Ausgabe 
(13.4.1894) 30
Seite
221
 
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^L30.

Areitag, den 13. April

1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS <L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).

Tante Kanna's Keßeimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Diese Laube habe ich extra für Sie anlegen lassen,Tante Hanna!" fuhr die junge Hausherrin fort,Siedürfen bei mir Ihre Rosen nicht vermissen. Ach, dieErde ist doch schön, zumal wenn man durch ein freund-liches Geschick ein Stückchen als eigenen Besitz davonempfangen hat."

Ja, das ist richtig," stimmte Hanna lächelnd bei,Sie haben Ihren hübschen Antheil davon erhalten, einrichtiges Eden, aber im Grunds müßte ein Jeder seineeigene Scholle besitzen, da es für mich nichts Trostloseresgibt, als eine von oben bis unten mit armen Menschenvollgestopfte Miethskaserne. Die Unglücklichen lernenniemals den traulichen BegriffElternhaus" kennen."

Das ist wahr und in der That ein trauriger Ge-danke," sagte Armgard, nachdenklich nach ihrem schloß-ähnlichen Besitz hinüberschauend.Von dieser Seitehabe ich die Sache noch nicht betrachtet, man könnte bei-nahe Gewissensbisse dabei empfinden."

Ach was," rief Mamsell Evcrs, welche sich einWort herausnehmen durfte,das' sind so schöne Phan-tasien von der Tante, die im Stande wäre, ihr nettesHäuschen dem ersten besten Tagedieb abzutreten. Ihrsieht das nun mal ähnlich, aber im klebrigen sind esleibhaftige Luftschlösser, wie sie die Sozialdemokratenaufbauen. Denn wo sollte man wohl für das Gewimmelvon armen Menschen in der weiten Welt all' die eigenenHäuser hernehmen? Nee, Fräuleinchen, sei'n Sie froh,daß Sie ein solch' hübsches Heim haben, ich bin's auch,obschon mir kein Stein und keine Erdkrume davongehört."

Beide Damen stimmten der alten Mamsell bei undplauderten über andere Dinge, als Armgard beim Rolleneines Wagens plötzlich zusammenschreckte.

Am Ende doch noch Besuch," seufzte sie,mansoll den Tag nie vor dem Abend loben."

Sie sind ganz blaß geworden," sagte Tante Hannaverwundert,wer kann's denn sein? Vielleicht irgendeine bekannte Familie aus der Stadt."

Mamsell Evers hatte sich bereits entfernt, um denBesuch zu empfangen.

Ich hoffte heute verschont zu bleiben," erwiderteArmgard,zumal die Mehrzahl meiner Bekannten mich

noch aus der Reise wähnt. Bin so gar nicht in derStimmung, Gäste zu unterhalten, hatte mich unsäglichgefreut, mit Ihnen, meiner ältesten und treuesten Freun-din, allein zu sein, nun kommt"

Sie stockte plötzlich, ihre Augen blickten starr, alssähen sie ein Gespenst, ihr Antlitz wurde noch um einenSchatten blässer als zuvor.

Hanna folgte erschreckt der Richtung ihres Blicksund stieß ein unwilliges Wort der Ueberraschnng, dasfast wie:bodenlose Frechheit!" klang, hervor.

Meine Ahnung," flüsterte Armgard, sich stolz er-hebend und ihrem sich rasch nähernden Besuch einigeSchritte entgegengehend.

Es war ein hochgewachsener, sehr schöner Mannvon ungefähr Anfang der Dreißiger. Ein militärischgestutzter Schnurrbart gab ihm das Aussehen einesOffiziers in Civil, wie er sich überhaupt zu bemühenschien, eine nachlässig vornehme Haltung zur Schau zutragen, welche ihm bei seiner tadellos stattlichen Figursehr gut stand. Das Gesicht dieses elegant gekleidetenMannes war in der That sehr schön, nur in den Augen,deren Farbe unergründlich war, da dieselbe bald blau-grau, bald grünlich erschien, lag ein lauernder, beob-achtender Ausdruck, welcher auf jedes unbefangene Ge-müth abstoßend wirken mußte.

Hatten Herrn Julius StcindorfS Augen, denn diese»war der Gast, welcher soeben, mit seinem Töchterchenan der Hand, von Armgard Holten begrüßt wurde,auch in der ersten Jugend schon diesen lauernden Aus-druck besessen?

Tante Hanna legte sich bekümmert diese Frage vorund blickte ängstlich auf Armgard, deren Charakter ihrplötzlich unverständlich geworden war. Konnte ein sostolzes, selbststSndigcs Wesen noch immer Liebe für diesenMann empfinden, der sie einst verschmäht hatte undjetzt nur zurückgekehrt war, um den Goldfisch auf's Neuefür sich zu angeln? Konnte die kluge Armgardsich noch immer von einer solchen Außenseite blendenlassen?

Hanna warf einen feindseligen Blick auf den ele-ganten Ankömmling und athmete etwas erleichtert auf,als sie die Ruhe und sichere Haltung ihrer jungenFreundin sah. Und nun begrüßte er die alte Damemit einer wahren Hochfluth von Herzlichkeit und wundertesich, sie noch immer in derselben Jugendfrische undkerzengeraden Haltung zu erblicken wie vor zehn Jahren,