Ausgabe 
(30.3.1894) 26
Seite
195
 
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treffen Sie auch Gesellschaft; den Herr Bürgermeistervon Lundenburg , der zur Jagd hier ist. Das ist eingar fideles Haus. Da werden Sie Freude haben!"

Der Stationschef rieth auch zum Besuch desWirthshauses. Etwas Besseres gäb's hier herum nicht,n. f. w.

Schulze sah ein, daß er in seiner gegenwärtigenLage nichts Besseres thun könne, als den wohlgemeintenRath zu befolgen, und so saß er denn bald in der ver-räucherten Gaststube des Dorfwirthshauses und ließdem biederen Feldpolizisten ein Wachholderschnäpsleinnach dem anderen einschenken. Der also Tractierte ließeS sich schmecken, warf mit der AnredeHerr Präsident!"wacker um sich, und entfernte sich nur hin und wiederauf ein Biertelstündchen, um nach dem Herrn Bürger-meister auszuschauen. Endlich traf dieser, ein gut-wüthig blickender alter Herr, mit kurzgeschorenem schloh-weißem Haar und Bart, ein, reichte Schulze beide Händeund freute sich sehr, einen sohochberühmten Präsiden-ten von auswärts" kennen zu lernen. Er erzählte vonseinen heutigen Jagderlebnissen und kramte dabei einso prächtiges Jägerlatein aus, daß Schulze wahrhaftgerührt wurde. In der That stimmte die treuherzigeEinfalt der beiden Oesterreicher ihn ganz behaglich, under hatte nur noch das einzige Bestreben, diesen biederenLeuten gegenüber den Präsidenten noch einmal rechtgründlich herauszubeißen, ehe er ihn für immer ablegte.

Und das that er nun auch.

Schier ins Ungeheuerliche gingen die Aufschneide-reien, welche er den begeisternd zuhörenden Zechgenossenzumuthete. Nunmehr war er nicht allein ein hochgestellterwestpreuhischer Eisenbahndirektor, sondern er besaß auchausgedehnte Güterkomplcxe von mehreren Tausend MorgenLand in Nussisch-Polen, und außerdem eine Glashütte ,in welcher über 500 Arbeiter beschäftigt würden. Eineihm ausschließlich gehörige Zweigbahn, über 100 Werstlang, führe nach den veschiedenen, unter seiner Gerichts-barkeit stehenden Ortschaften und verinteressiere sich hun-dertfach. Seine Revenüen beltefen sich auf anderthalbMillionen jährlich u. f. w.

Schulze amüsierte sich hierbei vortrefflich, und dasBeste war, daß die Präsidentenrolle ihn außer demBischen Wachholderschnaps nichts kostete. Denn diedrei Flaschen Sekt, welche er behufs besserer Begründungseiner Mittheilungen vorfahren lassen wollte, waren aufzwei Meilen im Umkreise nicht zu haben, und den ein-zigen Wein, der zu haben war, lieferte der Bürgermeister,welcher nicht zugeben wollte, daß der russische Grundbe-sitz über den österreichischen triumphiere.

Man trank, spielte Billard und unterhielt sich vor-trefflich bis tief in die Nacht hinein. Es wurde be-schlossen, daß man, mit Ausnahme des Wachmannes,im Krug" übernachten und morgen mit dem ersten Zugweiter fahren wolle. Der Wirth gab seine beiden Staats-zimmer her, und Schulze erfreute sich trotz der Auf-regungen dieses Tages einer ungestörten Nachtruhe. Alser dann in der Früh Arm in Arm mit dem stadtväter-lichen Freunde nach dem Bahnhöfe schritt, sah er mitheimlichem Entzücken, wie sein Ruf als bewährter west-preußischer Eisenbahnpräsident über Nacht wieder insGleichgewicht gekommen war. Der Zug hielt. Stations-chef und Zugführer begrüßten die Ankömmlinge mit deräußersten Höflichkeit. Der Schaffner stand mit abge-zogener Mütze neben einem Coups erster Klasse, in

welches derHerr Präsident" mit vielen Bücklingen hin-eingeprotzt wurde; dann nahm der Bürgermeister nebenihm Platz und fort ging es dem freundlichen Lundenburgentgegen, wo man gemeinsam dinieren und sodann Aus-flüge in die Umgebung unternehmen wollte.

