Ausgabe 
(6.4.1894) 28
Seite
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Geschlechter wirken und ihre Spur in der Geschichte zurück-lassen will.

Welche gebrechliche Unsterblichkeit ist aber ein BlattPapier , ein Mannscript! Ein weit festeres und dauer-hafteres Buch ist ein Gebäude. DaS geschriebene Wortzu vernichten, bedarf es bloß einer Fackel und einesfanatischen Muselmannes. Die in der ganzen Welt be-rühmte Bibliothek zu Alexandria , welche auf deS ChalifenOmar berüchtigten Ausspruch hin:entweder stände indiesen Büchern, was auch der Koran enthielte, und dannwären sie überflüssig oder es stände etwas anderesin ihnen, und dann wären sie gottlos, auf jeden Fallalso seien sie zu vertilgen,- in den öffentlichen Bädernmonatelang als Heiz-Material dienen mußte, bezeugttraurigerweise dieses Axiom.

Um das in Stein gebaute Wort zu vertilgen, bedarfeS einer Umwälzung, und einer großen, des Staates oderder Natur. Die Barbaren sind über das Colosseumweggeschickten, die Sintfluth hat vielleicht die Pyramidenüberspült, der stets dräuende Vesuv , zu dessen Füßenich dies schreibe, konnte trotz aller Kraftäußerung Pom-peji nicht gänzlich vernichten, der Zahn der Zeit, derFanatismus der Araber und Drusen, ja selbst alles be-wegende Erdbeben, wie jenes vom Jahre 1759, warennicht im Stande, Baalbek mit seinen Ruinen und Tem-peln (es gibt daselbst Quadersteine von 19 m Länge,4m Dicke und 4 m Höhet!) vom Erdboden total hin-wegzufegen.

Im 15. Jahrhundert ändert sich Alles. Der mensch-liche Geist entdeckt ein Mittel, sich nicht nur dauerhafterals die Architektur, sondern auch einfacher und leichterzu verewigen. Die Architektur wird von ihrem tausend-jährigen Throne herabgestürzt; auf Orpheus' steinerneBuchstaben folgen Gutenbergs bleierne Lettern:derBuchstabe tödtet den Stein."

Die Erfindung der Buchdruckerkunst ist das größteEreigniß in der Geschichte; sie ist ein neuer Mund derMenschheit, ein neues Kleid des menschlichen Gedankens.Unter der gedruckten Form ist der menschliche GedankeunscrgLnglicher als je; er hat Flügel, keine Macht istim Stande, ihn zu greifen, zu vernichten. Zur Zeit derArchitektur wachte er sich zum Berge und setzte sich mächtigfest au einem Orte und in einem Jahrhunderte. Jetzt ister ein Vogel mit tausendfältigem Gefieder, welcher nachallen Winden fliegt, alle Theile der Lust und des Raumeszumal einnimmt. Der menschliche Gedanke stand fest auffestem Grunde und in dauerhaften Massen, die Buch-drnskerkuLst aber hat ihn erst unsterblich gemacht. EinGebäude, miesestes auch immer sei, kann man nieder-reißen, auf welche Weise aber wollte man die Ubiquität,dsS UrberMvorhaudensein, vernichten?

Wenn man erwägt, daß diese Art des Ausdruckes»richt unr die dauerhafteste, sondern auch die einfachste,dir bki-MMste, die praktikabelste ist, daß sie keinen großenTrsß mit sich führt und keines schwerfälligen Rüstzeugesbeümrf; wenn «an bedenkt, daß der Gedanke, der sichdr Stein ansspricht, fünf bis sechs andere Künste, einenWerg von Steinen, einen Wald von Holz, Tonnen vonGsM», eine Legion Arbeiter in Bewegung setzen muß, wo-MWN der Gedanke, der sich zum Buche macht, nur etwasMMe wwd Druckerschwärze bedarf, so wird man sich nicht«ehr WNWern, daß die menschliche Einsicht von der Archi-tlÄLsr Wr Bnchdrnckerklmst übergegangen ist.

Lw 18, Lühchnndert geht das ehrwürdige Reich der

Baukunst zu Ende. Von dem Augenblicke an, wo sienichts weiter mehr ist, als eine Kunst, wie jede andere,wo sie nicht mehr die Hanptkunst, die souveräne Kunstist, hat sie nicht mehr die Gewalt und Kraft, die andernKünste in ihrem Dienste zurückzuhalten. Sie machen sichfrei, brechen das Joch der Architektur, gehen ihre eigenenWege.

Jede von ihnen gewinnt bei dieser TrennungVereinzelung macht groß. Die Meißelei wird Bildhauer-kunst, das Bilderwesen wird Malerei, der Kanon wirdMusik; oder mit andern Worten: ein Weitenreich, dasbeim Tode seines Alexander zerfällt und dessen Provinzensich zu Königreichen erheben. Daher Michelangelo , Raphael,Palestrina . diese glänzenden Gestirne am leuchtenden Himmeldes 16. Jahrhunderts.

Nachdem die Sonne des Mittelalters untergegangen,das gothische Genie am Horizont der Kunst für immererloschen ist, verschwindet allmälig die Architektur mit ihr.Das gedruckte Buch zernagt, unterfrißt, stürzt das Ge-bäude. Die Architektur wird hinfällig, farblos, ärmlich,kleinlich, nichtig; aller Schwung, alle Originalität, allesLeben, alle Einsicht ist verschwunden. Auf sich selbst be-schränkt, von den anderen Künsten verlassen, weil dermenschliche Gedanke sie aufgegeben hat, sammelt sie dieHandwerker um sich, weil sie keine Künstler mehr findenkann.

Und während die Baukunst so kläglich sinkt, steigtund erhebt sich die Buchdrucker-kunst. Das Kapital anKräften, das sonst der menschliche Gedanke an Gebäudeverwendete, gibt er jetzt für Bücher aus. Die Gelehrtenbauen sich Monumente aus Schriften, wie früher die Herr-scher aus Quadern; diese Denkmäler mehren sich vonTag zu Tag die Buchdruckerkunst, die Presse, dieFeder regiert an Stelle der Architektur, der Baukunst,des Meißels die Sonne der Literatur herrschet aufErderr. Wie lange?

Logogryph.

Als Dichter ist in jedem LandMein 1 bis 7 wohlbekannt.

1 2 3 6 ist eine Stadt,

Die selten ihresgleichen hat.

Und nimmst du 1, 3, 2 und 6,

Wird d'raus ein herrliches Gewächs,

4 2 3 7 schafft Genuß,

6 3 1 5 ein stolzer Fluß,

2 6 7 2 3 6 bekannt

Als Märchen- und als Wunderland.

Im Thal erklinget Wchgeschrei,

Stürzt 4 5 1 2 6 und 3.

1 5 6 7 an jedem Haus,

1 2 6 7 kommt mit Gebraus,

4 2 6 7 3 kannst du seh'nIm Wald und Garten duftend steh'n.

Auslösung der Schachaufgabe in Nr. 26:

Weiß. Schwarz.

1. L. 23-63 beliebig.

2. T. 63-23, L. 28-67, V6 matt.

Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 27:

Mensch ärgere dich nicht.

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