216
Wir bitten allerunterthänigst. Eure Majestät!
Historische Anekdote.
Es war im Jänner des Jahres 1833 an einemder Donnerstage, an denen Kaiser Franz der Erste vomfrühen Morgen an öffentliche Audienz ertheilte. Fastdreihundert Menschen hatten sich eingefunden, die in Ab-theilungen in den Audienzsaal eingelassen wurden. Dievorletzte Abtheilung war eben eingetreten, die letzte, ausdreißig Personen bestehend, wartete noch im Vorzimmer,in dem ein Trabant und der Thürhüter Wache hielten.Die Aengstlichen unter den Anwesenden blickten unver-wandt nach der hohen Saalthür und bangten vor demAugenblick, in dem sie sich auch vor ihnen aufthun würde.Sie hielten ihre Bittschriften krampfhaft fest und wagtenkaum zu athmen.
Andere waren ganz unbefangen, fühlten sich wohlund glücklich im Hause ihres Kaisers und freudig bewegtdurch den Gedanken an seine Nähe. Sie verehrten, sieliebten ihn; den gütigen und gerechten Monarchen zufürchten hatten sie keine Ursache. Wieder Andere, zuver-sichtlich und keck, gaben sich das Ansehen von Leuten,denen Nichts imponirt und die so gut wie daheim sindim Audienzsaale. Vielmals schon abschlägig beschieden,kamen sie immer wieder und brachten ihr Gesuch in neuerFassung vor. Da war eine Mutter mit zwei Töchtern,da war ein ehemaliger Hoflakai, da waren einige „Bürger-waisen", lauter Menschen, die nur sparsam hauszuhaltenbrauchten, um sorgenlos leben, nur zu arbeiten brauchten,um behaglich leben zu können.
In einer Gruppe standen einige Beamte und An-gehörige des Lehrkörpers beisammen. Graue oder kahleHerren mit verwitterten, kummervollen Gesichtern, in „wieneu" geputzten oder wirklich neuen Cravatten und Hand-schuhen, zu der feierlichen Gelegenheit Gott weiß mit wieschweren Opfern angeschafft. Ihre sorgfältig gebürstetenFräcke waren fadenscheinig, altmodisch — wahre Legen-den! Sie erzählten von längst verrauschten Jugendtagen,von glänzenden Doctor-Promotionen, bei denen unterihrer linken Brusttasche ein hoffnungstrunkenes Männer-herz geklopft hatte. Sie erzählten von einem Myrten-sträußlein, mit dem sie einst geschmückt, von Weihrauch-wolken, von denen sie am Traualtäre umflogen und um-duftet worden waren.
Auch zu Friedhöfen waren manche von ihnen hin-getragen, waren angepreßt worden an arme, einfacheSärge, in denen sie lag, die Jahrzehnte ihrer gepflegthatte wie des Familienkleinods, kein Fleckchen, kein Makel-chen an ihnen geduldet.
Eine andere Gruppe wurde von drei Personen ge-bildet, einem alten Militär in der grauen Pensionsuni-form mit dem Campagnekreuze und dem russischen Wladimir-Orden auf der Brust, einer blaffen Frau in ärmlicherKleidung und einem schönen sechsjährigen Knäblein. Mitglänzenden Augen blickte es zu dem Alten empor, hobsich auf die Spitzen der Füßchen, zupfte ihn am Aermelund ermüdete nicht, ihm seine Bewunderung auszudrücken:„Du bist aber heute schön, Großvater! Weil wir beimKaiser sind, nicht wahr? Wenn der Kaiser Deine Ordensieht, der wird schauen!"
Der Greis verbiß die Schmerzen, die seine gichtischenBeine ihm bei der geringsten Bewegung verursachten,beugte sich auf den Stock gestützt nieder und ermähntedas Kind zur Ruhe.
