen; sie werden hoffentlich auchdiesen Feind überwinden. Du zürnst mir doch nicht,nicht wahr? Gottfried hat mir versprochen, mich täglichzu benachrichtigen, wie es hier geht, dann sehen wir unshoffentlich bald in glücklicheren Tagen wieder."

Frau von Garkau trocknete ihre Thränen und ver-suchte zu lächeln.

Du bist thöricht, Arthur, wirklich ganz thöricht!Wie willst Du's denn anfangen, um mit einer Gattinstandesgemäß zu leben? Ohne Vermögen, nur auf DeineGage angewiesen, ist das kauoi denkbar. Aber zürnenkann ich Dir darum doch nicht! Ich sollte Dich freilichnicht in Deinem Vorhaben bestärken, aber dennoch ver-spreche ich Dir, das Briefchen richtig abzuliefern, obgleichich dabei gegen mein Gefühl handle. Was würde abergeschehen, wenn sie Deine Hand verweigern sollte; ichwürde es nicht ertragen können, wenn Du unglücklichwürdest, Graf Eckernstein"

Ich weiß, was Du sagen willst, glaubst Du denn,ich sei blind gegen die Aufmerksamkeiten gewesen, die erihr zollte? Er ist gewiß ein guter, ehrlicher Mensch, undkein Wort zu seinen Ungunsten soll über meine Lippenkommen, aber dennoch, ich kann ihn mir nicht als Bar-bara's Gatten denken! Sie ist nicht ein Mädchen, dassich durch Titel oder Rang blenden ließe. Der Himmelschütze sie. Wenn sie ihn aufrichtig liebt nunso möge sie glücklich mit ihm sein, selbst wenn meinkurzer Liebestraum auch elendiglich Schiffbruch darunterlitt. Doch nun genug, leb' wohl, Eveline!"

Oberst Dornburg hatte das Schloß verlassen. Nocheinen langen schmerzlichen Blick warf er nach den dichtverhangenen Fenstern im oberen Stockwerk, hinter welchener wußte, daß Barbara treue Krankenwacht hielt, danntrat er seufzend seine Rückreise an.

Die Freifrau übergab sogleich, ihrem Versprechengemäß, Barbara das Briefchen. Jedoch Eveline, dienur aus der Hand ihrer geliebten Erzieherin die Arzneinehmen wollte, nahm sie so sehr in Anspruch, daß sie,ohne es weiter zu beachten, und ohne die Aufschrift zulesen, die Zeilen in Evelines Geschichtenbuch auf einemSeitentische legte.

Verarme, enttäuschte Oberst! Täglich und stündlichwartete er auf Antwort und seine Unruhe wurde immerunerträglicher. Er konnte ja nicht ahnen, daß um dieübergroße Sorge für die Kinder das Briefchen vollständigvergessen und noch ungelesen in Evelinens Geschichten-buch lag!

So vergingen Tage und Wochen in banger Angstund Sorge. Bleich, abgehärmt, aber thränenlos gingdie geängstete Mutter von einem Liebling zum anderen.Sie selbst war keine gute Pflegerin, und bewunderndfolgten ihre Blicke Barbara, die die kleinen Leidendenmit unermüdlicher Liebe hegte und pflegte. Täglichsetzte sie größeres Vertrauen in die Gouvernante, die ihrjetzt eine treue Freundin geworden war, und befolgtesogar ihren Rath, sich Ruhe und Schlaf zu gönnen, wennder Zustand der Kinder erträglich war.

Barbara selbst schien mit übernatürlichen Kräftenbegabt zu sein. Es waren ja ihre eigenen lieben Ge-schwister, die sie pflegte, und dieser eine Gedanke ver-scheuchte alle Müdigkeit, machte jede Anstrengung leicht.Der Arzt hatte längst gerathen, eine erprobte Kranken-wärterin aus der nahgelegenen Stadt kommen zu lassen,doch dieser Vorschlag war von Barbara energisch verworfenworden.

Dem Schloßherrn waren diese traurigen Wochenzum Segen geworden, denn jetzt erst, in den Tagen derNoth, brach die Liebe zur Gattin und zu den Kindern,die so lange in seinem Herzen geschlummert hatte, sichvöllig Bahn. Gemeinsame Sorge, gemeinsames Gebetzur Erhaltung der Kinder hatten die Gatten fester vereint,als gemeinsames Glück es vermocht hatte. Barbara merktees und sie freute sich. Ja, noch mehr, das Herz derMutter schlug jetzt ebenso sehr in banger Sorge um ihrTöchterchen, sie liebte es mit derselben Innigkeit, wie diebeiden Knaben.

Endlich hatte das Fieber seinen Höhepunkt erreicht;für Eveline war die gefürchtete Krisis gekommen. DasKind wälzte sich in wilden Fieberphantasien in ihrenKissen und erkannte nicht einmal ihre treue Pflegerin,die keinen Augenblick von ihrer Seite wich. Endlich,gegen Morgen, fiel sie in einen ruhigen Schlummer,und freudestrahlend erklärte der Doctor die Gefahr fürüberwunden.

Das war ein Sonnenblick; Jedes athmete erleichtertauf. Doch ach, bald sollte die kurze Freude getrübtwerden.

Der Zustand der beiden Knaben wurde gegen Abendhöchst bedenklich! Niemand wagte das Krankenzimmer zuverlassen, selbst der Arzt blieb, um mit aller ihm zuGebote stehenden Macht dem Tode seine Beute zu ent-reißen, der schon seine knöcherne Hand ausstreckte, umdie zarten Knospen grausam zu knicken.

Eveline schlief ruhig der Genesung entgegen; siehatte keine Ahnung, daß ihre kleinen Bruder mit demTode kämpften.

Der Schloßherr war vollständig gebrochen. Eswar ihm unerträglich, allein in seinem Zimmer zu bleiben;regungslos stand er über Edmunds Bett gebeugt, jedenAugenblick den letzten Athemzug erwartend.

Der Arzt und Barbara kämpften gemeinschaftlich,um dem Todesengel, der schon seine schwarzen Schwingenausgebreitet hatte, Schritt für Schritt entgegen zu treten.Endlich konnte es der Vater hier nicht länger ertragen,