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„Augsburger Postzeitung".
26. Ireitag. den 30. März L8S4Z
Wr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler) .
Die Tochter des Hanfes.
Erzählung von C. Borges.
(Schluß.)
Sechstes Capitel.
Wochen waren vergangen. Ungewöhnlich früh warder Winter gewichen, und das frische, erste Grün deskommenden Frühlings sproßte lustig auf Wiesen undFeldern.
Die Kinder waren genesen und standen jetzt nachlanger, schwerer Krankheit am Fenster und sahen demmunteren Spiel der Sperlinge zu, die, von Barbaratäglich gefüttert, schaarenweise sich eingefunden hatten.
Frau v. Garkaus Herz strömte über von Glück undDankbarkeit. Sie sah ihre kleinen Lieblinge sich täglichkräftigen, sogar Eveline, die früher so bleich und schwäch-lich gewesen war, schien nach der überstnndenen Krank-heit gesund und stark zu werden, wie die Brüder. Nochmehr aber, — sie hatte die Liebe ihres Gatten gewonnen,der jetzt eifrig bemüht war, seine frühere Kälte durchverdoppelte Aufmerksamkeit zu sühnen.
Die Freude der Kinder, als ihnen begreiflich ge-macht wurde, daß Fräulein Morden nur ein ange-nommener Name, in Wirklichkeit aber die geliebte Gou-vernante ihre Schwester Barbara sei, kannte keine Grenzen.Es däuchte ihnen fast so unglaublich, wie ein schönesMärchen aus ihrem Geschichtenbuche.
Eveline wollte kaum von ihrer Seite weichen. DasKind fühlte sich jetzt so froh und glücklich, wie noch niein ihrem Leben. Sie war dem Grabe so nahe gewesen,daß jetzt, nachdem sie neu dem Leben und ihren Elternwiedergeschenkt war, das Herz der Mutter mit derselbenLiebe an der Tochter, wie an den Söhnen hing. Auchhatte Barbara in schonender Weise den Eltern angedeutet,wie tief das kleine Herz die Zurücksetzung gegen dieBrüder gefühlt hatte.
Barbara selbst war der Liebling der ganzen Familie.
„Ihr verwöhnt mich alle ganz schrecklich," pflegtesie oft lächelnd zu bemerken, wenn sie sah, wie einJedes bemüht war, ihr einen Wunsch von den Augenabzulesen.
Nur Tante Agnes war unzufrieden. Sie schriebihrer Nichte einen Klagebrief nach dem anderen undflehte inständig, zu ihr zurückzukommen, so daß Barbaraihr endlich einen längeren Besuch mit Eveline in Aussichtstellte.
Von Oberst Dornburg wurde wenig gesprochen.Sein Brief lag noch unberührt und uneröffnet in Eve-ltne's Geschichtenbuch. Als die Kleinen außer Gefahrwaren, hatte er in herzlichen Worten seiner Cousineseine Freude ausgedrückt. Dann hatte die kleine Evelineihm die wunderbare Neuigkeit über Barbara mitgetheilt;er hatte dem Kinde geantwortet, gewiß nur, um ihmFreude zu machen, aber kein freundliches Wort, keinGruß für Barbara war in seinen Zeilen zu finden.
Frau von Garkau zweifelte nicht daran, daß Barbaraden Brief gelesen und längst beantwortet habe, undschloß aus dem zurückhaltenden Wesen des Vetters, daßdie Antwort zu seinen Ungunsten ausgefallen sein mußte,besonders, da er seinen Besuch auf dem Adlerhorst nichtwiederholte. Sie wagte jedoch nicht, offen mit derStieftochter über den Vetter zu reden, sie ahnte auchnicht, wie sehr sich dieselbe nach Nachricht von ihm sehnte.Tadelte er sie, daß sie sich durch Betrug in das Hausihres Vaters eingeschlichen hatte? Dieser Gedanke warfeinen trüben Schatten in ihr glückliches Leben.
So waren wieder Wochen vergangen. Da kamganz unerwartet Graf Udo von Eckernstein. Er sehntesich nach Veränderung, nach den heiteren, lustigen Kindern,sagte er, und wollte hier einige Zeit in diesem gast-freien Hause zubringen. Die Eltern merkten jedoch bald,daß Barbara allein der Anziehungspunkt war, die aberseine zahllosen Aufmerksamkeiten gar nicht zu beachten schien.
Am selben Tage kam ein Brief von Onkel Arthur.Er wollte eine längere Urlaubsreife antreten und vonseiner Cousine Abschied nehmen.
„Das geht nicht an! Das dulden wir nicht! DaSist zu arg!" riefen die Kinder im Chor. „Wasd OnkelArthur will fort, ohne uns zu besuchen! Das istunerhört!"
Die Kinder wurden so aufgeregt, gaben in denlebhaftesten Ausdrücken ihre Entrüstung kund, daß derVater, um sie zu beruhigen, den Vorschlag machte, demOnkel eine Bittschrift zu schicken, die von Allen unter-schrieben werden sollte. — Stürmischer Beifall lohntediesen trefflichen Gedanken.
„Jeder soll unterschreiben", jubelte Edmund, indie Hände klatschend. „Du, Mama und Barbara. Aberwas sollen wir mit Alex machend Er kann seinenNamen noch nicht schreiben!"
„Oh, damit werden wir schon fertig", entschied derVater. Schnell wurde Mamas Briefmappe geholt, und