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ganz außer Acht gelassen würden, Vereinskarte auch ohnejedesmaliges Ansagen respectirt würde u. s. w.
Der Zugführer schüttelte zwar ganz still für sichden Kopf — nichtsdestoweniger ging alles vortrefflich.Der Herr Präsident hatte ein Coups für sich ganz allein.Niemand störte ihn und als er einmal ausstieg, anscheinend,um sich durch einen Trunk zu stärken, wartete der Zuggeduldig eine halbe Minute über die vorgeschriebene Zeitund fuhr erst weiter, als der Herr Präsident mit derHand abwinkte, zum Zeichen, daß er hier die Tour unter-breche. Es war ein Hauptspaß, und Schulze kam ausdem Kichern nicht mehr heraus.
Er befand sich in Brünn , und als ihm beim Ver-lassen des Bahnhofes ein alter Invalide, von der im-ponierenden Majestät seiner Gesichtszüge hingerissen, einemilitärische Ehrenbezeigung erweist, kommt ihm ein glo-rioser Gedanke: „Wer weiß, welchem alten ^pensioniertenGeneral ich ähnlich sehe! Werde mal den Spielberg inAugenschein nehmen und mich dieserhalb mit dem Comman-danten in Verbindung setzen. Das Zeug dazu hatman ja."
Gedacht, gethan. Schulze steigt hinauf, läßt sichgebührendermaßen anmelden und stellt sich mit der ganzenWürde seines Standes vor. Die Aufnahme läßt nichtszu wünschen übrig. Der maßgebende Offizier, welcherihn für einen ehemaligen Garde-Major hält, zeigt ihmbereitwillig alles Sehenswerthe und findet an dem altenDegen, der mit so tiefem Verständniß über Exercier-Reglement und Strategie zu schwatzen weiß, so großesWohlgefallen, daß er ihn zum Diner einladet und einpaar Flaschen Vöslauer opfert. In höchst animierterStimmung kehrt Schulze Mittags in der 12. Stundenach dem Bahnhöfe zurück und steigt in den nach Wien bestimmten Zug. Als der Schaffner billetheischend zumCoupä hereinguckt, sagt Schulze in sehr pikiertemTone:
„Ich muß mich sehr wundern, daß ungeachtet meinerwiederholten Vorstellungen die Fahrbeamten über meinePerson noch immer im Unklaren sind. Zum letzten Malalso: Präsident Schulze von der Marienburg-MlawkaerEisenbahn! verstanden?"
Der verblüffte Schaffner wirft die Thüre ins Schloßund verschwindet. Ein alter, ehrwürdig aussehenderHerr reicht dem hohen Mitpassagier seine goldene Doseund sagt:
„Der Herr Präsident werden sich noch über manchesAndere bei uns wundern. Oesterreich ist eben nichtNord-Deutschland."
Man unterhält sich, bis auf der nächsten Stationwährend des Haltens des Zuges der Schaffner den Kopfzum Coupsfenster hereinsteckt mit den Worten:
„Herr Präsident! Wollen's net so gut sein unda mal aussteigen?"
„Aussteigen? Was fällt Ihnen denn ein? Was sollich denn draußen?"
„Herr Präsident sollen nur über etwas Auskunftgeben!"
„Dummheit! Wer etwas von mir will, kann herein-kommen!"
Als aber der Schaffner sich mit einem sarkastischen„Schön, Herr Präsident!" zurückziehen will, schickt er sichschleunigst zum Verlassen des Coups's an, wobei er an-standshalber im donnernden Tone rüst:
„Ich werde Veranlassung nehmen, bei Ihrem
Ministerium wegen dieses Zeichens mangelnder Intelligenzvorstellig zu werden. Ich bin auf allen Bahnen desDeutschen Vereins gefahren, aber wie man hier dieOberbeamten behandelt, das übersteigt alle Begriffe!"
„Na, machen's ka G'schichten, Herr Präsident,*versetzt der Stationsvorsteher ganz unverfroren, „zeigen'SIhr Koart und dann fahren's, wohin's Gott verlangt.Was sein muß, muß sein. Darin kann unser Ministeriumauch nichts ändern."
Schulze sah es ein. Er winkte also den inzwischenherbeigeeilten Zugführer bei Seite und hielt ihm seinenFreifahrtschein derartig unter die Nase, daß sein Subaltern-Titel nicht gerade auf den ersten Blick zu sehen war.Der Zug-Präsident aber wollte überhaupt nichts weitersehen. Er machte eine abwehrende Bewegung mit derRechten und rief unwirsch:
„Na, was wollen's denn mit dem Papier aufuns'rer Bahn? Das Hot für uns überhaupt nichts zubedeuten!" —
„Was? nichts zu bedeuten? Ist der Schein nichtrichtig?"
„Das ist eine Karte von der Oesterreichischen Staats-bahn."
„Was? Ich bin doch in Brünn nicht etwa ineinen falschen Zug eingestiegen? Nach Wien 11 Uhr50 Minuten!"
„Na, wenn Sie Präsident von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn sind, dann müssen Sie doch wissen,daß 11 Uhr 50 Minuten zwei Züge von Brünn nachWien gehen, einer mit der Staatsbahn und einer mitder Nordbahn. Für die Staatsbahn haben Sie denSchein, und mit der Nordbahn sind Sie gefahren."
„Wollen's zahlen?" fragt der Stationsvorstehr naiv,„kommen's mit. Sie können's später reklamieren."
„Zahlen müssen's!" entscheidet der Zugführer, «unddann können Sie auf Ihren Posten nach Brünn zurück-fahren und mit der Staatsbahn reisen."
Während der Stationschef ihn an den Billetschalterweist, fährt der Zug mit den lachenden Reisegefährten,welche Alles mit angehört haben, davon.
Nun saß Schulze fest an der kleinen Haltestelleund blickte wehmüthig zu den dicken Rauchwolken empor,die aus einem in nicht allzu großer Ferne gelegenenOfen einer Ziegelbrennerei hervorschossen. Diese undeinige Bahnbaracken, welche sich um das Herrenhausgruppierten, schienen in Verbindung mit dem ebensounscheinbaren Stationshäuschen das einzige Leben in-mitten dieser Einöde von Kartoffel- und Runkelrüben-feldern.
Der Stationschef steht, die Hände auf dem Rückengekreuzt, auf dem Perron und spricht mit einem Be-amten in dunkelgrüner Uniform, welcher von Zeit zuZeit einen prüfenden Blick auf den mißmuthig Auf-und Abwandelnden wirft.
„Scheint so ein Stück Feldpolizist zu sein, wasman bei uns zu Hause Gendarm nennt," denkt Schulzeund wirft einen zerschmetternden Blick auf den Grünen.Da hört er, wie dieser halblaut sagt: „I glaub', 'sist doch der Präsident." Und damit lüftet er unter-würfig den Hut und fährt laut mit freundlichem Grinsenfort: „Der Herr Präsident haben Unglück gehabt? Nu— hier gibt's nichts. Wenn Herr Präsident aber in'sDorf hinabgehen — es ist eine halbe Stunde — ichgeh' auch hin, — da ist ein gutes Wirthshaus, und da