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ein Gebet richten willst, beeile Dich. Denn wenn jenerZug zur Einfahrt in den Bahnhof pfeift, ist Dein letzterAugenblick gekommen." Es war, wie der amerikanische Jurist schreibt, eine überaus eindrucksvolle Szene. ImHintergrund der weiten Ebene die hohen Berge und überalles ausgebreitet der friedliche Glanz der Abendsonne.Auf ein Zeichen des Führers ergriffen dann viele Händedas freie Ende des Lasso. „Leute," sagte nun jener,„man soll nicht von uns sagen können, daß wir diesemVerbrecher keine Möglichkeit ließen, ein besserer Menschzu werden. Wir kennen seine Vergangenheit. Ueberallstreckte er seine Hand nach fremdem Eigenthum aus.Niemals hat er einen Dollar verdient, niemals etwasbezahlt. Keine Indianerin war vor ihm sicher, niemand,von dem er wußte, daß er Geld besaß. Wir wissen,daß er zwanzig feige Mordthaten begangen hat. Wennsich hier jedoch in der-Menge auch nur eine einzige Per-son befindet, die bezeugen kann, daß dieser Ramon je-mals eine gute Handlung vollbrachte, oder die auch nurder Meinung ist, daß er in Zukunft einer solchen fähigsein könnte, so möge sie sprechen. Dem Verbrecher solldann wenigstens eine Frist bewilligt werden." RingsumSchweigen. „Wir haben noch eine andere Regel," fuhrder Sprecher dann fort. „Wenn von zwanzig der An-wesenden ein einziger eine Aufschiebung der Urtheils-vollstreckung befürworten sollte, so muß dieselbe aufge-schoben werden. Diejenigen, welche dafür sind, wögendie rechte Hand emporheben. Auch die Reisenden unddas Zugpersonal sind dazu berechtigt." — „Aber keineHand erhob sich," schreibt Chittenden. „Ich hielt esfreilich für meine Pflicht, für das Gesetz einzutreten,aber es war mir, als ob ein Hundertpfund-Gewicht mei-nen Arm niederhielte. Und immer näher brauste der Zugheran. Wir hielten unseren Athem an — da ertönteder Pfiff der Lokomotive. Dann ein kurzer Kampf desMörders, und nach wenigen Minuten war Alles vorbei."— „Freunde," sagte der Sprecher, indem er sich an dieReisenden wandte, „ihr habt gesehen, wie wir diesenMann gerichtet haben. Wir, die wir an diesem Ort le-ben, müssen unser Eigenthum und unser Leben verthei-digen und bitten euch um keine Gunst. Wir lieben einsolches Geschäft nicht, aber es ist unvermeidlich. Wirbitten euch jedoch, nichts von dem, was ihr soeben er-lebt habt, den Zeitungen zu melden. Sie würden unseinen Schwärm Berichterstatter auf den Hals schicken,die schlimmer sind, als Mordindianer. Einige von ihnenwürden Ramon, den Pferdedieb und Mörder, zu einemMärtyrer stempeln." Das Lynchgericht hatte im ganzeneine Stunde gedauert, und erst als es beendet war, konnteder Zug der Pacific-Bahn seine Fahrt nach dem Westenfortsetzen.
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Scharfrichter zu Doktoren befördert. Einschwäbischer Chronist erzählt folgende Geschichte, die leb-haft an die Zeiten des römischen Cäsarenthums erin-nert. Im Jahre 1680 ereignete es sich, daß Kaiser Fer-dinand von Nürtingen aus nach Stuttgart geritten kam,gerade zur selben Zeit, als zwei Missethäter zum Todegeführt wurden. Am „Käse" sah der Kaiser Ferdinandder Hinrichtung zu, an der sogenannten Hauptstatt, nämlichvor dem Hauptstätter Thor, wo das Enthaupten anfangszu ebener Erde vorgenommen wurde, bis man 1581hierzu eine anderthalb Fuß hohe, kreisrunde Mauer,deren innerer Raum mit Erde ausgefüllt war, errichtete,
die einem Laib „Käse" in der That nicht unähnlich warund deßhalb im Volksmund diese Benennung — aufSchwäbisch „Käs" — erhielt. In Stuttgart versahendamals vier Brüder, Markus, Jakob, Andreas undJohann Bickel das Scharfrichteramt. Die beiden ältestenBruder Bickel, nun, Markus und Jakob, hatten bei dieserGelegenheit ihr Amt mit solchem Austande, solcher Kunst-fertigkeit und „Accurateste", auch „sonder Plagh fürden armten Sünder verricht", daß der enthusiasmirteKaiser ihnen die Doktorwürde verlieh, wodurch sie berech-tigt wurden, als Aerzte zu praktiziren und allerlei äußereLeibesschäden zu heilen nach ihrem „bestlichen Wissen."Von da an schrieben sich die beiden Bickel Doktoren.Sie werden wohl die einzigen Scharfrichter unter derSonne gewesen sein, welche je diesen Titel führen durften,obgleich, — wie der Chronist meint — die Nachrichteram ehesten dieses Ehrendiplom verdienten, weil ihreHeilkuren zum sichersten Resultat führen.
Boshaft. Dichterling: „Denken Sie sich mein Ent-setzen! Ich komm' gestern Abend nach Hause, und da istmein kleiner Junge von drei Jahren gerade damit be-schäftigt, meine Gedichte in kleine Stücke zu schneiden!"— Kritiker: „Nicht möglich!.... Kann denn der Kleineschon lesen!"
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Schachaufgabe.
Schwarz.
Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt.
Auflösung des Quadraträthsels in Nr. 25:
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