Ausgabe 
(30.3.1894) 26
Seite
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Die Billets, meine Herrschaften!" trat der Schaffneran das Coups.

Während die Reisegefährten ihre Fahrkarten über-reichten, schnarrte Schulze im Tone eines Großmogulsaus der Ecke:Vereinskarte Nummer 450!"

Der Schaffner legte die Rechte an die Mütze undverneigte sich ungefähr in der Weise, wie ein Lieutenantseinen Bataillons-Commandeur grüßt. Als die Billetscoupiert waren, sagte er devot:

Wollen der Herr Präsident nicht ein Coups ersterKlasse? Es sind einige leer."

Danke, danke, Schaffner," lehnte Schulze ab,ichsitze schon gut."

Der Schaffner schloß die Thür. Schulze überflogverstohlen die Gesichter seiner Coupsgenossen und hattedie Genugthuung, einenrespectartigen Anstrich" wahr-zunehmen. Er brannte sich eine Cigarre an, und be-haglich den Ningelwolken nachblickend, stellte er philo-sophische Betrachtungen über das Reiseleben an, in Folgederen er zu dem Schluß gelangte, daß es nichts Schöneresgebe, denn als Präsident zu reisen, ohne es zu sein undohne Fahrgeld dafür ausgeben zu müssen.

Der Musensohn mit der Narbe auf der Wangeblinzelte einigemale zu demHerrn Präsidenten", demer sich ebenbürtig fühlen mochte, hinüber. Er hätte wohlgern ein Gespräch angeknüpft, mochte sich aber nicht rechttrauen. Schulze war von stattlicher Figur. Seinescharfen dunklen Augen, der schwarze, von einigen Silber-fäden durchzogene Vollbart verliehen ihm Würde undHöhe genug, um die Vertraulichkeit fern zu halten.

Auf Station Dobrilugk , wo der Zug einen längerenAufenthalt hat, stieg der Narbige aus und nahm denSchaffner bei Seite:

Sagen Sie mal, Schaffner, wer ist der Herr mitdem schwarzen Vollbart, den Sie vorhin Herr Präsidenttitulierten?"

Der? Ei, das ist ja der Präsident der Marien-burg-Mlawkaer Eisenbahn, Geheimer Ober-Negierungs-rath Schulze!"

A a a ah?"

Ja a a! Bedeutender Mann! Reist imAuftrage Seiner Excellenz zur Ministerial-Beamten-Conferenz nach nach nach Wien , glaub' ich."

Das feine Gehör Schulze's hatte ihm kein Wortdieses Gespräches verloren gehen lassen. Er lachte still-vergnügt vor sich hin:

Prachtkerl, dieser Schaffner! Da steht man wiedermal recht deutlich, daß so ein alter Soldat, den dasLeben geschult hat, doch die gediegenste Auffassung unsererbahnamtlichen Verhältnisse besitzt. Schade, daß ich nichtin der That Präsident bin. Würde den Mann sofortzum Zugführer ernennen. Thut nichts, spielen kannich den Präsidenten schon. Hei! das soll ein Spaßwerden!"

Schönes Reisewetter, Herr Präsident!" hörte ersich in diesem Augenblick angeredet. Es war der blasseHerr mit der Narbe.

Ja wohl. Das Wetter läßt nichts zu wünschenübrig," bestätigte er.

Gestatten der Herr Präsident, daß ich mich vor-stelle? Mein Name ist Müller, Assessor Müller, auchVerwaltungsbeamter."

Sehr verbunden. Geheime Ober-RegierungsrathSchulze aus Marienburg."

Der Herr Geheimer Ober-Regiemngsrath reisenin dienstlicher Mission?"

Allerdings. Sehr wichtige Angelegenheit. Abertiefes politisches Geheimniß."

I, was Sie sagen? Nun, ich habe dieses Allesvon vornherein vermuthet."

Und Sie, Herr Assessor, reisen zu Ihrem Ver-gnügen?"

Nicht ganz. Ich will allerdings in Dresden undUmgegend mich einige Tage aufhalten, reise aber imGrunde genommen meinem neuen Wirkungskreise ent-gegen . . . Eisenbahn-Directionsbezirk F . . ."

Ueber das Antlitz des Pseudo-Präsidenten glitt einZug von Unbehagen. Aber er faßte sich bald. So einjunger Eisenbahn-Novize, der frisch von der Hochschulekommt, hat noch keine Idee vom Eisenbahnwesen. Mankann ihm ein prachtvolles Bärenfell umhängen. Er er-widerte also ohne jede Spur von Betroffenheit:

Nah! verstehe. Jura und Cameralia studiert-Staatsexamen mit Glanz absolviert und nun als Hilfs-arbeiter zur Eisenbahn-Direction F . . . Gratulierevon Herzen. Kommen da in sehr angenehme Verhält-nisse."

Der Herr Assessor war dem Herrn Präsidenten fürseinen Glückwunsch sehr dankbar. Als er dann aberdas Gespräch auf die schöne goldene Studienzeit brachteund von Colleg und Mensur sprach, schwieg unser Präsidentaus naheliegenden Gründen mäuschenstill, gab auch durchseine würdevolle Haltung zu verstehen, daß er über dasLeben und Treiben eines flotten Bruder Studio ziemlicherhaben sei. So traf man endlich in der sächsischenHauptstadt ein, wo man sich trennte. Der Herr Präsidentließ sich jedoch das Versprechen geben, daß der HerrAssessor ihn bei einem etwaigen Bereisen der west-preußischen Bahnen in Marienburg besuchen werde.

Im Stillen wünschte er jedoch den Reisegefährtenzu allen Teufeln. Freund Müller hatte ihm zuletzt garnicht mehr recht zusagen wollen mit seinem überlegenenLächeln und dem gelegentlich hervortretenden ironischenGesichtsausdruck.

Im Verkehr mit den gemüthlichen Dresdnern hatteunser Schulze leichtes Spiel. Sie glaubten es ihm,wenn er sich bei Helbigs als Präsident Schulze vor-stellte oder sich als solcher in das Logis-Fremdenbucheinschrieb. Je mehr er sich übrigens in die Präsidenten-rolle einlebte, desto besser glückte alles, und als er aufdem böhmischen Bahnhöfe in gewohnter Weise seineKarte zum Coupieren übergab und dabei dem Schaffnerzuraunte:Ich bin also auf alle Fälle der PräsidentSchulze von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn,"da zwinkerte der freundliche Sachse ihm verständniß-innig zu und sagte bewundernd:Sie sain ä Mords-kärl!" ,

Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken.

Auf der Grenzstation war nach erfolgter Vidierungder Fahrkarte derMordskärl" bereits so frech geworden,daß er freundlich herablassend den Zugführer zu sichheranwinkte und ihm vertraulich eröffnete, wie er, derPräsident der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn, Schulzemit Namen, in geheimer eisenbahnpolitischer Misstongen Wien dampfe, und es sich empfehle, das Fahr-beamtenpersonal hiervon in geeigneter Weise zu verstän-digen, damit die in solchen Fällen üblichen Dehors nicht