Ausgabe 
(10.4.1894) 29
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zerstreut gewesen, au diesem Abend jedoch so auffallendrücksichtslos gegen seine Braut, daß ers selbst dieser arg-losen Seele auffiel, wieviel mehr nicht den fremdenGästen, die sich schadenfroh anstießen, sowie den Eltern,die ihn unruhig und vorwurfsvoll anblickten. Nur derVater der Braut, welcher dem Weine schon stark zuge-sprochen hatte, merkte nichts davon, während ihre Muttervor Angst und Scham zu vergehen glaubte. Als einDiener dem Bräutigam etwas zuflüsterte und dieser sichfinster erhob, um den Saal man saß just bei Tisch zu verlassen, sah Johanna einen kleinen Brief aufseinem Stuhle liegen, den sie rasch und unbemerkt ansich nahm. Zum ersten Male seit ihrer Verlobung empfandsie Angst und Mißtrauen. Es gelang ihr, als die all-gemeine Fröhlichkeit überhand genommen und man nichtsonderlich mehr auf sie achtete, sich ebenfalls unbemerktzu entfernen, um den geöffneten Brief, der Karls Adressetrug, zu lesen, wozu sie schon jetzt ein volles Recht zuhaben sich einbildete. Der Brief war von einer Frau,welche ihn an ein schriftlich gegebenes Eheversprechen er-innerte und eine Unterredung im Pavillon des Gartensvon ihm verlangte. Johanna schrie nicht auf, sie machtekeine Scene, doch ihr Herz krampfte sich zusammen, alsob sie sterben müsse. Dann schritt sie, sich und ihrenSchmerz heldenhaft bemeisternd, in den einsamen Gartenhinaus, hin nach jenem Pavillon, wo sie ihr Glück be-graben sollte. Sie hörte, wie Karl sein Unglück be-jammerte, eine ungeliebte Braut, die er hasse und ver-achte, heirathen zu müssen, wie er nur sie, die er Regina,seine Königin nannte, lieben, ihr aber nicht das Loosder Armuth bieten könne, weil seine Eltern ihn ent-erben würden. Johanna hörte dies Alles mit an,ohne sich zu rühren, worauf sie geräuschlos in's Hauszurückkehrte und, Unwohlsein vorschützend, sich auf ihrZimmer begab, wo sie eine Unterredung mit ihrer Mutterhatte. Dann schrieb sie einen Brief an ihren Schwieger-vater, dem sie jenes Billet an Karl und ihren Ring bei-fügte. Nachdem sie alles wohl versiegelt und sich mitder Mutter Hilfe umgekleidet hatte, verließ sie bei Tages-anbruch, als Alles im Hause noch schlief, das Gut, umsich nach der eine halbe Stunde entfernten Eisenbahn-station zu begeben und mit dem ersten Zuge zu einerim Gebirge wohnenden Tante zu fahren. In dem Briefebeschwor sie Karls Vater, um'ihretwillen den Sohn glück-lich zu machen und ihn von der Frau, die er mehr alssein Leben liebe, nicht zu trennen. Selbstverständlichgab es harte Kämpfe und schreckliche Scenen, Johanna'sVater wollte den leichtsinnigen Bräutigam umbringen,während der Gutsbesitzer dem Sohne die Wahl ließzwischen Hochzeit und Enterbung. Das Ende vom Liedewar, daß Johanna ihren Willen durchsetzte und Karl seineGeliebte heimführen durfte."

Tante Hanna schwieg und schaute still vor sich hin.Ein wehmüthiges Lächeln irrte um ihren Mund, in denAugen aber glänzte es seltsam.

Ist Ihre Geschichte zu Ende, Tantchen?" fragteArmgard leise.

Noch nicht ganz, mein Kind," versetzte Hanna,sich rasch fassend,die Geschichte enthält noch eine weiseLehre, da dieselbe bis hierher ein wenig der Ihrigenglich, meinen Sie nicht?"

Armgard nickte.

Blieb Johanna auch unverheirathet?"

