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Die fünf Finger.
OO Wer erinnerte sich nicht aus seiner Kinderzeit desMärleins von den fünf Fingern? Nicht jeder aber wirddabei des Geheimnisses gedenken, daß dieses Kinder-märchen das letzte Ueberbleibsel ist eines alten Glaubens,der in den indischen Gesetzbüchern nicht minder wie inden germanischen sich vernehmen läßt und die Vor-stellung bildet, daß jeder Finger einer anderen Gottheitheilig ist. Das deutsche Recht gab jedem Finger einebesondere Beziehung zur Gottheit und dementsprechendein verschiedenes Wergeid. Nach dem Alemanennrechtbüßte derjenige, welcher seinem Gegner den Daumenabhieb, gleich viel wie der, welcher den kleinen Fingerbeschädigte, nämlich mit 12 Schillingen , ähnlich wie imgenannten Märchen diese beiden Finger in der Werth-schätzung sich gleichstehen; wer den Zeigefinger abhieb,wurde mit 10, wer den Mittelfinger: mit 6, wer denRingfinger: mit 8 Schillingen bestraft.
Der Daumen war der besondere Liebling derGottheit. Den Raum zwischen ihm und dem Zeigefingernannte man die Wotansspanne, Wotan war der Gottdes Glückes und des Glücksspieles. Daher „hält manEinem", dem man das Spielglück zuwenden will, den„Daumen" , und der Aberglaube will, daß man für dengleichen Erfolg sich den Daumen eines gehenkten Diebesverschaffe. Gewaltthat heißt: „Einem den Daumen auf'sAuge setzen." Als der Schuster von Lauingen sich zumZweikampf mit einem Niesen stellen sollte, gelobte er esdamit, daß er statt des Handschlages den Daumen ausseiner Hand hergab und nach dem siegreichen Kampfefür seine Vaterstadt das Recht erbat, mit rothem Wachsesiegeln zu dürfen. Auch im Hexenwesen spielt der Daumeneine Rolle. Betrügerische Wirthe und Krämer müssennach ihrem Tode umgehen und ihren Daumen aus-schreien; er heißt deshalb „Kaufleutefinger", das damitgezählte Geld „Daumenkraut." Des Daumens Nach-bar wird in einem Rechte der „Schußfinger", der„Bogenspanner" genannt, der die Pfeile von desBogens Sehne schnellt. Er ist der weisende, Zeigefinger.Seine zahlreichen Spottnamen erinnern an seine sinnlicheNaschhaftigkeit; er erscheint auch als der Dieb in allenSpielsprüchen. Der Mittelfinger hat seiner Längeund Größe wegen die meisten Namen; er gilt als Schnapp-hahn, der alles vorwegnimmt, als ein überall sich ein-mengender Hauskobold. Er heißt nur der „helle Finger",gegenüber dem goldhellen Ringfinger und dem alles inGold verwandelnden Daumen. Höchst bedeutungsvoll istder Goldfinger. Den Ring trägt der Mensch andem vierten Finger, der heißt der „Herzfinger", sagtGeiler von Kaisersberg, und ein Zeitgenosse von ihm:„Und wird der Brautring an den vierten Finger gesteckt,von welchem die Adern zum Herzen gehen, anzuzeigen,daß die Lieb' soll herzlich sein." Altnordisch wird er„Brautfinger", „Goldenringer", „Goldinger" genannt,nicht bloß weil er den Ring trägt, sondern weil er derFreudebringer ist. Er ist nicht minder der Arzneikundige;schon Plinius heißt ihn ,,«U§itu8 insätons"; er legt imMärchen den Daumen in's Bett, deckt ihn zu, thut ihmZucker in den Brei und gibt ihm die Krankensuppe. Ererprobt auch die Reinheit beim Gottesurtheil der Feuer-probe, daher: „Sich die Finger verbrennen." Derkleine Finger, der „in das Ohr grübelt", ist einOhrenbläser und Angeber; wie er bei Gericht alles an-gibt, so bringt er im Hause allen Geschwistern ihre
Unart aus, und der Vater behauptet dann: der kleineFinger habe ihm alles gesagt. Ehedem hatte er einheiliges Amt; man malte und ölte Runen auf seinenNagel und las die Zukunft daraus, und noch Geilervon Kaisersberg eiferte gegen das Beschreiben und Be-schauen der Fingernägel: „Wie geht's zu mit den Wahr-sagern, die wahrsagen und gestohlen Gut durch Gesichtwiederum bringen? Sie machen Gesichte auf ein Nagel,salben den mit Oel und muß eine Jungfrau, ein Kind,das lauter ist und rein und unverfleckt, sein, und dasmuß in den Nagel sehen und sagen, was es in demNagel sieht."
