Ausgabe 
(6.4.1894) 28
Seite
205
 
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28. Areitag, den 6. April 1894,

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttlcr).

Gante Kamia's Geheimniß.

Original-Noman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Lieber Himmel", sprach Tante Hanna, als Reinhardtschwieg,wann lernen Sie's doch einmal, sich kurz aus-zudrücken, alter Freund, der gute Gedanke in Ihrer Redewird von dem Phrascn-Unkraut stets unbarmherzig erstickt.Stellen Sie mir lieber Ihren Begleiter vor."

Pardon, mich riß die Begeisterung hin", rief derMaler vergnügt,der kalte Strahl hat mir äußerst wohl-gethan. Also, mein junger Freund und entfernter Ver-wandter von unsern Urgroßmüttern väterlicherseits her,Herr Leonhard Marbach, Besitzer des Ritterguts Noten-hof"

Ah, unterbrach Tante Hanna ihn rasch,Sie habenRotenhof gekauft, Herr Marbach?"

Ich habe es von meinem verstorbenen Onkel Drinkgeerbt, der es nach dem Tode des früheren Besitzerskaufte", versetzte der junge Mann.

Es ist ein schöner Besitz", bemerkte Tante Hanna,welche etwas widerstrebend dem voranschreitenden Malerfolgte, der geradewegs auf die Veranda lossteuerte undsich's hier ohne Weiteres bequem machte.

Ein köstliches Stillleben", rief letzterer mit auf-richtiger Bewunderung,ich möchte dasselbe malen, TanteHanna, selbstverständlich mit Ihrer Person als Mittel-punkt."

Aber auch selbstverständlich nur mit meiner Erlaub-niß, nicht wahr?"

Mit oder ohne, wäre mir gleich", erwiderte Rein-hardt,Sie haben es verdient, verewigt zu werden,»via stoiio nur für Ihre Freunde, und darin liegt dochkeine Entweihung, wie?"

Tante Hanna schwieg und griff nach ihrem Strick-zeug, wobei ein verstohlener Blick besorgt die Glnsthürund das offene Fenster streifte.

Ja, Rotenhof ist ein schöner Besitz", nahm derjunge Gutsbesitzer jetzt rasch das Wort,ich bin meinemOnkel sehr dankbar für dieses Erbe und habe doch keinerechte Freude daran, seitdem ich erfahren, daß der ein-zige Sohn jener Familie, deren Stammgnt es seit Jahr-hunderten gewesen, einst darauf verzichten und in dieweite Welt wandern mußte.

Na, darüber brauchen doch Sie sich kein grauesHaar wachsen zu lassen, Leonhard?" rief der Maler

spöttisch lachend,jener letzte Sprößling der Steindorf'-schen Familie hatte sein Schicksal verdient. Kennen Sieseine Geschichte?"

Nein, ich kenne dieselbe uicht"

Ach, lassen wir diese alten Geschichten ruhen, HerrReinhardt!" bat Tante Hanna erregt,es ist längst Grasdarüber gewachsen."

Das möchte ich nicht behaupten, kleine Tante",beharrte der Maler,denn wie ich vorhin als neuesteNeuigkeit vernommen, ist Julius Steindorf- als Wittwermit einem kleinen Töchterchen aus Amerika heimgekehrt,wo er vier oder fünf Gräber von Frau und diversenKindern zurückgelassen hat. Es soll ihm just nicht zumBesten ergangen sein, worüber ich mich gar nicht wun-dere, da beide Ehegatten in der Verschwendungssuchtmustergiltig waren. Wissen Sie, Freund Marbach, daßdieser Julius Steindorf mit der einzigen Tochter desreichen Holten auf Edenheim von Kindesbeinen an verlobtwar? Den Kuckuck auch, die Geschichte wäre nicht ohnegewesen, wenn diese beiden Rittergüter, deren Grenzensozusagen in einander laufen, in einer Hand vereintworden wären."

Sie meinen doch die jetzige Besitzerin von Eden-heim?" fragte Marbach in sichtlicher Erregung.

Dieselbe, Fräulein Armgard Holten, ein prächtigesMädchen Donnerwetter Leonhard, das wäre eineFran für Sie, da Sie doch jedenfalls heirathen müssen"

Ich ersuche Sie, den Namen der jungen Damenicht so frivol zu entweihen, Reinhardt!" rief Marbach,ihn zürnend anblickend, nehmen Sie meinetwegen michzur Zielscheibe, nur nicht in Verbindung mit einer solchenhochgeachteten Persönlichkeit."

Ich danke Ihnen im Namen jener Dame", sprachTante Hanna, ihm die Hand reichend,meine aber,Freund Reinhardt", wandte sie sich an diesen,daßFräulein Holten sich überhaupt nicht als Nnterhaltungs-thcma eignen dürfte."

Der Henker hole mich, wenn ich jemals beabsichtigthätte, Fräulein Armgard herabzuwürdigen, das hießedoch auch Wasser in ein Sieb schöpfen."

Reinhardt fuhr sich bei diesen Worten mit beidenHänden durch sein Haar, daß es wie wildes Gestrüppemporstarrie, und meinte dann, daß die sogenanntenGebildeten am Schicklichkettsgefühl krankten und keinwahres Wort mehr hören könnten.

Wissen Sie, Tante Hanna, daß ich die kleine Arm«