Ausgabe 
(6.4.1894) 28
Seite
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ließe. Das sieht dem kecken Herrn Julius Steindorfganz ähnlich, sich so mir nichts dir nichts in daswarme, väterliche Nest, das fremder Fleiß wieder auf-gebaut, Hineinsetzen zu wollen. Gott sei Dank aberherrschen im Deutschen Reich keine amerikanischen Zu-stände."

Sie küßte Armgard mit Mütterlicher Zärtlichkeitund begab sich in ihre Kammer, wo sie sich stilllächelndentkleidete und zur Ruhe begab, während die jungeErbin ihr Licht auslöschte, die Gardine zurückschlug unddas Fenster öffnete, um den berauschenden Duft derFrühlingsnacht einzuathmen und der Nachtigall zulauschen.

Als sie endlich ihr Lager aufsuchte, war ihr Ge-sicht von Thränen feucht und ihr Herz müde zumSterben.

Tante Hanna wanderte schon früh zwischen ihrenRosen umher, hier und da ein welkes Blatt entfernendoder ein schwaches Reis festbindend. Sie hatte nichtNutzlos gewacht wie Armgard, sondern fest und ruhiggeschlafen, weshalb die Augen klar in Gottes schöneSchöpfung hinausschanten und die kleine Gestalt kerzen-gerade in jugendlicher Rüstigkeit sich umherbewegte. DieVöglein jubilierten zu Gottes Ehre, und nun erklangauch schon das erste Geläute hoch und hehr durch diestille Morgenluft.

Da öffnete Armgard ihr Fenster und spähte un-ruhig hinaus. Sie sah bleich und übernächtig aus,die sonst so klaren Augen waren trübe und leicht ge-röthet.

Hm, das sieht nicht gut aus," dachte TanteHanna bei ihrem Anblick,sitzt der gottlose Burscheihr wirklich so fest noch im Herzen? Das wäre böse,sehr böse!"

Ei, ei, seit wann sind wir eine Langschläferin ge-worden?" rief sie ihr zu,wir haben nicht lange Zeit,mein Herzchen, da ich die Kirche nicht versäume."

»Ich begleite Sie, Tantchen, bin in zwei Minutenbei Ihnen."

(Fortsetzung folgt.)

- -

Präsident Schulze.

Eisenbahn -Humoreske von Karl Zastrow.

(Schluß.)

Und in der That, als der Zug in den Bahnhofvon Lundenburg einfuhr, da zeigte sich der Perron voneiner dichtgedrängten Menschenmenge besetzt, und alleHälse streckten sich und alle Augen bohrten sich in dasCoupö, um den mächtigen Grundbesitzer und dreifachenMillionär aus Russisch-Polen zu sehen, der das kleineStädtchen mit seiner großmächtigen Gegenwart beehrenwollte. Und als nun Seine Hochwohlgeboren mit ihremBegleiter aus- und in den bereitstellenden Wagen stiegen,da erbrauste die Luft von tc^lsendstimmigem Jubelschall,und gleich einem Wetterschwarm wälzte die liebe Straßen-jugend sich hinterdrein, als der Wagen in schnellemTrabe der Stadt entgegenrollte.

Schulze schüttelte den Kopf. Die Ovation warihm selbst für einen russischen Großgrundbesitzer dochetwas zu stark. Dazu kam, daß er unter demHoho Schulze, Schulze, Schulze!" brüllenden Janhageleinige ganz verzwickt höhnisch grinsende Gesichter wahr-genommen hatte. Auch eine Kundgebung des Zweifels

war an sein Ohr gedrungen:DaS soll Schulze sein?Das glaub ich nimmer l" hatte es recht pessimistischgetönt.

Fragend blickte er auf seinen Begleiter; allein derhatte, wie es dem heimkehrenden Stadtoberhaupte ge-ziemt, die Amtsmiene aufgesteckt, saß im feierlichenSchweigen da und sah mit hoheitsvollem Ernst auf diegaffenden Unterthanen herab. Glücklicherweise hielt derWagen jetzt vor dem Nathhause, in welchem der Bürger-meister wohl seine Dienstwohnung hatte. Ob das Dinerwohl schon angerichtet war?

Jedenfalls denn,Steigen Sie aus und kommenSie mit, Präsident!" raunte der Stadtvater, und danngings eine Treppe hinauf und in ein großes Zimmerhinein, in welchem einige Beamte an grünbezogenenPulten arbeiteten, während längs der Wände elegantgekleidete jüngere und ältere Personen beiderlei Geschlechtssaßen. Und alle diese wildfremden Leute blickten starrund mit offenem Munde auf den eintretenden Präsi-denten. Darauf ringsherum Kopfschütteln, Tuscheln undSchulterzucken, bis eine ehrwürdige Matrone sich vonihrem Sitze erhebt und entschlossenen Schrittes auf denältesten der Bureauarbeiter mit den halblaut geflüstertenWorten zutritt:Das ist er nicht."

Worauf der in dieser Weise Belehrte schadenfrohin sich hinein schmunzelt und sich an den sichtlich ver-legen werdenden Bürgermeister mit den Worten wendet:

Herr Commissär! Sie haben wieder mal einen tuuLxas g'macht. Er ist's nicht."

«Nein, er ist's nicht! . . t Er ist's nicht! . . .Es ist nicht der Präsident!" schwirrt es von allenSeiten.

Nu do is er's neht," schreit der zum Com-missär degradierte Bürgermeister ärgerlich.Da ist eshalt a Irrthum. Was kann i dafür? Wenn er sagt,er ist Präsident und schmeißt mit de Millions um sich,als wenn's hagelt, und heißt Schulze, da bringt manihn mit. Und wenn er's neht ist, na, da ist er's neht!Hat mich 20 Gulden gekostet, der Spaß!"

Herr!" schreit jetzt unser Schulze, dessen Gesichtbei jeder Phase dieser interessanten Verhandlung anLänge zugenommen hat,was soll ich von Ihnen denken?Was? Sie unterstehen sich, einen unserer hervorragend-sten deutschen Verwaltungsbeamten für einen Hochstaplerzu halten und mir nichts dir nichts in Ihre alte Vaga-bundenkanzlei zu ködern? Sie geben sich für denBürgermeister von Lundenburg aus und wie's zumKlappen kommt, sind Sie ein alter Polizei-Pelikan, derin Steckbriefen macht? Ja wohl Schulze! Schulze!Schulze! Hat sich was zu schulzen! Haben Sie nichtgenug Schulzes in Ihrem Krähwinkel, daß Sie nocheinen aus Westpreußen dazu annektieren wollen? Herr!Was meinen Sie, wenn ich eine Depesche an den deut-schen Reichskanzler loslasse? Was meinen Sie, was ge-schieht -?«

Na, nun hören Sie auf!" unterbrach der ältereBeamte den Eiferer, während gleichzeitig ein Wachmannmit den Worten:I bitt' schön, daß Sie sich entfernen,Herr Schulze! ich bitt' dringend darum, Herr Schulze!"herzutrat.Hören's auf, und wenn's an guten Rathannehmen woll'n, dann verschwinden's fein säuberlich,eh' der Spectakel noch größer wird. Und wenn's derPräsident Schulze nicht sind, dann danken's Gott, daßSie es nicht sind. Und mit der Depesch' an den Reichs-