Die junge Frau schien von Allem, was um sie her
vorging, Nichts zu hören, noch zu sehen. Sie stand mitherabhängenden Armen und verschränkten Fingern regungs-los, schmerz- und traumverloren, so recht wie Eine, dieall' ihr Glück und allen Lebensmuth begraben hat.
Ein paar alte Damen, das siebzigjährige FräuleinThekla von Sorgenhausen und ihre um zehn Jahre jüngereNichte Erwine, standen neben ihr und blickten oft wohl-wollend auf sie und das Kind. Aber nur flüchtig, dennsie waren jetzt zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um An-deren dauerndes Interesse schenken zu können, sie bebtenund bangten in eigener Angelegenheit.
Beide waren sehr klein und hatten kleine, zarte Be-wegungen und die feinsten Manieren, die man sich denkenkann. Sie sahen so recht nach Persönchen aus, die nichtgewöhnt sind, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Keinervon ihnen gelang es, die Aufregung, in der sie sich be-fanden, zu verbergen, aber das Höhere von Aengstlich-keit leistete doch die Nichte. Ihre Zähne klapperten, siezitterte zum Erbarmen und lehnte sich an die Tante,wie ein frierendes Vögelchen. Ihr chronisch geschwollenesGesicht, ihre Nase überzog sich allmählich mit kreidigerBlässe, während die eingefallenen Wangen der wüthigenTante immer dunkler flammten und glühten.
„Die erste Audienz in unserem ganzen Leben, Tante,"— „Die erste Audienz, Erwine," flüsterten die Damenund waren ganz erschrocken über die Kühnheit, mit dersie es gewagt hatten, ihre Stimmen hier an dieser Stelle,wenn auch noch so leise, zu erheben, um einander dieseMittheilung zu machen.
Von nun an wurden sie auch wieder stumm, diealten Fräulein. Um ihnen anzusehen, daß sie das waren,brauchte man nicht eben ein großer Menschenkenner sein.Es sprach sich in ihrem ganzen Wesen und Gehaben aus.In dieser Weise unbeholfen und schüchtern ist nicht baldeine Frau. Und welche Unschuld blickte Einen aus denalten Gesichtern an! Unschuld, ja, macht Euch nur lustig.Die reinste Kinderunschuld kann hervorgucken aus dentiefen Falten eines Greisenangesichts, aus halb blind ge-wordenen Greisenaugen.
Die Damen waren in Seide gekleidet, die Aelterevon ihnen in Schwarz, die Jüngere in ein hellfarbigesSoiräekleid, ein Garderobestück aus dem Nachlaß derseligen Mutter, die bessere Tage gekannt hatte, als ihreTochter. Wer gesagt hätte, diese Kleider sind von AnnoEins, der wäre ein unverschämter Complimentenschneidergewesen.
Nun ging eine Bewegung durch die ganze Gesell-schaft. Die beiden Thüren des Audienzsaales waren zu-gleich geöffnet worden, die Entlassenen verließen, dieWartenden betraten ihn. Er war von mittlerer Größe,mit einem rothsammtenen Baldachin versehen. FranzösischeGobelins von größter Schönheit schmückten seine Wände.Der dienstthuende Kämmerer ordnete die Bittsteller inzwei Halbkreise. Die Damen v. Sorgenhausen, die inihrer Bescheidenheit Jedem, der ihn haben wollte, denVortritt gelassen hatten, kamen zu allerletzt zu stehen,und es war ihnen recht, ach — lieb sogar. So warihnen Zeit gegönnt, sich zu fassen und bis zu einem ge-wissen Grade an den Gedanken zu gewöhnen, daß siesich in einem und demselben Raume mit Sr. Majestätihrem Kaiser befanden. Er stand mit dem Rücken gegeneines der Fenster, von denen die Sage ging, sie seienso genau in die Nahmen gefaßt und von so eigenthüm-licher Dichtigkeit, daß man in der Burg kein Wagen-