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offenen Armen empfangen werden," fuhr er bitter fort.„Aber er ist ein guter ehrlicher Mensch; ich kenne ihnwie einen Bruder, und er wird sie glücklich machen. Ichhätte nicht hieher kommen sollen, aber ich folgte nichtder Stimme meines Herzens, die mich laut genug warnte.Hätte ich aber geahnt, den Grafen hier anzutreffen, sowürde mich keine Macht der Welt dazu bewogenhaben. — Na, Eveline, sieh nicht so traurig drein, ichwerde auch diesen Schlag ertragen lernen, selbst wennes lange währt, bis die tiefen Wunden heilen. Ichbleibe ein alter Junggeselle, der einsam und verzweifeltin fremden Landen sein Leben vertrauern will."
Als Barbara gleich darauf ihrer Stiefmutter GuteNacht wünschte, flüsterte ihr diese in's Ohr:
»Ist Alles abgemacht, mein Kind? Sollen wir Dichschon bald wieder verlieren, nachdem wir Dich erst seitso wenigen Wochen gefunden haben?"
„Nein," versetzte Barbara und schlug verwirrt dieAugen zu Boden, „nicht, wenn Du Deine Worte mitGraf Eckernstein in Beziehung bringst. Ich habe seinenAntrag abgelehnt."
„Warum? er ist herzensgut und meint es aufrichtig!"„Mag sein, aber — — ich liebe ihn nicht."
Dann eilte sie hinaus, verschloß die Thür ihresZimmers und weinte bitterlich, als ob ihr das Herzbrechen wollte.
Am nächsten Morgen ging sie früh in den Park.Zu ihrem Erstaunen fand sie ihr Schwesterchen schonauf ihrem Lieblingsplätzchen, die eifrig in ihrem Märchen-buchs las.
„Sieh, Barbara, was ich hier gefunden habe,"rief die Kleine und hüpfte ihr entgegen. „Dieser Brieflag in meinem Buch; er ist für Dich!"
Barbara nahm ihn; er war an „Fräulein Morden"
gerichtet. Das war ja seine Handschrift! Da-wie
Schuppen fiel es plötzlich von ihren Augen — sie ge-dachte des Briefes, den ihr die Stiefmutter vor Monatenan Evelines Krankenbett gereicht, den sie aber, da dasKind ihrer bedurfte, ungelesen in ein Buch gelegt, ihndann vollständig vergessen hatte. Es waren nur wenigeZeilen:
„Geliebte Barbara! Ich habe meine Cousine ge-beten, Ihnen diese Zeilen zu geben; aber ehe ichabreise, muß ich Ihnen bekennen, wie sehr ich Sieliebe. Geliebte! mein ganzes Sein und Denkengehört Ihnen; machen Sie mich zum Glücklichstenaller Menschen und werden meine Gattin. — Ant-worten Sie mir; schreiben Sie mir nur wenigeZeilen, damit ich weiß, ob ich hoffen darf; wennnicht — nun — so werden Sie mich nie wieder-sehen. Gott segne Sie. Arthur Dornburg."Barbara hatte längst die Zeilen gelesen; — sielas sie wieder und wieder, bis Freudenthränen ihreAugen netzten, und sie nicht mehr sehen konnte» danneilte sie davon, sie mußte allein sein, und hier drücktesie ihren kleinen Schatz an ihre Lippen. Jetzt verstandsie, warum Onkel Arthur „so langweilig geworden warund nicht mehr spielen wollte", wie die Kinder sichbeklagten.-
Es war ein heißer Nachmittag. Frau von Garkauschlug einen Spaziergang in ein nahes Wäldchen vor,und da die Wege dort nur sehr schmal waren, wußtesie es geschickt einzurichten, daß sie mit den Ktndem
voranging und Arthur mit Barbara folgten. Vorherhatte sie ihm leise zugeflüstert:
„Sie hat die Hand des Grafen ausgeschlagen,Arthur; also guten Muth, Du hast noch Hoffnung."
Doch der Oberst hatte nur traurig sein Haupt ge-schüttelt; er gedachte des unbeantworteten Briefes. Aberdennoch schlug sein Herz laut und unruhig, als er jetztnach langen Monaten allein an ihrer Seite ging.
Sie erreichten eine kleine Anhöhe. Ein schmalerFußsteig schlängelte sich den Abhang hinab, um untenzu einer Leinen Quelle zu führen, neben welcher eineNasenbank freundlich zur Ruhe winkte.
„Lassen Sie uns hinunter gehen", bat Barbaramit zitternder Stimme. „Ich bin müde, und dort könnenwir ausruhen."
Er folgte ihr schweigend. Wie im Traume um-fangen lauschte er auf die plätschernden, traumhaftenMelodien der krystallenen Quelle; vor seinem seelischenAuge stand die liebliche Mädchengestalt die mit leuchtendenAugen und freudig gerötheten Wangen so munter mitden Kleinen im Schulzimmer gespielt hatte.
Er erschrak, als eine kleine Hand jetzt leise seinenArm berührte und Barbara leichenblaß ihre Augenbittend zu ihm erhob.
„Herr Oberst," flüsterte sie, vor Erregung bebend,„erst heute habe ich diesen Brief gelesen."
Sie reichte ihm den Brief. Erstaunt, verwirrtnahm er das Papier; er schien kaum den Sinn ihrerWorte zu verstehen, bis er es entfaltete und seine eigeneHandschrift erkannte. Da leuchtete es wie Heller Sonnen-schein in seinem Antlitz. Mit leidenschaftlicher Zärtlich-keit blickte er auf das Mädchen herab, das an allenGliedern bebend auf der Rasenbank saß.
„Barbara!" rief er und erfaßte ihre beiden Hände,„was meinen Sie? was bedeuten Ihre Worte?"
Mit zu Boden gerichtetem Blick wiederholte sie:
„Ich las ihn erst heute. Meien Stiefmutter gabihn mir, als die Kinder sehr krank waren. Ich ahntenicht, wer ihn geschrieben hatte, legte ihn in ein Buch
und-habe ihn vergessen. — Eveline fand ihn
heute Morgen."
Sie hatte leise gesprochen, aber der Oberst hattejede Silbe verstanden. Jetzt wußte er, warum der Briefunbeantwortet geblieben war.
„Und wenn Sie ihn gelesen hätten, welche Antworthätten Sie mir gegeben?"
„Barbara", fuhr er fort, als das junge Mädchenerrathend schwieg. „Sage mir, Geliebte, ob ich für'sLeben Dein treuer Beschützer sein.darf! Aber jetzt ist's
ganz anders!-Damals warst Du nur eine arme
Gouvernante, — — jetzt die Tochter des Freiherr»und eine reiche Erbin l — — Ich kenne meine Cousinezu genau, hat sie Dir nicht oft genug gesagt, daß ichnur eine reiche Gattin nehmen müsse? Hat sie nichtabsichtlich die kleine Olga Rosen nach dem Adlerhorstkommen lassen? Du verstandest es dazumal, ich sahes Dir an den Augen an. Aber ich liebte Dich immer;sage mir, willst Du meine Gattin werden?"
Sie ließ es ruhig geschehen, daß er ihre beidenHände erfaßte und sie langsam an sich zog, bis ihrKöpfchen auf seinen Schultern ruhte.
„Ich kann es kaum fassen; — ich bin so glücklich,daß-"
Er ließ sie nicht ausreden. Jubelnd zog er sie