Aus diesem festen Glauben an die Geheimkraft derfünf Finger läßt sich der deutsche Gerichtsbrauch dessogen. Kesselfanges begreifen. Wir heute nehmen diePhrase „sich die Finger verbrennen" als uneigentlichund mildern sie noch durch die neuere: „die gebratenenKastanien aus dem Feuer holen." Allein das Alterthummachte vollen Ernst und erprobte die Schuld und Un-schuld, indem es verlangte daß der Bezichtigte, um seineReinheit zu bewähren, die grünen Loossteine aus demsiedenden Kessel heraushole.
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Allerlei.
Mit den „kleinen Pariser Gewerben" be-schäftigt sich ein neu erschienenes Buch von Guy Tomel,„sh,6 i>L8 än pavs Uria-isisn" betitelt. Die Darstellunggeht aus von der „Vier-Sous-Herberge" in derRue Saint-Denis, unweit der Seine. Sie zeigt sich äußer-lich als ein altes Haus, das sich in nichts von seinenNachbarn unterscheidet, inwendig aber zeichnet sie sichdurch eine ungewöhnliche Bauart aus. Das Gebäudereicht mit mehreren festgcmauertcn Kellerstockwcrken tiefin den Boden hinein; ebenso viele Stockwerke erhebensich über der Erde, nur durch enge Wendeltreppen miteinander verbunden. Oben und unten, im Schooße derErde und unter dem Dache, wimmelt es hier zwischenMitternacht und 6 Uhr Morgens von Leuten jeden Al-ters und jeden Standes, die obdachlos sind und für 4Sous das Recht erwerben, auf dem Boden gelagert, längsder Tische und auf den Bänken Nachtruhe zu halten.Sie bekommen obendrein einen Teller warme Suppe, fürweitere 10 Centimes einen zweiten, für 15 CentimesBrod und Käse, für 20 Centimes ein Glas Wein. Regel-mäßige Gäste der „MaisonFradin" sind die „Bagotiers",deren Zahl sich in Paris auf über tausend beläuft. DieseLeute haben ihren Standplatz an den Bahnhöfen undverkehrsreichen Plätzen, ihr Geschäft ist es, den Fahr-gästen der Droschken die Koffer ins Haus zu tragen.Häufig stehen sie mit den Kutschern im Einvernehmen,welche ihnen mit der Peitsche ein Signal geben, ob derBestimmungsort der Reisenden weit oder nahe gelegenist. Uebersteigt die Entfernung 2 Kilometer nicht, soläuft der Bagotier der Droschke nach. Man rechnet aufsechs oder acht Fälle einen einzigen, wo der Reisendedie Dienste des Bagotiers annimmt und durchschnittlicheinen Franken zahlt. — Die Pariser armen Teufel habenim Kampf ums Dasein noch viel sonderbarere Erwerbs-zweige ausgeklügelt. Da ist z. B. die Rattenfängereimit abgerichteten Hunden in den unterirdischen Stadt-gräben, besonders in der Nähe der Seine. Zur Zeitder Belagerung von Paris war der Absatz an Rattenziemlich bedeutend, und der Preis für fette Exemplare