Ausgabe 
(6.4.1894) 28
Seite
206
 
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gard damals, als der lange Bengel die Verlobung aufhobund sich mit ihrer koketten und allerdings ebenso schönenals blutarmen Cousine verheirathen wollte, förmlich bewun-dert habe? Denken Sie, Leonhard, was die kleineHeldin, die vielleicht achtzehn Jahre zählte, that! Siebettelte für die Verräth» bei den Eltern hüben und drü-ben, log ihnen vor, daß sie den Schlingel von Julius, derein bildhübscher Junge war, nicht ausstehen und ihnfolglich auch durchaus nicht heirathen könne, obgleich siebis über beide Ohren in ihn verliebt war"

Kein Wort weiter, Herr Reinhardt!" rief die kleineTante, sich zornig erhebend.

Ach waS," fuhr der rücksichtslose Maler, sie ruhigauf ihxen Platz zurückziehend, eifrig fort,ich will meineGeschichte doch zu Ende bringen, und was die Spatzensich vor 10 Jahren auf den Dächern erzählten, daskaun auch wohl ein braver Mann, wie ihr NachbarMarbach hier, anhören.

Aber keine Anzüglichkeiten," sprach der jungeMann ernst,sonst verzichte ich auf das Ende IhrerGeschichte, welches ich mir zusammenreimen kann. Wasich von Fräulein Holten, von ihrem Charakter, der mitweiblicher Milde männliche Energie und einen scharfenVerstand verbindet, bislang gehört, ist so bewunderungs-würdig, daß ich es kaum wage, mich ihr äls Nachbarvorzustellen."

Unsinn," brummte Reinhardt,sie bleibt bei all'ihren Vorzügen doch immer nur ein Frauenzimmer"

DaS den Beweis geliefert, als Gutsbesitzerin einenHerrn und Meister ganz gut entbehren zu können," fielTante Hanna mit ungewöhnlicher Schärfe ein.

Der Maler blickte sie sinnend an.

Ja," sagte er nach einer Weile,sie ist eine Perleihres Geschlechts, aber schade ist es doch."

Was ist schade?" fragte Hanna gereizt.

Daß sie sich nicht verheirathet hat, bevor MusjeSteindorf zurückgekommen. Na, schießen Sie nur nichtso gereizt auf mich los, kleine Tante," setzte er lautlachend hinzu,was ist Ihnen denn so urplötzlich in dieKrone gefahren, als ob Sie mich zum Nachtessen ver-speisen wollten? Weiß wohl, daß man Ihr Schooßkindnicht schief ansehen darf, aber ich mein' es ja doch sovon Herzen gut mit ihr, und Sie wissen, wie die Welturtheilt, der schlaue Julius Steindorf voran, dem dasschöne Edenheim und die artigen Baarkapitalien der einstverschmähten Erbin gut zu statten kämen. Stecken Sie'sihr, Tantchen, wir sind ja unter uns, da ich für meinenLeonhard bürge. Der edle Herr Julius glaubt, daßsie ihm die Treue bewahrt und um seinetwillen nichtgeheirathet hat."

Drinnen wurde ein Geräusch hörbar, als ob einStuhl gerückt würde.

Spukt es bei Ihnen oder ist's die Lise?" fragteder Maler.

Lise ist verreist, es wird meine Mignon sein,mein Kätzchen nämlich," wandte Hanna, die sehr bleichaussah, sich an Marbach.

Hat er solches ausgesprochen?" fragte der jungeMann,und ist er hier in der Stadt?"

Er ist hier und hat dergleichen angedeutet," ver-setzte Reinhardt,schade, daß ich nicht dabei gewesenbin, um ihm die richtige Antwort darauf zu ertheilen.Er wird äirch M Ihnen wegen Rotenhof anbinden, mein

Lieber! Soll bereits mit einem Rechtsanwalt in Ver-bindung getreten sein."

Nun?" richtete der junge Mann sich erstauntempor,will er meinen Besitz-Titel vielleicht angreifen? Dann soll er mich gewappnet finden. Abtrotzen lass'ich mir nichts. Ich ersah allerdings aus den Papierenmeines Onkels, daß er das Gut aus dem Concurse füreinen Spottpreis erstanden, und wunderte mich, daß HerrHolten es nicht an sich gebracht."

Das hatte seine besonderen Gründe," nahm TanteHanna jetzt das Wort,Herr Julius Steindorf erhielteine übermäßig hohe Summe ausbezahlt, weil sein Vaterihn nicht mehr sehen mochte, worauf die Mutter baldstarb und alles in Verwirrung gerieth. Der alte Stein-dorf wurde tiefsinnig, unredliche Verwalter beuteten ihnaus und auf Herrn Holten wollte er nicht hören, weil erFräulein Armgard die ganze Schuld beimaß. Er sollihm sogar die Thür gezeigt haben. So war das Endebald genug da, das abgewirthschaftete Gut kam unterden Hammer und Ihr Onkel erstand dasselbe für einenSpottpreis, weil ein Jeder sich gescheut haben soll, daraufzu bieten, als man sah, daß Herr Holten sich vollständigfern hielt."

Und der alte, unglückliche Herr Steindorf?"fragte Marbach leise.

Man fand ihn am Tage der Auktion todt inseinem Bette, am Schlagfluß gestorben, wie es hieß."

Es wurde jetzt ganz still in dem kleinen Kreise.Die Sonne war längst untergegangen, hoch oben imblauen Aether erglänzte die Mondsichel, Blumen undBlüthen dufteten berauschend, und im nahen Gebüschschlug eine Nachtigall. Mignon hatte sich auf den Schooßihrer Herrin geflüchtet und schnurrte. Sie hob denzierlichen Kopf und schien etwas Jagdlust zu empfinden,denn ihre Augen phosphorescierten bedenklich. Doch warsie zu wohl erzogen, um nicht augenblicklich ihre Gelüstenach der kleinen Sängerin zu unterdrücken und weiterzu träumen.

Plötzlich erhob sich der Maler, reichte der altenFreundin die Hand und bat leiserVerzeihen Sie, wennich Sie geärgert habe, ich kann mich nicht mehr ändern.Gute Nacht!"

Sie drückte ihm stumm die Hand, auch dem jungenGutsbesitzer, der sich entschuldigen wollte, doch ruhig miteinem herzlichenGute Nacht" entlassen wurde.

Als die Pforte sich hinter den Beiden geschlossen,schritt sie eiligst in's Haus.

Armgard!" rief sie leise und ängstlich, indem sierasch eine Kerze anzündete.

Dort saß sie, am offenen Fenster, von der Gardinehalb verhüllt.

Schließen Sie Fenster und Gardinen, Tante,"bat sie mit fester Stimme, die einen seltsam fremdenkalten Klang hatte. Tante Hanna gehorchte zitternd,ihr war auf einmal so kalt geworden, daß sie zusammen-fröstelte.

Armgard sah nach ihrer Uhr.

Es ist spät, schon nach neun Uhr, Conrad wartetmit dem Wagen auf mich, da ich in meinem Hause nichtübernachten, sondern noch nach Edenheim hinaus wollte.Aber, was thut's, mag er warten, er ist ja unterDach und Fach."

Die alte Cathrin, welche für Lise die Arbeitübernommen hat und hier schläft, wird soeben gekommen