Ausgabe 
(6.4.1894) 28
Seite
211
 
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Boro Budor-Tempel, welcher sich in sechs Stockwerken biszu 116 Fuß Höhe terrassenförmig auf der Insel Javaerhebt, endlich Salomos unvergleichlicher Tempel auf demBerge Moria in Jerusalem .

Die Uridee, das Wort, war nicht bloß im Innernaller dieser Gebäude, sondern auch in ihrer äußerenForm. Salomos Tempel war nicht bloß der Einbanddes heiligen Buches, sondern daS heilige Buch selbst.Kein Wunder, daß die Juden später den letzten Bluts-tropfen in und für den Tempel wie für ihr Gesetzbuchverspritzten!

Aber nicht allein die Form der Gebäude, sondernauch ihre Lage gab denjenigen Gedanken kund, den siedarstellen sollten. Je nachdem das darzustellende Symbolheiter oder ernst war, krönte Griechenland seine Bergemit einem harmonisch in's Auge fallenden Tempel, zumBeispiel in Agrigent, Pästum, Olympia, Athen undHalikarnaß, grub Indien die seinigen tief in die Erdeein und meißelte unter dem Boden jene gigantischen,ungestalteten, geheimnißvollen Pagoden. So war dieArchitektur die große Schrift des menschlichen Geschlechtes seit dem ältesten Obelisken Altägyptens bis zumPeiersdome der ewigen Roma; und nicht bloß jedesreligiöse Symbol, sondern jeder menschliche Gedanke hatin diesem unermeßlichen Buche sein Blatt und sein Denk-mal erhalten.

In der ersten Periode des Mittelalters erstand aufden Ruinen der griechischen und römischen Baukunst jeneerhaben vornehme, edle und einfache römische Architektur,unvertilgbares Emblem des reinen Christusglaubens,unverwischbare Hieroglyphe der christlichen Einheit. DerHauptgedanke jener Zeit ist in dem römischen Stil ver-zeichnet. Man fühlt darin überall die unbegrenzte Ge-walt, die Einheit, das Unergründliche, das Unbedingte.

Jetzt kommt die Zeit der Kreuzzüge: ein neuer Ab-schnitt in der Geschichte. Europa's Angesicht hat sichgeändert, mit ihm der Anblick der Architektur. Zugleichmit der Civilisation hat sie das Blatt gewendet, und derGeist der Zeit findet sie bereit, unter seiner Eingebungzu schreiben. Sie hat aus den heiligen Kriegen dasBogengewölbe mitgebracht, wahrend die Hieroglyphe dieKathedralen verläßt, um die Burgen des Adels mitprangenden Wappen auszumalen. Die Kirchen selbstfallen dem Künstler anheim, und dieser baut sie nachseiner Weise. Um das Mysterium, um die Mythe ist esjetzt geschehen; Laune und Phantasie richten ihr Reichauf. Der Altar und der Raum des Gotteshauses gehörtund bleibt dem Priester, die vier Mauern dem Künstler,dem Architekten. Das Buch der Baukunst gehört nichtmehr dem Priesterthum als ausschließlicher Besitz, nichtmehr der Alles dominirenden Religion, sondern der Ein-bildungskraft, der Poesie. Daher die reißenden undunzählbaren Umwandlungen jener nur wenige Jahrhundertealten Baukunst, die um so auffallender sind nach dereiner totalen Stockung ähnlichen Unbeweglichkeit derrömischen Architektur, welche 6- bis 700 Jahre zählt.

Die Kunst schreitet mit Riesenschritten einher: jedesvorübergehende Geschlecht beschreibt ein Blatt des neuenBuches. Der menschliche Gedanke sprach sich in jenerals finster verrufenen Epoche am unbefangensten aus injenen Büchern, welche man Gebäude nannte. Daherjene unermeßliche Anzahl von Kathedralen in Europa ,so groß, daß man es kaum glauben kann, selbst wennman sie gezählt hat.

