Ausgabe 
(10.4.1894) 29
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einander. Er ist todt, sein Groß-Neffe ist sein Erbegeworden."

Wieder schwieg Tante Hanna eine Weile und sagtedann leise:Die Geschichte ist zu Ende, mein Kind!Lernen Sie daraus, daß es nichts Thörichteres gibt, alsden Ersten, Besten heirathen zu wollen, um sich zurächen, da eine solche Kette sicherlich der Galeerenstrafegleichkommen würde, daß man sich aber auch nicht vonder Außenseite blenden lassen, sondern den Charakterdes Mannes prüfen und den glänzenden Flitter vomechten Golde unterscheiden soll. Es ist etwas Köstlichesum die wahre Liebe, mein Kind, die arme Johannasah dies zu spät ein, aber sie wurde doch davor behütet,dem ersten besten Freier, den ihr bischen Geld anlockte,zum Opfer zu fallen."

Armgard, welche schweigend zugehört, legte jetzt denArm um sie und sagte leise:Es war Ihre eigeneGeschichte, Tante Hanna, und Lorenz Herr Brinkvon Notenhof."

Hanna nickte wehmüthig.

Und er, der mich verließ," fuhr das junge Mäd-chen mit bebender Stimme fort,ist der Enkel jenesMannes, der auch Ihnen das Herz brach. O, TanteHanna, nun liebe ich Sie noch zärtlicher, da das gleicheGeschick uns vereint. Ich danke Ihnen für die Ge-schichte, Sie sollen mir dieselbe nicht vergebens erzählthaben."

Ich hoffe darauf, mein theures Kind! Hoffe aberauch, daß Ihr eigener Stolz das schwache Herz besiegenund Ihnen den rechten Weg zeigen wird."

Armgard nickte ihr ernst zu und blickte nachdenk-lich auf die dem Sonnenlicht sich erschließenden Rosen.

Dieser Herr Marbach, welcher gestern Abendmit dem Maler hier saß, war also der GroßneffeIhres Anbeters, Tante Hanna?" fragte sie nach einerWeile.

Ja, ganz recht, es ist der jetzige Besitzer vonRotenhof, Herrn Lorenz Brink's Groß-Neffe, ein rechtehrenwerther Charakter, wie mir scheint."

>,Er trumpfte den unzarten Maler mit seinemHeirathsprojekt wenigstens recht derb ab," bemerkte Arm-gard.Ihr Igel scheint sich auf seine Rücksichtslosig-keiten etwas einzubilden, Tante Hanna; es ist eine billigeKunst, sich auf Anderer Kosten gehen und seinem Spottedie Zügel schießen zu lassen."

O, er verträgt auch eine derbe Abfertigung undist im innersten Herzen aufrichtig gut," vertheidigte Hannaden alten Freund.Glauben Sie mir, daß Herr Mar-bach keinen besseren Freund und Rathgeber sich erwählenkonnte. Und nun, mein theures Kind, hoffe ich, daßSie keine übereilte Handlung, welche Sie mit demPreis Ihres ganzen Lebensglücks bezahlen müßten, be-gehen werden, sondern lieber unvermählt bleiben, alssich, einer kostbaren Waare gleich, zur Spekulation derHabsucht und Berechnung herabwürdigen lassen. Hiermüssen Vernunft und weiblicher Stolz in ihre Rechtetreten, um das rebellische Herz sowohl als die be-leidigte Eitelkeit zum Schweigen zu bringen und zu be-siegen."

Hanna schwieg, während das junge Mädchen ihrdie Hand drückte und in den braunen Augen desselbeneine fast demüthige Zärtlichkeit glänzte.

Nach der Kirche hatte Armgard Holten mit TanteHanna gespeist und sie dann trotz aller Einreden mit

nach ihrem Gute Edenheim, das zwei Stunden von demStädtchen entfernt war, entführt, um Pfingsten bei ihrzu verleben.

Wie kann ich mein kleines Heim verlassen?" hatteHanna geklagt,Life ist fort, meine Rosen werden ver-welken, Mignon wird umkommen"

Ihr kleines Heim steht unter dem Schutze derganzen Stadt," hatte Armgard entschieden,es werdensich hundert Wächter für das Haus, zweihundert Händezum Beziehen der Rosen finden, und was Mignon an-betrifft, so nehmen wir sie einfach mit."

Nach dieser Entscheidung hatte Tante Hanna dieWaffen strecken müssen, und fröhlich lachend kutschiertensie bald nach Mittag aus dem Städtchen in das wonnigstePfingstwetter hinaus. Kerzengerade saß die Greisinneben ihrer jungen Freundin, welche nachlässig im Fondder eleganten Equipage lehnte und nicht müde wurde,von dem langen Schweif ihrer Verehrer zu plaudern, wel-chen sie nach der Kirche gezogen hatte.

Sie müssen die große Auswahl zugestehen, TanteHanna!" bemerkte sie ganz ernsthaft,die Herren wurdenurplötzlich fromm, maßen sich aber doch zuweilen mitBlicken des Hasses und der Eifersucht."

Herr Julius Steindorf wird sich ärgern, diesegünstige Gelegenheit versäumt zu haben," versetzte Hannaruhig.

Ja, er hätte jedenfalls sein Töchterlein mir auf-gebürdet," erwiderte Armgard nachdenklich,hm, Tante,Sie können ruhig sein, zur Stiefmutter eines solchenKindes tauge ich nicht, schon dieser Gedanke ist hinreichend,mich gegen jegliche Gefahr zu wappnen."

Hanna blickte sie forschend an und freute sich imStillen, die alte Armgard wieder zu finden. Sie wünschteihr alles Glück der Erde, und deshalb jenen Steindorfin's Pfefferland oder nach Amerika zurück.

Heiter angeregt kamen sie nach Edenheim, das inder That ein prächtiges Besitzthum war, wohl geeignet,Liebhaber in Schaaren herbeizuziehen. Die Herrin diesesstolzen Ritterguts wurde von ihren Leuten und allenGutsangehörigen angebetet, obwohl sie Milde mit Strengezu paaren und das Ganze am Schnürchen zu leiten ver-stand. Sie war heute so munter und gut gelaunt, daßes Allen auffiel und auch die Tante ein wenig stutzigmachte. Sollte diese Fröhlichkeit nur eine Maske sein,um ihr Sand in die Augen zu streuen? Konnte diestolze, energische Armgard, deren scharfer Verstand undpraktische Umsicht ihr die Anerkennung und Hochachtungder einsichtsvollsten Landwirthe erworben, im Punkte desHerzens so schwach sein, um einem unwürdigen Glücks-ritter zum Opfer zu fallen? Sollte der Ausspruch:Schwachheit, dein Name ist Weib!" sich bei ihr, diesermännlich starken Seele, so verhängnißvoll erfüllen?

Hanna seufzte leise und beschloß, sie aufmerksamzu beobachten, da ihr der Gedanke wie ein Alp auf dieSeele gefallen war.

Nun gebe der Himmel seinen Segen, daß wirwenigstens heute allein bleiben," sagte Armgard, dieTante nach der Nosenlaube führend, wo die Haushälterin,Mamsell Evers, den Kaffee servierte.

(Fortsetzung folgt.)