Die Wahrheit zu gestehen, war unser lustiger Eisen-bahnsecretär hiermit nicht ganz einverstanden. Er wäream liebsten direct nach Wien gefahren, da er mit seinerZeit haushalten mußte und noch gar viel auf der Tour,die er sich vorgenommen, abzuthun war. Allein ermochte sich dem freundschaftlichen Wohlwollen nicht ent-ziehen, mit dem der Herr Bürgermeister, der doch nuneinmal Gefallen an ihm gefunden hatte, ihn umgab,zumal der brave Stadtvater hatte durchblicken lassen,daß die Lundenburger von ihrer Ankunft unterrichtetseien und jedenfalls für einen würdigen Empfang Sorgegetragen hätten. Guten Leuten mit bescheidener Selbst-sucht ihre Freude zuverderben, dazu war Schulze nicht derMann.

(Schluß folgt.)

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Allerlei.

Ein selb sterl ebtes Beispiel von Lynchjustizerzählt der amerikanische Jurist Chittenden in seinenvor kurzem veröffentlichten Lebenserinnerungen. Baldnach Eröffnung der Pacisicbahn erfuhr Chittenden aufder Fahrt nach Sän Francisco, daß ein von seine»Verfolgern eingeholter Mörder sich im Zuge befände undin Evanston, dem Ort seines letzten Mordes, der Lynch-justiz übergeben werden sollte. Es war am Nachmittag,als der Zug in den Bahnhof von Evanston einlief, zwischenzwei Reihen kräftiger Männer. Sobald der Zug hielt,stiegen sechs von ihnen in den Wagen ein, in welchemsich der Mörder befand, und rissen ihn mit solcher Ge-walt heraus, daß er den Sitz, an welchem er mit Kettenbefestigt war, mit sich schleppte. Als er hiervon befreitwar, warf man die Schlinge eines Lasso lose um seinenHals, während das Ende eng um seine Brust und feineArme geschlungen wurde. Inzwischen hatte ein Wacht-posten von der Lokomotive Besitz ergriffen und den Reisendenwurde angekündigt, daß der Zug seine Fahrt nicht eherfortsetzen würde, als bis dem Mörder Gerechtigkeit ge-schehen sei. So folgten denn die Reisenden diesem undfeinenRichtern" nach einem Platz, der von einem hohe»Gehege umgeben und zum Rtchtplatz ausersehen war.In der Mitte stand ein Baum, über dessen niedrigste»Zweig zwei an einander befestigte Lassos geworfen wurden.Der Mörder mußte sich auf einen Stuhl setzen, die Schlingeschwebte über seinem Haupte. Mit den Reisenden unddem Zugpersonal wohnten im ganzen etwa dreihundertPersonen diesem Volksgerichte bei. Dann trat ein Be-wohner von Evanston vor und richtete an den Verbrecher,der ein Mexikaner war, in einer längeren Ansprache, inder die Reihe seiner Schandthaten aufgezählt wurde, dieFrage, ob er noch irgend etwas zu sagen habe. Umder über ihm schwebenden Lassoschlinge zu entgehen, botder Mexikaner seinen Richtern zuerst 6000, dann 10000Pesos an und schließlich 10000 Dollars. Es war Allesumsonst. Indem Derjenige, welcher die Ansprache anihn gehalten hatte, auf einen in weiter Ferne heran-rollenden Zug zeigte, sagte er:Siehst Du jenen Zng?Wenn Du noch eine Botschaft zurücklassen oder an Gott