Sie that es, und zertrat damit frevelnd ein treues

Herz, weil sie nur auf die glänzende Außenseite geschautund das gleißende Bild vergänglicher Schönheit für daswahre Glück des Lebens hielt. Es war da nämlich einNachbarssohn, ein junger Kaufmann, welcher schon alsKnabe mit Johanna gespielt und die Schritte des Kindesbehütet, späterhin auch, wie sie erst nach vielen Jahrenerfuhr, im Geheimen manche Sorge von ihrem Hauptegewandt hatte, ohne daß sie jemals eine Ahnung vondieser stillen, aufopfernden Liebe gehabt, dieser jungeMann, welcher Lorenz hieß, war nicht hübsch, aber tüchtigin seinem Geschäft, sehr unterrichtet und gebildet undein durch und durch ehrenhafter Charakter. Er hatte esniemals gewagt, dem Gegenstände seiner treuen Liebeseine Gefühle zu offenbaren, mochte auch wohl den stolzenVater fürchten, genug, als er das blühende Geschäftseiner Eltern, welche rasch hintereinander starben, über-nahm, hatte Johanna sich just verlobt und Lorenz ver-barg sein Herzeleid vor der Welt, fest entschlossen, un-vermählt zu leben und zu sterben. Als sich die so vielbeneidete Heirath mit dem reichen Gutsbesitzer nun aberzerschlug, erst nach und nach die Wahrheit der Geschichteruchbar, die verlassene Braut aber allgemein verspottetwurde und schließlich mit einer vornehmen Dame alsGesellschafterin auf Reisen ging, da keimte auch dieHoffnung wieder in Lorenz auf. Er wartete seine Zeitab, bis Johanna heimkehrte, um mit seiner Werbungvor sie hinzutreten. Lieber Himmel, da kam er schönan, Johanna gerieih ganz außer sich und meinte, daßes ihr ja nicht um eine Heirath zu thun sei, wennsie sich dazu entschließen könne, ständen ihr noch Anderezu Gebote und waS dergleichen Redereien mehr waren. Lorenz zerdrückte eine Thräne Und ging. Johannaaber fühlte sich durch diese Werbung so tief gedemüthigt,zumal ihr zu Ohren gekommen war, daß Karl sie be-mitleide, weil sie seinetwegen ledig bleiben wolle, daßsie jetzt fest entschlossen war, den ersten Freier, der ihreine respektable Stellung bieten könne, zu heirathen.Es war dies nicht so schwer, weil ihre ehemalige Ge-bieterin, welche gestorben war, ihr ein hübsches Kapitalausgesetzt hatte. Genug, die Freier, welche dieses Kapitalim Auge hatten, blieben nicht aus, Johanna stand aufdem Sprunge, sich zu verloben, als ihr die Augen nochbei Zeiten geöffnet wurden. Und dieses wiederholte sichim Laufe der Jahre noch zweimal, bis das thörichteMädchen endlich die alberne Empfindlichkeit abstreifte unddas Kapital der Ehe mit einem kräftigen Punkte ab-schloß. Lvrenz hatte sein Geschäft verkauft und war ver-schollen. Johanna aber mußte seiner immer wiedergedenken, die Erinnerung an ihn trübte oft ihren Frieden,sein Bild verdrängte den Schönheits-Cultus aus ihremHerzen und hob den treuen, uneigennützigen Freund aufden Thron. Viele, viele Jahre vergingen, Karl undseine Gattin starben, der Sohn übernahm das Gut undin dem Enkel wiederholte sich die Geschichte des Groß-vaters, denn auch dieser wurde treulos gegen die ihmbestimmte Braut. Er wurde aber halb und halb dafürenterbt, worauf der Reichthum zerfiel, das Gut unterden Hammer kam und ein gewisser Lorenz aus Amerika zurückkehrte, um es für einen Spottpreis zu erstehen.Triumphierend setzte er seinen Fuß auf den stolzen Besitz,um sich und Johanna' zu rächen. Einmal nur sahensich die beiden alten Leute wieder, es war ein er-schütterndes Wiedersehen, aber auch ein Abschied für'sLeben, doch schieden sie versöhnt, wie zwei Freunde von