Ausgabe 
(6.4.1894) 28
Seite
210
 
Einzelbild herunterladen

210

Schulze, was man nun der Verwaltung mit gutemGewissen antworten könnte?"

Herr Regierungsrathl" erwiderte der Bahnsekretär,dem selbstverständlich nicht wohl zu Muthe war,ich ich kenne den Schwerenöther, der solche Geschichtchenmacht. Ich fuhr mit ihm eine Strecke. Er ist derPräsident Schulze aus Baden bei Wien."

Müller schwieg, still vor sich lächelnd, eine halbeMinute. Dann sagte er:

Na es ist gnt, Schulze. Es fehlt Ihnenwenigstens nicht an Geistesgegenwart! Aber nun Scherzbei Seite! Eins muß ich Ihnen sagen, nämlich, daßSie nach Ostpreußen versetzt werben, woselbst Sie IhreCarriere ungehindert bis zum Präsidenten machen können.Und zwar müssen Sie schon in drei Tagen an Ortund Stelle sein. Nach Gumbinnen kommen Sie. Ver-standen?"

Schulze trat ab und am nächsten Tage seine Straf-versetzung an, und Urlaub gab eS für ihn hinfort auchnicht mehr. Wenn im Sommer die Kollegen südwärtszogen, dann saß er an ihren Pulten und erledigte ihreArbeiten. Er war ein gemaßrcgelter Beamter geworden,weil er Andere gemaßregelt hatte!

Und die Moral von der Geschieht'?

Wenn Du als Subalterner bist

Auf Urlaub eine kurze Frist:

Dann spiel' den Präsidenten nicht."

--

Steine und Bücher.

Von Don Josaphet.

Nachdruck vom Verfasser verboten!)

I.

Seit dem Anfange aller Dinge bis zum fünfzehntenJahrhundert des christlichen Zeitraumes einschließlich istdie Baukunst das große Buch der Menschheit, der Haupt-ausdruck des Menschen in den verschiedenen Zuständenseiner Entwicklung, sei es als Kraft, sei es als Einsicht.

Nachdem das Gedächtniß der ersten Geschlechter sichüberladen fühlte, nachdem von Geschlecht zn Geschlechtdie Tradition so schwerfällig und verwirrt wurde, daßdas nackte und flüchtige Wort sie nicht mehr getreu über-liefern konnte, schrieb man die Geschichte in den mütter-lichen Boden der Erde auf die sichtbarste, dauerhaftesteund natürlichste Weise: man besiegelte jede Traditiondurch ein Monument. Die ersten Monumente wareneinzelne Felsstücke,welche das Eisen nicht berührt hatte",wie Moses sagt. Solche Monumente der Urzeit warender Altar, welchen Noe errichtete, als er aus der Archetrat (1. B. Mos. VIII. 20), der nicht zu Ende geführteColossalbau des Thurmes in Babel (1. B. Mos. XI. 3.4),die Altäre, welche Abram in Sichem und Bethel demHerrn erbaute (1. B. Mos. XII. 7. 8), der Altar Jsaacsin Bersabes (ibickoni XXVI. 25), der Denkstein Jacobsin Luza oder Bethel (ibiäöm XXVIII. 18) und vieleandere, welche die hl. Schrift erwähnt.

Die Architektur begann wie jede Schrift. Sie warzuerst Alphabet. Man pflanzte einen Stein aufrecht indie Erde, das war ein Buchstabe, und jeder Buchstabewar ein Hieroglyph, und auf jedem Hieroglyphen ruhteeine Gruppe Ideen, wie das Kapital auf einer Säule.So machten es die ersten Geschlechter, überall, zu gleicherZeit, auf dem ganzen Erdkreise. Den aufgerichtetenStein findet man auf den Inseln der Südsee, wie an

den Gestaden des Mississippi, bet den alten Celten, wiebei den Helden Homer's: es ist die ursprüngliche Univerfal-sprache der Menschheit, nur kommt diese Sprache nichtüber das erste Stammeln hinaus. Daher tragen dieseprimitivsten Werke der Urzeit mehr das Gepräge all-gemeiner Natur-nothwendigkeit, als den Stempel geistigbewußten Schaffens.

Später machte man Worte. Man baute Stein aufStein, man verband diese Silben von Granit unter-einander, das Wort versuchte einige Verbindungen. EinWort, ein deutliches Wort, war jener Steinhaufen, wel-chen Jacob und Laban in Galaad errichteten undHügeldes Vertrages",Steinhaufen des Bundes und Zeug-nisses" nannten (1. B. Bios. XXXI. 46. 47), einunvergeßliches kühn gesprochenes Wort waren jene zwölfColossalsteine, die Josua aus dem Bette des hl. Jordannehmen und in Galga! aufstellen ließ zum ewigen An-gedenken an Israels wunderbaren Uebergang und Einzugin das gelobte Land Palästina (B. Jos. IV. 20). Daswar im Jahre 2553 nach Erschaffung der Welt und 1452Jahre vor Christus.

Dann schritt die Menschheit fort im Lause der Zeitenauf der Bahn der Entwicklung, schärfer traten die Unter-schieds der Einzelnen hervor, reicher ward die Füllemannigfach besonderer Charaktere.

Der Tumulus (künstlich aufgeworfener Hügel) derLydier, Phönizier, der Galgal der Hebräer, der Dolmen (tischartiger Steiubau) und Kromlech der Celten (Stein-kreise) sind uns heute noch verständliche Worte dieserverschwundenen Nationen. Ein erhabener Eindruck be-mächtigt sich beim Anschauen dieser Steinsilben des Ge-müthes; ein geheimnißvoller Schauer durchweht den Geistdes Menschen, der diese uralte Steinschrift bewundert:er vernimmt das Echo längst vergangener Jahrtausende,welches hier an sein Ohr nnchtönt.

Endlich schrieb die Menschheit Bücher.

Die Traditionen hatten Symbole erzeugt, unterdenen sie verschwanden, wie der Stamm des Baumesunter seinen Blättern. Alle diese Symbole, welchen dieMenschen Glauben schenkten, häuften sich an, vermehrten,verwickelten sich mehr und mehr. Die ersten primitiv-sten Monumente hatten nicht mehr Raum genug, sie allezu fassen. Kaum drückten diese Denkmäler noch die ur-sprüngliche Tradition aus, gleich ihnen einfach, nackt underst der Erde entwachsen. Das Symbol fühlte das Be-dürfniß, sich aus dem Gebäude bemerklich zu machen.Jetzt entwickelte sich die Architektur mit dem menschlichenGedanken: sie wurde ein tausendköpfiger und tausend-armiger Riese.

Während Dädalus die Kraft maß, undOrpheus die Einsicht saug, sah man den Pfeiler,welcher ein Buchstabe, den Bogen, der eine Silbe, diePyramide, welche ein Wort ist, durch das doppelte Gesetzder Poesie und Geometrie in Bewegung gesetzt, sich ordnen,zusammenfügen, tief in der Erde wurzeln, hoch in dieWolken steigen, bis endlich die große Epoche anbrach, inwelcher jene wunderbaren Bücher geschrieben wurden, diezugleich wunderbare Gebäude sind: der 1130 Fuß langeChensn-Tempel von Karnak, das geheiligte Palladiumdes alten Acgypterreiches, das siebenstufige marmor-schimmernde Grab des großen Eroberers Cyrus imgesegneten Murghab-Thale Persiens, die kraus phanta-stische, durch verschwenderische Fülle plastischen Schmuckeshervorragende Kailasa-Grotte zu Ellora in Indien, der