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nach dem Dictat der Kleinen, die zahllose Gründe an-gaben, daß der Onkel unbedingt zu ihnen kommen müsse,schon um Eveltne wiederzusehen, deren Haar nach derKrankheit kurz abgeschnitten sei, wurde der Brief ge-schrieben.
Eveline und Edmund unterschrieben zuerst, da nahmAlex die Feder und machte drei Kreuze, hinter denendie Mutter seinen Namen schrieb. Er hatte in seinemEifer natürlich zu viel Tinte genommen, und großeFlecke waren nicht vermieden. Dann unterzeichnetenVater und Mutter, zuletzt Barbara. Eveline ließ essich nicht nehmen, selbst die Adresse zu schreiben, undeigenhändig warf sie den Brief in den Postbeutel.
Jetzt mußte der Onkel kommen. In freudiger Er-regung eilten sie am folgenden Morgen in das Früh-stückszimmer und waren schmerzlich enttäuscht, zwischenden angekommenen Briefen nicht die erwartete Antwortzu finden. Sie wollten oder konnten es kaum begreifen,daß der Onkel erst selbst heute den Brief bekommenhaben und daß die Antwort erst morgen kommen würde.Doch so lange sollte ihre Geduld nicht auf die Probegestellt werden.
„Ich komme heute Nachmittag!" so lautete einTelegramm, welches bald darauf Jubel und Freudehervorrief. Nur Graf von Eckernstein schien mißvergnügt.Er erblickte in dem jungen Offizier einen gefährlichenRivalen, und da Barbara nur wenig Hoffnung in ihmerweckte, ihn zu neuen Huldigungen durchaus nicht er-muthigte, sah er dem neuen Besuche nur ungern entgegen.
Oberst Dornburgs Entschluß, gar nicht mehr nachdem Adlerhorst zurückzukehren, wurde durch BarbarasUnterschrift vollständig umgestoßen; jetzt konnte er kaumdie Zeit abwarten, bis er wieder in diesem fröhlichenKreise, inmitten der jubelnden Kinderschaar war.
Alle erwarteten ihn auf dem Bahnsteig. Die Kinderjauchzten vor Freude, zogen Barbara herbei, die er jetztals ihre Schwester begrüßen sollte.
Er streckte ihr die Hand entgegen. Doch das jungeMädchen legte nur schüchtern ihre zitternde Hand hinein,die sie gleich wieder entzog. Purpurgluth wechseltemit tiefer Blässe in ihrem Antlitz, und schweigsam hieltsie sich mit Eveline im Hintergrund.
Der Oberst blickte vorwurfsvoll zu ihr hin, dochda sie stets vermied, ihn anzusehen, deutete er ihr scheuesBenehmen falsch.
„Graf Eckernstein! ich hätte fern bleiben sollen",dachte er bei sich selbst, und finster grollend setzte erseinen Weg nach dem Schlosse hin fort.
Barbara fühlte sich tief unglücklich. Sie konntekaum auf das fröhliche Geplauder ihres Schwesterchenshören; dachte sie doch nur an den schweigsamen Offizier,der jetzt keinen Blick mehr für sie hatte. War sie Schulddaran? Zürnte er ihr, daß sie sich unter fremdem Namen— durch Betrug also — in das Haus ihres Vatersgedrängt hatte?
Nach dem Abendessen ging sie hinaus ins Freie.Sie wollte allein sein, um ihr aufgeregtes Herz zu be-ruhigen. Doch ach, da stand schon wieder der Graf anihrer Seite, der sie wie ein Schatten verfolgte.
Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Gedankenweilten ja nur bei ihm, der, wie sie fürchtete, durchihre Schuld so ernst, schweigsam und traurig war.
Da stand der Graf Plötzlich still; er erwartete
augenscheinlich die Antwort auf eine Frage, die sie voll-ständig überhört hatte.
„Ja! — nein!" antwortete sie verwirrt.
Er erfaßte ihre Hand und drückte sie leidenschaft-lich an seine Lippen. Sie entzog ihm dieselbe entrüstet.
Verzeihen Sie, Herr Graf, ich beachtete Ihre Fragenicht!" sagte sie erbebend.
„Ich hatte Sie gebeten, meine Gattin zu werden,Barbara", wiederholte er mit glühender Leidenschaft.
„Oh! das thut mir leid — wirklich sehr leid. Aberes ist unmöglich! Ich — — liebe sie nicht — kannSie nie lieben."
Sie stieß die Worte mühsam, fast heiser hervor.
„Ich will ja auch noch warten; — ich will ge-duldig ausharren, bis Sie gelernt haben, mich ein wenigzu lieben. Sehen Sie, Barbara, ich liebte sie schonlange, ehe ich Ihren wirklichen Namen kannte. Wäredie Krankheit der Kinder nicht so plötzlich hereingebrochen,so hätte ich Ihnen schon früher mein Herz ausgeschüttet.Glauben Sie nicht, daß ich jetzt um Ihre Hand bitte,weil ich weiß, daß Sie die Tochter des Freiherr« sind,nein, wären Sie noch die einfache Gouvernante, sowürde ich es auch gethan haben."
„Ich glaube es Ihnen, Herr Graf, aber — eskann nicht sein! Verzeihen Sie, wenn ich falsche Hoff-nungen in Ihnen erweckte, — eS lag nicht in meinerAbsicht!" "
Sie erhob ihr bleiches, thränenfeuchtes Antlitz zuihm empor, und diesem flehenden Blick konnte er nichtwiderstehen.
„Sie haben nichts gethan, um wich zu diesemSchritt zu ermuthigen", gestand er offen, „aber ich konntedie Hoffnung nicht so leicht aufgeben. Jetzt erst glaube
ich Sie zu verstehen-Sie lieben einen Anderen!
— Wer es auch sei, der Himmel segne Sie."
Barbara antwortete nicht; eine verräterische Nöthefärbte plötzlich ihre bleichen Wangen.
„Ich verlasse jetzt den Adlerhorst, um nie wiederzurückzukehren", fuhr der Graf mit erzwungener Ruhefort, „leben Sie wohl — seien Sie glücklich", er ergriffihre Hand, preßte sie noch einmal an seine Lippen, danneilte er davon, ohne einen weiteren Blick auf sie zu werfen.
Mittlerweile ging der Obersts in heftiger Erregungauf und ab. Endlich blieb er vor seiner Cousine stehen.
„Nein, Eveline", stieß er mühsam hervor, „fürmich ist keine Hoffnung mehr. Sie hat meinen Briefgar nicht einmal beantwortet. Du sagst mir, daß Dufest überzeugt bist, ihn ihr gegeben zu haben. Aberselbst, wenn Du Dich irrst, wenn er durch irgend einenZufall, ohne daß Du Dich dessen erinnerst, verlorengegangen ist, so könnte ich doch jetzt mich ihr nicht mehrnähern, hast Du ihr nicht oft genug gesagt, daß ich nureine reiche Gattin wählen müsse? Biete ich ihr jetztHand und Herz an, so könnte sie leicht denken, daß ichDeinen Rath befolge. Jedoch für mich ist sie verloren!Sieh dorthin, dort geht sie an der Seite des Grafen;ist er nicht allein in der Absicht gekommen, sie als Gattinheimzuführen?"
Er deutete mit der Hand nach der Richtung, woBarbara an der Seite des Grafen stand.
„Er ist so stolz auf seine Ahnen; die reiche Tochterdes Freiherr» von Garkau, die noch dazu nach demWillen eines alten, excentrischen Onkels eine reiche Erbinist, wird von seinen hochgräflichen Eltern gewiß mit