Ausgabe 
(30.3.1894) 26
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an seine Brust und erstickte ihre Worte Mit eineminnigen Kusse.

Geliebte! noch vor einer Stunde hätte ich es fürunmöglich gehalten, daß dieser Tag der glücklichste meinesLebens werden sollte! Ach! ich fühlte mich sonamenlos unglücklich; mein Dasein fing an, mir uner-träglich zu werden, und nur Dein Name unter demBriefe der Kinder veranlaßte mich, hieher zu kommen.Als ich da aber den Grafen Eckernstein an Deiner Seitesah-"

Sprich heute nicht von ihm, Arthur; ich bin heutezu glücklich! Der arme Graf, er hielt gestern um meineHand an!"

Ich weiß es; Eveline hat es mir gesagt, unddas war mir ein neuer Hoffnungsstrahl. Aber es thutMir doch herzlich leid; er ist ein guter Mensch!"

Ja, aber-ich liebte ihn nicht."

Liebst Du denn mich? liebst Du mich ein ganzklein wenig? Sage es mir, Barbara, meine einzige Ge-liebte, laß mich die Worte hören, die ich so oft vonDeinen Lippen geträumt habe. Es sind nur vier kleineWorte. Sage:Arthur, ich liebe Dich!"

Barbara that es. Wieder zog der Oberst sie festan sich und küßte sie.

Gerade in diesem Augenblick erschien oben auf derAnhöhe eine kleine Gestalt. Es war Edmund, der beidiesem unerwarteten Anblick» so schnell ihn seine Füßetragen konnten, zu seiner Mutter zurücklief.

Mama ", rief er ihr entgegen,Onkel Arthur undBarbara haben sich geküßt. Ich Habs es gesehen!"

Die Mutter ließ ihr Buch fallen.

Es ist wahr, es ist wirklich wahr, Mama ", dannfügte er schelmisch hinzu:will Onkel Arthur Barbaraheirathen?"

Was hattest Du dort oben auf der Anhöhe zuthun, Edmund? Hatte ich nicht gesagt, ihr Kiuder solltethier bei mir bleiben!" sagte die Mutter in strengem Ton.

Will er sie wirklich heirathen, Mama? Bitte sagees mir", flehte Edmund.

Mein liebes Kind, wie kann ich das wissen, aberich hoffe es. Wie sind denn solche Gedanken in DeinenKopf gekommen?"

Gretchen hats mir gesagt", gestand der Knabe.

Kleiner Schelm", flüsterte die Mutter, dann be-fahl sie ihm, mit Alex und Eveline nach dem Schlossezu gehen und sich von Gretchen zu Bette bringen zu lassen.

Erst muß ich es Evy und Alex erzählen", jubelteer und rannte fort.

Als die Dämmerung eingetreten war, dachten dieLiebenden endlich an die Heimkehr. Die Stiefmuttererwartete sie oben auf der Anhöhe. Aber ehe sie Wortefanden, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen, breiteteFrau von Garkau ihre Arme aus, küßte das erröthendeMädchen und flüsterte ihm Glück- und Segenswünsche zu.

Nichts auf der ganzen Welt hätte mich glücklicherMachen können, als dieser Augenblick. Sagt mir nichts ich weiß Alles! Wundert Ihr Euch darüber? Eurefreudigen Gesichter sprechen deutlich genug. Aber Einswill ich Euch sagen: Wenn sich Liebende in einer Schluchtküssen, so sollten sie zuerst ihren Blick auf die Anhöhewerfen, um sich zu überzeugen, ob keine Zuschauer dasind!"

Dann erzählte sie von der Entdeckung, die Edmundvor etwa einer halben Stunde gemacht hatte.

Niemals hatte eine Verlobung größere Freude be-reitet, als diese, besonders unter den Kindern, OnkelArthur war wieder der heitere, lustige Spielkameradvon ehedem, der jetzt, zu jedem ausgelassenen Spielbereit, sich munter mit den Kleinen herumtummelte.

Der sonst so finstere Schloßherr war wie umge-wandelt. Er freute sich, seine älteste Tochter mit einemManne zu verbinden, dem er vertraute und den er hochschätzte.

Die Stiefmutter konnte nicht laut genug ihreFreude ausdrücken. Sie war glücklicher als wie je feitden Jahren ihrer Verheirathung. Ihr Gatte, der, seit-dem Barbara bet ihm war, seiner ersten Gattin nur nochin stiller Wehmuth gedachte, überhäufte sie jetzt mitzahllosen Aufmerksamkeiten und bemühte sich, durch ver-doppelte Liebe das Versäumte zu entschädigen.

Nur die arme, gute Tante Agnes wollte sich nichttrösten lassen. Sie kam selbst nach dem Adlerhorst, umwenigstens ihre Nichte noch kurze Zeit zu haben. Dochallmählich wurde es ihr klar, daß früher oder späterBarbara doch geheirathet haben würde, und eine Trennungsomit nicht allzu fern gewesen war.

Und Barbara? Täglich erkannte sie mehr undmehr, wie warm die Herzen für sie schlugen, deren Liebesie vor wenigen Monaten erringen wollte. Ja nochmehr! ein anderes Herz, dessen Liebe das Glück ihresLebens ausmachte, schlug so heiß und so innig für sieund belohnte sie reichlich für manche bittere Enttäuschungihrer Jugendzeit.

Präsident Schulze.

Eisenbahn -Humoreske von Karl Zastrow.

^ lNachdru« verbotm.I

Nun adieu auf drei Wochen, Bureandunst undActenschwall, Rücksprache mit übelgelaunten Decernentenund Zurechtweisungdn in dieser und jener Stilart! Jetztheißt's Mensch sein und sich erinnern, daß die Naturauch für unsereinen da ist. Schade, daß es nur dreiWochen sind. Sechse hätten's auch gethan. Nun aberlos! Du lieber Gott ! Man hat sich's sauer genugverdient."

Mit diesen Worten hatte der Eisenbahn -SecretärSchulze den Pferdebahnwagen bestiegen, der ihn nachdem Bahnhöfe bringen sollte. Er wollte zu seiner Er-holung in die Tiroler Alpen reisen und dabei Dres-den, Prag, Brunn und Wien mitnehmen, alles in dreiWochen.

Als er auf dem Bahnhöfe eintraf, stand der. Zugschon bereit. Er winkte dem Schaffner zu, gab ihmeine Cigarre und sagte, indem er seinen Freifahrtscheinvorwies:

Hier, Schaffner! Freifahrtschein. Coupieren Sienur hier draußen gleich. Da drin vor dem hochgeneigtenPubliko will ich das nicht."

Ja wohl! Ist auch recht so!" nickte der Fahr-beamte, indem er mit der Zange in das Papier kniff.

Schulze stieg ein und unterzog zunächst seine Reise-gefährten einer Musterung. Da war zunächst ein kor-pulenter Viehhändler, welcher mit seiner nicht minderstattlichen Ehehälfte nach Marienbad reiste, und ein blasserungefähr 30 Jahre alter Herr mit einem dünnen blondenSchnurrbart und einer Schmißnarbe auf der Wange.