kanzler, das können's halten, wie's woll'n. An' Kriegmit Deutschland können wir um einen westpreußischenSchulze nicht anfangen. Hob de Ehre, Herr Schulze!wünsch' glückliche Reiset" —
Und ehe Herr Schulze es sich versah, stand eraußen vor'm Portal des Nathhauses, und da er imGrunde ein vernünftiger Mann war, so sagte er sich,daß es so am besten sei, und schlug sich mit sorgfältigerVermeidung jedes Aufsehens nach dem Bahnhöfe. Dernächste Zug brachte ihn dann nach Wien , in dessengroßstädtischem Wogenschwall er durch gelegentliches Forschenund Studieren der Tngesblätter auch die Lösung desRäthsels erhielt:
Es lebte nämlich in Baden bei Wien ein etwasabsonderlich gearteter Banquier, dessen Unternehmungenstets vom Glück begünstigt worden waren, weshalb ihmauch jene Weisheit fern geblieben war, die mehr oderweniger die Folge läuternder Schicksalsschläge ist. SeinName war Schulze. Er hatte unter anderm auch eineBank gegründet, die ihm Millionen eingebracht, späteraber in Folge noch größerer Unternehmungen wiedereingegangen war. Schulze besaß an irdischen Güternalles, was sich erreichen läßt. Nur eins fehlte ihm:ein Titel, ein hoher Orden, ein berühmter oder adeligerName! Wie er es auch anstellen mochte, er war undblieb Schulze! Und wenn er sich auch von jener Bankher, der er als Begründer vorgestanden, Präsidentnannte, und auch seine Bekannten ihm zu Gefallen ihn„Herr Präsident" titulierten, — es war doch nichtsReelles, öffentlich Anerkanntes, worauf er und dieSeinen hätten stolz sein können. Er versuchte es mitder Kunst, indem er unter die Schauspieler ging, alleinum Hauptrollen zu erhalten, blieb ihm nur übrig, Di-rector zu werden, ein Theater zu pachten und den mit-wirkenden Künstlern dopppelte Gage zu zahlen. Nach-dem er sodann der staunenden Welt einen Franz Moorhingelegt, wie er in diesen Breiten noch nie gesehenworden, und jämmerlich ausgezischt worden war, suchteer anf anderen Gebieten zu brillieren, fiel jedoch auseiner Extravaganz in die andere, ungeheuere Summenverschwendend, ohne etwas anderes zu ernten, als denFluch der Lächerlichkeit. Nachdem er jedoch auf diekühne Idee verfallen war, sich eine stattliche Majors-Uniform anmessen zu lassen und als wohlbestallterStabsofficier durch die Straßen von Wien zu wandeln,sah man ein, daß etwas geschehen müsse. Und so wurdeer unter Curatel gestellt und mit etwas größerer Sorg-falt überwacht, als ihm lieb war. Denn als der Schlau-meier die wohlgemeinte Absicht merkte, wurde er ver-stimmt, und ehe man sich's versah, war er mit einerhalben Million Taschengeld verschwunden. Nun reisteer als Graf und Rittergutsbesitzer in der Provinz um-her, seinen Verfolgern ein Schnippchen schlagend undwegen seiner großartigen Zechen in allen Gasthäuserngern gesehen. Niemand dachte daran, ihn zu verrathen.Sein letzter Geniestreich hatte ihn zu einer volkstüm-lichen Persönlichkeit gestempelt.
Seine Angehörigen hatten eine Belohnung von1000 Gulden demjenigen ausgesetzt, der „PräsidentSchulze" auf gute Manier wieder einliefern würde.Dieser Preis hatte alle Detectives und Gendarmenauf die Beine gebracht, und daß Irrthümer wie derhier geschilderte vorkommen mußten, war natürlich. DerPseudo-Bürgermeister glaubte seiner Sache ziemlich sicher
zu sein. Auf sein Telegramm: „Präsident Schulzeunterwegs," hatten sich sämmtliche Mitglieder der Fa-milie Schulze eingefunven, und das stereotype „Dös iser net" mag ihm noch anf lange Zeit die Laune ver-dorben haben.
Unser resoluter Eisenbahnsekretär reiste über Salz-burg nach Innsbruck weiter, allein der Genuß der schönenGebirgsnatnr hatte einen etwas bitteren Geschmack fürihn erhalten. Wenn so ein alter eingefleischter Bureau-krat einmal alle Miseren vergessend, in die Ferne hin-ausdampft, und es passiert ihm dort etwas Unangenehmes,so hat er stets das drückende Gefühl, daß die Wolken,welche sich über seinem Haupte zusammengethürmt haben,möglicherweise ihren Flug in die Heimath nehmen undsich dort als Gewitterschauer entladen könnten-
Und seine heimliche Ahnung sollte ihn nicht be-trogen haben.
Als er nach glücklich erfolgter Heimkehr pünktlichzur festgesetzten Stunde sich bei dem Nessortchef zumDienstantritt meldete, begann dieser nach Erledigung derersten Formalitäten:
„Sie wissen wohl schon, Herr Schulze, daß wireinen neuen Dezernenten haben? Negierungsrath Mülleraus Frankfurt , noch jung an Jahren, aber feiner Mann,hat auch die Personalien" —
Schulze lauscht betroffen. „Negierungsrath Müller?Teufel! Wenn das nur nicht" —
„Der Herr Negierungsrath scheint bereits einenVorgang von Ihnen an der Strippe zu haben. Siefinden auf Ihrem Pulte einen Zettel, wonach Sie sogleichnach Ihrer Rückkehr sich bei ihm zur Rücksprache ein-finden sollen. Gehen Sie nur gleich zu ihm."
Schulzen sinkt das Herz in die Hosen. „Teufel!wenn das nur nicht der verflixte Assessor mit der Narbeist, der immer so entsetzlich gehohnlächelt hat. Assessornannte er sich zwar. Aber was will das sagen? Aufder Rückkehr von Dresden kriegt er den Titel „Negierungs-rath" und die Versetzungsordre nach hier, denn dasUnglück schreitet heuzutage schnell."
Eine Minute später steht Schulze vor dem Ne«igiernngsrath Müller und sieht mit Angst und Schreckensene Befürchtung bestätigt. Sein Reisegefährte vondamals steht ihm heute als sein Vorgesetzter gegenüber.
„Wer sind Sie?" tönt es trocken von den Lippendes Herrn Regierungsrathes.
„Gott sei Dank!" athmet Schulze auf, „er erkenntmich nicht wieder," und laut und im xesolutcn Toneerwidert er: „Schulze, Herr Asseff—, Herr Regiernngs-rath! mein Name ist Schulze!"
„So? Na — hören Sie mal, Schulze, Sie habenda eine Idee gehabt und zwar eine ziemlich leichtsinnige.Na . . Sie werden ja wissen, was ich meine, und mirdeshalb die erforderliche Auskunft geben können. Alsodie Sache ist die: Eine unserer bedeutenderen Nachbar-bahnen fragt wegen eines gewissen Schulze, der an demund dem Tage mit dem so und so dielten Zuge vonBodenbach in der Richtung nach Vrünn gefahren, sichfür einen Bahndirector aus Westpreußen ausgegebenund unter dieser Firma das Beamtenpersonal in un-gebührlicher Weise gehänselt hat. Es wird im Grundenicht schlimm gewesen sein, aber die Kerle haben sichbei ihren Vorgesetzten beschwert und die Geschichte andie große Glocke gehängt, und da oben sieht so etwasimmer bedenklicher aus als unten. Was meinen Sie,