Ausgabe 
(3.4.1894) 27
Seite
197
 
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1894 .

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Auasburgrr Postzeitung".

Dienstag, den 3. April

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.

Druct und Berlag des Literariichen Instituts von Haas L Grabdcrr in Augsburg ( Vorbesitzer vr. Max Huttlcr).

Tante Kaniia's Keheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Nachdruck verboten.'s (Ueberselzungsrecht vorbehalten.)

Es war ein wundervoller Abend. Die Sonne sank,im Scheiden noch mit goldenem Glanz die Erde grüßendund den Himmel in ein prächtiges Feuermeer tauchend.

In der kleinen Stadt Moorkirch läuteten die Glockendas morgen beginnende Pfingstfest ein. Berauschenddufteten die Blüthen, überall waltete Frieden und Freudein der Natur.

Draußen vor dem Thore stand ein rebenumiponnenesHäuschen, das mit einer kleinen, zierlichen Veranda ver-sehen und von einem wohlgepflegten Garten umgebenwar. Hier wohnte eine fünfundsiebenzigjährige Greisin,eine alte Jungfer in des Wortes bester Bedeutung,von Alt und Jung, Arm und Reich im Städtchen undder Umgegend Tante Hanna genannt, da ihr eigentlicherName Johanna Werner nur für die Post Interesse zuhaben schien.

Sie war nur klein und zierlich gebaut, die guteTante, doch von kerzengerader Haltung, und wenn dasblasse, milde Gesicht auch die Runzeln und Falten desAlters auswies, so zeigte das glatt gescheitelte Haardoch nur wenig Grau, und die klaren, blauen Augenblickten noch hell und scharf wie in den Tagen derJugend.

Tante Hanna war als die Allerweltströsterin undRathgeberin bekannt und verstand die Kunst, ihr be-scheidenes Vermögen durch weise Sparsamkeit zu ver-doppeln, um allezeit eine offene Hand für jeven Noth-leidenden zu haben. Auch besaß sie das Vertrauender heranwachsenden weiblichen Jugend in einem seltenenGrade, und auch fast aller Stände, weshalb es seitMenschengedenken kaum eine Braut im Städtchen ge-geben, welche Tante Hanna nicht zuerst in's Vertrauengezogen hätte, da die Greisin sich ein kindlich Herz be-wahrt und mit der Jugend zu denken und zu empfindenverstand.

Es war ein herzerquickender Anblick, dieuralteJungfer", wie sie sich behaglich zu nennen pflegte,zwischen ihren Blumen, die sie so sehr liebte, hantierenzu sehen, und auch heute am Psingstabend, wo sie imGlänze der sinkenden Sonne ihre prachtvollen Rosen bc-goß, bildete sie in dieser friedlichen Umgebung eine har-monische Erscheinung, in Eintracht mit Gott, mit derMenschheit und der Natur.

Leise wurde in diesem Augenblick die Gartenpfortegeöffnet. Eine schlanke, junge Dame in einfach zier-licher Sommer-ToileUe, einen dunklen Strohhut aufdem vollen braunen Haar, trat geräuschlos ein undnäherte sich, ohne daß die Greisin ihr Kommen bemerkthatte, mit so leichten Schritten, daß sie plötzlich nebenihr stand.

Tantchen!"

Sie schlang den Arm um Hanna und küßte siezärtlich.

Lieber Himmel, Fräulein Armgard, welche froheUeberraschungl Just in diesem Augenblick dachte ich anSie, mein Herzchen!"

Ich habe Sie doch nicht etwa erschreckt, TanteHanna?"

Warum nicht gar, Kind! Ich freue mich zu sehr,Sie wieder zu sehen. Glaubte fest, daß Sie mindestensnoch ein halbes Jahr fortbleiben würden."

Sie setzte bei diesen Worten ihre Gießkanne hin,strich mit der Hand noch einmal behutsam zärtlich übereine halberblühte Moosrose und warf dann einen for-schenden Blick auf das ernste Mädchen-Antlitz, welches,über die erste Jugendblüthe hinaus, kaum hübsch zunennen war und doch einen äußerst gewinnenden Ein-druck hervorbringen konnte, wenn ein Lächeln darüberhinhuschte wie ein verlorener Sonnenstrahl. Aber sielächelte leider nur selten, die reiche Armgard Holten,welche als einzige Erbin ihrer verstorbenen Eltern einschuldenfreies Rittergut und ein schönes Haus mit großemGarten im Städtchen ihr eigen nannte und deshalbeine Vielumworbene schon seit Jabren gewesen war.Die Eltern Hütten sie so gern verhcirathet gesehen, dochmochten sie das einzige Töchterlein zur Heirath nichtzwingen, und so sanken Beide ins Grab, während Arm-gard einsam auf ihrem schönen Besitz hauste, für einemerkwürdig praktische Landwirthin galt und sich nachkeinem Herrn und Gebieter sehnte, weil sie keines Schutzesbedürftig war.

Sie hatte sich für diesen Sommer einmal heraus-reißen und das deutsche Vaterland durchstreifen wollen,da sie einen tüchtigen und redlichen Verwalter besaß.Drei Wochen erst war sie fort gewesen und heute schonwieder heimgekehrt. Was hatte das zu bedeuten?

Heimweh!" war ihre kurze Erklärung dem er-staunten Verwalter gegenüber, worauf ihr erster BesuchTante Hanna gegolten, ihrer alten vertrauten Freundin