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„Augsburger Post;eitung".
^L29.
Dienstag, den 10. April
1894 .
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Berlag des Literarischen Instituts vou Haas L Gradherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr).
Tante Kaniia's Geheimnis;.
Original-Roman von E. von Linden.
(Fortsetzung.)
Hanna ging in's Haus, um den Kaffee zu be-sorgen, und nach wenigen Minuten saß Armgard ihrgegenüber auf der Veranda, ungeduldig der versprochenenGeschichte harrend.
„Keinen Appetit, Kind, wahrscheinlich schlecht ge-schlafen," bemerkte Hanna kopfschüttelnd, „gebrauchenSie mein Recept, — wäre noch schöner, der boshaftenWelt urplötzlich ein solches verhärmtes und vergrämtesGesicht zu zeigen."
„Bah, Tante Hanna, ich habe mir selber schonein anderes Recept verordnet," versetzte die junge Damemit entschlossener Miene. „Ich werde mich heute nochverloben."
„Ganz gut, Kind, — Sie haben ja über ein langesRegister von Freiern zu verfügen. Steht Herr JuliusSteindorf daraus?"
„Nein —"
„So ist der Glückliche schon bestimmt?"
„Nein, Tante Hanna, scherzen Sie nicht, es istmein heiliger Ernst," rief Armgard heftig.
„Mit solchen wichtigen Dingen pflege ich nicht zuscherzen, Fräulein Armgard Holten! Ich habe schonmancher Braut zu ihrem Besten gerathen, schon manchevor lebenslangem Unheil bewahrt, da es kein größeresUnglück auf Erden gibt, als eine unpassende Ehe. Siesind entschlossen, sich mit dem ersten besten Freier zuverloben, um das eigene rebellische Herz vor der Ver-bindung mit einem Unwürdigen zu bewahren. — Ist esnicht so?"
Armgard preßte die feinen Lippen zusammen undnickte dann trotzig.
Tante Hanna sah sie bekümmert an, ergriff ihreHand und begann die Geschichte ihrer Freundin.
„Sie hieß Johanna wie ich und war mit zwanzigJahren ein recht leidlich hübsches und verständigesMädchen, weil ihre Kindheit im Feuer der Trübsal ge-läutert worden war. Ihr Vater, ein Offizier, der dieBefreiungskriege mitgemacht, war ein harter, jähzornigerMann, ungerecht und grausam gegen seine engelsguteFrau und seine Kinder, die ihn fürchteten und vor ihmzitterten. Da er als Lebemann und eingefleischter Egoistnur an sich selbst und seine kostspieligen Genüsse dachte,
so blieb von seiner Gage nur wenig für die Familieübrig, und die unglückliche Frau, welche vor ihrer Ver-heiratung bei der Fürstin am Hofe der kleinen Residenz,wo meine Geschichte spielt, gewesen und von der Durch-laucht stets bevorzugt worden war, erhielt heimlich inihrer Noth lohnende Nähereien vom Schlosse, welche siemit der ältesten Tochter Johanna ebenso heimlich an-fertigen mußte, damit der gestrenge Gemahl von dieserErniedrigung nicht die leiseste Ahnung erhalte. So ver-ging die Kindheit meiner Freundin freudlos und sorgen-voll, als Vertraute ihrer armen Mutter zu früh schondes Lebens Nachtseiten kennen lernend. Da trat einMann in ihr Leben, der verhüngnißvoll für ihre ganzeZukunft werden sollte. Es war ein junger, bildhübscherMann, der einzige Sohn eines mit Johanna's Vater be-freundeten reichen Gutsbesitzers. Er sollte, weil er einWildfang war, seine Militärzeit abdienen, um Disciplinunter der strengen Fuchtel seines Vorgesetzten zu lernen.Seine Eltern hatten Johanna zu sich auf ihr schönesGut eingeladen, wo sie zum ersten Male das Glückkennen lernte und sich die Zuneigung ihrer reichen Gast-geber gewann. Kurz und gut, woran das arme Mäd-chen in ihren kühnsten Träumen nicht gedacht, das solltezur Wirklichkeit jetzt werden, die Eltern hatten ihrenKarl für sie bestimmt und ihr Vater seine Einwilligungdazu gegeben. Ihre Mutter war bei der ganzen Ge-schichte weder zu Rathe gezogen noch um ihre Einwillig-ung gefragt worden, und doch war sie die Einzige, welchemit klarem Blick das kommende Unheil für ihr armesKind in dieser Verbindung sah, da der Reichthum sienicht verblendete, der Charakter des Bräutigams ihraber keine Gewähr für das Glück ihrer Tochter zu gebenvermochte. Johanna schwamm in einem Meer der Wonne,da Karl sich ohne Widerstreben die Braut gefallen ließ,weil er die Eltern gerade in jener Zeit nicht erzürnendurfte. Die Aermste hörte nicht auf die verstohlenenWarnungen der Mutter, ja, sie wurde in ihrem Innernsogar gehässig gegen sie, da sie glaubte, daß die Mutterihr aus Eigennutz das Glück nicht gönne. Natürlichwurde sie von aller Welt beneidet und ihr auch hin undwieder eine spöttische Aeußerung des reichen Bräutigamshinterbracht, der die Hochzeit gern noch zehn Jahreweiter hinausgeschoben hätte. Als seine Militär-Zeit zuEnde war, setzte sein Vater den Hochzeitstag fest. AmPolterabend aber geschah etwas Schreckliches. DerBräutigam war die letzten Tage schon sehr unruhig und