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sein. Ich schicke sie in die Stadt, um Conrad Bescheidzu sagen."
„Ich bitte darum, Tante Hanna, da ich noch einStündchen mit Ihnen plaudern möchte. Conrad magsich um 10 Uhr hier einstellen."
Hanna ging hinaus, während Armgard langsamim Zimmer umherschritt. Das sonst so blühende Antlitzwar leichenblaß, um die festgeschlossenen Lippen lag einherber Zug, der sie um ein paar Jahre älter erscheinenließ, und aus den freundlichen braunen Augen blitztees wie Menschenverachtung und Haß.
Tante Hanna kehrte zurück. Sie ergriff Armgard'SHände und zog sie sanft nach dem Sopha, wo sie sie ineine Ecke niederdrückte. Dann zündete sie die Lampe anund ließ sich an ihrer Seite nieder.
„Sie haben Alles mit angehört, Kinds"
„Ich mußte wohl, da mir jeder Ausweg verschlossenwar," lautete die bittere Antwort.
„O nein, Herzchen, die Nothwendigkeit lag geradenicht vor, Sie konnten durch die Hofthür in meinObst-gärtchen gehen, da ich leider nur den einen Ein- undAusgang habe. Aber natürlich blieben Sie hier, um sichvon diesem Igel von Maler noch tiefer verwunden zulassen. Was man nicht weiß, das —"
„Ja, ja, Tantchen, ich blieb aus Neugierde, es istganz gut zu wissen, was Andere über uns denken undurtheilen, weil das die Demuth weckt. Die Lehren diesesstachlichen Igels waren schmerzhaft, aber doch gut. Esist nur gar zu demüthigend, daß die Welt und dieserMensch von mir glauben können, ich hätte um seinet-willen nicht geheirathet. — Das könnte mich noch heutezu einem verzweifelten Entschluß bringen."
„Meine beste, einzige Armgardl" bat Hanna, denArm um sie legend, „verachten Sie das Geschwätz derWelt, wie Sie es stets gethan. Mag der Elende dochkommen, für den Sie sicherlich nur Verachtung empfinden.— Oder," setzte sie erschreckt hinzu, als sie sah, wie dasblasse Gesicht sich mit einer tiefen Gluth bedeckte, „sollteich mich geirrt haben und Ihr Herz noch immer für ihnempfindend"
Armgard legte den Kopf an ihre Schulter und brachin Thränen aus.
„Verachten Sie mich, Tante Hanna," sprach sieendlich leise, mit Anstrengung, „ich habe in all' denJahren nur zu oft an ihn gedacht und mein Gewissenim Hinblick auf seine armen Eltern mit dem Gedankenberuhigt, daß er glücklich geworden und daß ich dieBegründerin feines Glücks gewesen. Ach, Tante, ichliebte ihn so sehr, der alte Igel hatte ganz recht gesehenmit seinen scharfen Maler-Augen. Als ich ihn in Köln wiedersah, schöner noch als früher, da fühlte ich diealte Liebe erwachen in ihrer ganzen Stärke, und derGedanke, daß er frei sei, daß er noch mein jetzt werdenkönne, versetzte mich in einen Rausch des Entzückens.Dann kam ein jähes Erwachen, ich merkte die Absicht-lichkeit seiner Annäherung, hörte, ungesehen von ihm, wieer meine Freundin über meine Vermögens-Verhältnisseund mein einsames Leben ausforschte, sah den Triumphin seinen Augen und empfand mit Widerwillen das be-rechnete Entgegenkommen seines dressierten Kindes. Ent-setzt entfloh ich, um soeben anzuhören, daß er mir aufdem Fuße gefolgt, daß der Elende sich mit meiner Schwächebrüstet, daß die Welt mein innerstes Geheimniß an'sTageslicht zerrt, um der Närrin zu spotten, welche als
alterndes Mädchen noch auf Glück zu hoffen wagte,während der kluge Freier nur ihr Hab und Gut will,um sie als Ballast dann bei Seite zu werfen. TanteHanna l wohin soll ich mich flüchten vor der Welt undder eigenen Scham?"
Die Greisin blickte einen Augenblick sinnend vorsich hin, wobei eine tiefe Wehmuth um die blaffen Lippenzuckte.
Dann streichelte sie die Wangen ihres Lieblingsund versetzte in ihrer milden, ruhigen Weise: „Ichmöchte Ihnen wohl die Geschichte einer Freundin er-zählen, welche in der Jugendzeit Freud ' und Leid mitmir theilte und sozusagen mein zweites Ich war. Dochist es heute Abend zu spät geworden, weshalb ich Ihneneinen Vorschlag mache, meine liebe Armgard! SchickenSie den Conrad wieder nach Hause und bleiben Siediese Nacht bei mir. Morgen früh, wenn die Vögel er-wachen und die Rosen ihre Kelchs öffnen, wenn diePfingstsonne uns begrüßt, dann werden auch Sie ruhigersein und die Geschichte meiner Freundin wie eine heiligeOffenbarung in sich aufnehmen. Ja, schauen Sie michnur verwundert an, die alte Tante Hanna trägt immernoch ein Stückchen Poesie in ihrem Herzen und kannsich mit dem nüchternen und oft recht widerwärtigenRealismus der heutigen Jugend, die für nichts weiterschwärmt, als Erwerb und Genuß, nun einmal nichtbefreunden.
„Ich bleibe hier, Tante Hanna, um die GeschichteIhres zweiten Ichs zu hören," sprach Armgard gefaßt.„Wollen Sie dem Conrad Bescheid sagen?"
„Er wird inzwischen gekommen sein, ich gehe schon,mein Kind."
Hanna ging, um den Kutscher fortzuschicken, Gartenund Haus zu verschließen und der alten Cathrin einigeAnordnungen zu ertheilen, dann kehrte sie zu Armgardzurück.
„Tante," sprach diese, „ich möchte die Geschichtejetzt gleich hören."
„Nein, mein Kind, ich bin an ein regelmäßigesLeben gewöhnt und muß um 10 Uhr im Bett liegen.Das ist mein Recept. Die Ruhe des Herzens, dasGleichgewicht der Seele in jeder Lage des Lebens be-wahren, weder Leidenschaft noch Unglück und Leid Herrüber sich werden lassen, darin besteht das Geheimnißmeines hohen Alters. — Und nun kommen Sie, meinHerzchen, daß ich Sie in Ihr Schlafkämmerlein führe."
Arm in Arm begaben sie sich zur Ruhe, TanteHanna plaudernd und scherzend, Armgard schweigend undnachdenklich.
„Der jetzige Besitzer von Rotenhof scheint ein rechtverständiger junger Mann zu sein," bemerkte Armgard,als Hanna ihr gute Nacht sagte.
„So scheint es, wissen kann man es nicht, dennwer kennt die Männer aus!"
„Freilich, zuerst schien ihm der Besitz Gewissens-bisse zu verursachen," meinte Armgard spöttisch, „so daßman glauben mußte, er wolle denselben um jeden Preislos sein, bis der Maler ihm ein Licht aufgesteckt, wieer jetzt sein zartes Gewissen erleichtern könne, da bekannteer Farbe —"
„Na ja, freiwillig oder gezwungen etwas thun, istein verschieden Ding, liebe Seele! Ich müßte denjungen Marbach verachten, wenn er sich in solch' un-gerechtfertigter Weise aus feinem Eigenthum verdrängen