Alle materiellen, alle intellcctuellen Kräfte der staat-lichen Gesellschaft kehrten sich dem nämlichen Punkte zu:der Architektur. Wer damals mit einem poetischen Geistegeboren war, wurde Architekt. Die Architekten warendie Meister des großen Werkes; alle anderen Künste ge-horchten und dienten der Baukunst. Der Architekt, derDichter, der Meister vereinigte in seiner Person die Bild-hauerei, die ihm seine Fanden meißelte, die Maleret,welche ihm seine Gläser und Fenster färbte, die Musik,die seine Glocken läutete und seinen Orgeln den Windeinhauchte. Selbst die arme, eigentlich sogenannte Poesiemußte sich, um doch auch etwas zu bedeuten, unter dieArchitektur in poetischer und prosaischer Form einreihenund ihre Denksprüche in Stein ausharren lassen.

Aus allen jenen Steinbüchern des Mittelalters wirduns Kindern des leichtsinnigen, leichtlebigen neunzehntenJahrhunderts zu unserer tiefen Beschämung eines haupt-sächlich klar: die tiefe Religiosität jener, die fade Glaubens-lostgkeit unserer Tage. Die herrlichen Niesenbücher,welche man Wiener, Ulmer, Straßburger Münster ,Dome zu Köln, Mailand, Paris nennt, scheinen schondurch ihre Größe aufden Ersten und Letzten", dasAlpha und Omega" des Weltalls auf den unend-lichen, allmächtigen Gott hindeuten zu sollen. Nie bautenGriechen und Römer so erhabene Tempel, weil sie keineso edle Vorstellung von ihren Göttern hatten und habenkonnten, ebenso wie das heidnische Philosophenthum nieso ein erhabenes, göttliches Buch geschrieben hat, wie dieBibel eines ist, weil sie das Alpha und Omega der Erde,die irdische Weisheit zu besitzen sich rühmten, aber vonjenem nichts wußten, welcher der erste Architekt, derWeltenschasfer war und ist und mit seinem ewigen FingerAlles in das Niesenbuch des Lebens verzeichnet.

Sehr schön feiert der Dichter Eduard v. Schenkdie mittelalterliche Baukunst:

Von allen Künsten aber ward die größteAm größten auch gepflegt: Architektur.

Der Geist, der jedes Strebens Bande löste,

Wetteifert hier mit bauender Natur.

Schuf aus gebau'nen Felsen neue Berge,

Worin sich wölbt des Kreuzes Signatur»

Wo neben die Paläste steh'n wie Zwerge.

So sah ich ringsum wundervolle DomeDer Erd' entsteigen, wie aus einem Stamm;

Sie werden fcststeh'n in der Zeiten Strome,

In dem so manch G bände wird zu Schlamm,Erhab'ncr, als Aeghptrus Pyramiden,

Sind sie Altäre für das GotteSlammUnd athmen GotteSmacht und Gottessrieden."

II.

Bis auf Gutenberg also war die Architektur dieHauptschrift, die allgemeine Schrift. Dieses steinerneBuch beginnt im fernen Morgenlande, zieht sich durchdie griechische Welt hin, und das Mittelalter hat seinletztes Blatt geschrieben. Bis zum 15. Jahrhundert wardie Baukunst das Hauptbuch der Menschheit. In diesemZeiträume erschien kein irgend merkwürdiger Gedanke, dersich nicht zum Gebäude erhob; jede volksthümliche Ideehatte, wie jedes religiöse Gesetz, ihre Monumente; daSmenschliche Geschlecht dachte nichts Wichtiges, was es nichtin Stein geschrieben Hütte, nachdem der Allmächtige selbstseine Gebote auf steinerne Tafeln mit seinem Fingereingeritzet. Wenn wir fragen, warum, so lautet dieAntwort: weil jeder Gedanke, sei er religiös oder philo-sophisch, sich verewigen will; weil die Idee, welche ei»Geschlecht in Bewegung gesetzt hat, auch noch auf fernere