Ausgabe 
(13.4.1894) 30
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als ein sichtbares Wunder geistiger Elastizität undWillenskraft.

Tante Hanna berührte flüchtig die dargeboteneHand und meinte trocken, daß sie nicht eitel genug sei,Um solche Komplimente als ein persönliches Verdienst stchanzurechnen.

Der Herrgott hat mir soviel Geistesfrische be-wahrt," setzte sie hinzu,um den hohlen äußeren Scheinvom inneren Kern trennen zu können, und dafür bin ichihm dankbar."

Immer noch schlagfertig," lächelte Steindorf, stchauf Armgards Aufforderung an den Tisch niederlassend.Begrüße Tante Hanna, von der ich Dir soviel erzählthabe, liebe Lottal" wandte er sich dann an sein sieben-jähriges Töchterchen, das, nachdem neuesten Mode-Journalgekleidet, im kurzen Damenkleide und mit den schwarzbestrumpften Beinen eine gewisse kokett studierte Haltungangenommen hatte.

Lotta setzte ihr siegreichstes Lächeln auf und nähertestch mit dem Anstand einer amerikanischen Lady deralten Dame, die sie verwundert betrachtete, ihr aberdoch mit einem gewissen Mitleid, denn was konnte dasKind am Ende für diese abscheuliche Dressur, die Handentgegenstreckte, welche die Kleine graziös ergriff und andie Lippen führen wollte.

Bewahre der Himmel, Kind, was willst Du thun?"rief Hanna, entrüstet ihre Hand fortziehend,komm,"setzte sie dann sanfter hinzu,laß mich Deine Stirneküssen, armes Kind, wer hat Dich denn solchen Unsinngelehrt?"

Meine selige Mama," erwiderte Lotta gekränkt,die wußte genau, was sich für eine Lady paßte. TanteArmgard ist vornehm, Papa hat's mir gesagt, vor-nehm und sehr reich, aber Du bist keine Lady,Tante Hanna, sondern nur eine alte und unangenehmeJungfer."

Das hat Dein Papa wohl auch gesagt," lachteHanna mit einem gewissen Triumph in ihrem alten,guten Gesicht, während Armgard sich auf die Lippenbiß, um ein Lächeln zu unterdrücken. Herr Julius Stein-dorf aber blieb merkwürdiger Weise ganz unberührt vonder interessanten Ausplauderei seines Töchterchens, dassoeben aus der Rolle gefallen war und ihn jetzt auf-merksam ansah.

Ein schreckliches Kind," dachte Tante Hanna,aberder Vater ist noch weit schrecklicher."

Amerikanische Erziehung, meine Damen," sagteSteindorf, die Kleine lächelnd liebkosend,meine seligeFrau war ein wenig zu schwach gegen dieses mit großerEnergie begabte Kind, und drüben fühlt sich, wie Sievielleicht wissen werden, jedes Kind beinahe schon inden Windeln als Lady. Ich rede natürlich von derguten Gesellschaft."

Natürlich," erwiderte Tante Hanna, welche zuSteindorf's Verdruß die Unterhaltung mit ihm ganzallein an sich zu reißen drohte, da Armgard die alteEvers fortgeschickt und die Bedienung der Gäste selbstübernommen hatte.Ich habe von den amerikanischenLadies hinreichend gehört, um mir ein Bild von ihnenmachen zu können. Die Selbstständigkeit soll diesen Damenwohl im Blute liegen."

Allerdings, dieser lobenswerthe Zug geht durchalle Klassen der weiblichen Bevölkerung. Sie scheinendie Selbstständigkeit der Frau zu^ verabscheuen, Tante

Hanna, ich darf Sie doch als alter Bekannter fsnennen, da mir in der That Ihr Familienname nie ge-nannt worden ist"

Bleiben Sie nur bei meinem Allerweltsnamen, HerrSteindorf!"

Ich danke Ihnen. Nun also, wie können Sieeine Selbstständigkeit verdammen oder verspotten, vonwelcher Sie doch selber ein so leuchtendes Beispiel sind,und die von Fräulein Armgard ebenfalls glänzend ver-körpert wird?"

Tante Hanna blickte ihn bei diesen Worten mit sogroßen verwunderten Augen an, daß Armgard laut auf-lachte.

Ja, das ist wirklich zum Lachen!" rief die alteDame belustigt,uns Beide, meine junge Freundin undmich, als Beispiele Ihrer amerikanischen Selbstständig-keit aufzustellen, ist zu närrisch, mein werther Herr!Eine deutsche Frau bedankt sich für Ihren Vergleich,weil Ihre Ladies nur für ihr eigenes Vergnügen einesolche Freiheit beanspruchen, das strenge Wörtchen Pflichtaber gar nicht kennen. Es mag ja wahr sein, daß siedrüben viel mehr von den Männern respektiert werdenund eine Amerikanerin ganz allein unangefochten dieweitesten Reisen unternehmen kann, ein Vorzug freilich,dessen wir uns nicht rühmen können."

Also doch ein nennenswerther Erfolg jener Selbst-ständigkeit, weil sie dem starken Geschlecht Respekt gegendie Frau einflößt," lächelte Steindorf spöttisch.Wieurtheilen Sie darüber, mein gnädiges Fräulein?"wandte er sich dann zu Armgard, die sich mit Lottaleise unterhielt.

«Ichs Nun, Amerika hat niemals Sympathiein mir erwecken können, Herr Steindorf, wie ichebenso wenig die gepriesene Selbstständigkeit amerika-nischer Frauen verstehe. Ich bin mit meinem Loosesehr zufrieden und davon überzeugt, daß auch einedeutsche Frau in unserm Vaterlande ohne Begleitungunbehelligt reisen kann, da ihr andernfalls der Schutzjedes gebildeten Mannes sicher sein dürfte."

Ah, meine Gnädigste, da liegt ja eben der großeUnterschied," erwiderte Steindorf lächelnd,Sie räumenalso ein, daß nur der gebildete Mann hier in Deutsch-land eine alleinreisende Dame gegen Rohheit und Zu-dringlichkeit in Schutz nehmen wird, was in Amerika dereinfachste Mensch für selbstverständlich hält. Ich redebesonders von geborenen Amerikanern, da Rohheit gegenDamen, wie überhaupt gegen das weibliche Geschlecht,sofort geahndet werden, weil dergleichen nur von soge-nannten grünen Eingewanderten möglich ist. Sie werdenmir zugeben, mein gnädiges Fräulein, daß durch einederartige Ausnahmestellung der weibliche Stolz, sowieeine gewisse Sicherheit der Welt gegenüber schon demKinde aufgeprägt werden muß."

Sehr begreiflich," sprach Armgard,nur daß solchefrühreife Kinder den Eltern sehr unbequem werden müssen.Ich würde mich vor einer derartigen Ausnahmestellung,so verlockend sie auch sein mag, ihrer Konsequenzenhalber bedanken. Doch lassen Sie darüber Ihren Kaffeenicht kalt werden, Herr Steindorf," setzte sie mit kühlerArtigkeit hinzu,solche Streitfragen sind ebenso unnützals unerquicklich."

Mit großer Gewandtheit wußte Steindorf stch jetzteines anderen Themas zu bemächtigen, indem er daslandwirthschaftliche Leben Amerikas mit dem der Heimath