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verglich und sich so eingehend und zugleich so anziehenddarüber zu äußern vermochte, daß Armgard mit Interessezuhörte und selbst Tante Hanna sich davon gefesseltfühlte.
Mit einem gewissen elegischen Ton entrollte er dannein Bild seines eigenen Lebens, weilte trauervoll an denGräbern seiner Kinder und der Gattin, und schildertedas unbezwingliche Heimweh, welches ihm dort drübentrotz der beststtuierten Lage keine Nuhe gelassen, daihn nebenbei das noch stärkere Gefühl der Neue gepacktund er im Stillen gehofft habe, die väterliche Besitzungzurückkaufen zu können.
„Sie können sich nicht vorstellen, meine Damen,"schloß er mit einem tiefen Seufzer, „welch' ein Donner-schlag die Nachricht für mich war, daß Rotenhof aufeinen Verwandten des letzten Besitzers vererbt wordensei, und daß dieser Brink mein Erbe s. Z. für einenSpottpreis erstanden habe. Ich lebte drüben in demWahne, über kurz oder lang zurückkehren und den Besitzmeiner Vorfahren antreten zu können, hoffte, daß diealten Freunde nicht dulden würden, mein Erbe in frem-den Händen zu sehen, oder doch eine Verschleuderungdesselben verhindert haben würden."
„Und was, wenn ich fragen darf, Herr Steindorf,berechtigte Sie zu dieser Hoffnung?" fragte Armgard, ihngroß anblickend.
„Nichts als der feste Glaube an die Ewigkeit einerLiebe — Pardon — einer treuen Freundschaft, welchealle Mtßhelligkeiten und Zerwürfnisse überdauert," ant-wortete der Gast mit einer tragischen Miene, die deralten Tante ein verächtliches Lächeln entlockte.
Armgard erblaßte, ob aus Zorn über die boden-lose Anmaßung, konnte Tante Hanna nicht ermitteln,was sie aber mit großer Unruhe erfüllte.
Tante Hanna, welche von ihrem Platze aus dieam Garten entlang führende Chaussee überblickte, nahmmit ihren noch immer recht scharfen Augen in diesemAugenblick zwei Reiter wahr, welche im gemächlichenSchritt und in lebhafter Unterhaltung sich näherten.
„Sehen Sie, liebe Freundin," wandte sie sich anArmgard, „dort kommt Ihr neuer Nachbar, der jungeHerr Marbach von Notenhof."
Armgard warf einen raschen Blick nach der Chausseehinüber, worauf auch Steiudorf sich erhob, um, wie erbemerkte, den fremden Erben seiner väterlichen Besitzungsich anzusehen.
Als jene sich umwandte, erschrak sie über die Ver-wandlung, welche mit ihrem Gaste vorgegangen. Seingebräuntes Gesicht ward erdfahl geworden, seine Augenwie verschleiert von Furcht oder Haß.
„Ist Ihnen nicht wohl, Herr Steinvorf?" fragtesie mit unsicherer Stimme.
„O, es hat nichts auf sich, danke verbindlichst,meine Gnädige," erwiderte er, sich hastig über die Stirnstreichend, „der Anblick jenes Herrn erinnerte mich zugrausam an meinen Verlust. — Er wird vielleicht seineAufwartung machen," setzte er fragend hinzu.
„Möglich, obwohl er dazu eine passendere Zeitwählen könnte."
„Halten Sie die Etikette auch hier jetzt so strengaufrecht, mein gnädiges Fräulein? — Dann bedauereich aufrichtig, mich hierin ebenfalls vergangen zu haben."
„O, mit einem Amerikaner darf man es in dieserHinsicht wohl nicht so genau nehmen," bemerkte Arm-
gard lächelnd, „aber — Sie wollen schon aufbrechen,Herr Steindorf?"
Er hatte sich erhoben, seinen Hut ergriffen undverbeugte sich mit auffälliger Hast und Unruhe.
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, meineGnädige! — aber mit diesem Herrn hier jetzt zusammen-zutreffen, das würde in der That weine Kräfte über-steigen. Nehmen Sie sich einstweilen gütigst meinerLotta an."
Bevor die überraschten Damen noch zu antwortenvermochten, war Steindorf in einem Seitenwege ver-schwunden.
„Das ist also amerikanisch," bemerkte Tante Hannaverwundert, „haben Sie ihm eine solche Empfindelei zu-getraut, Armgard?"
„Dies Wort ist wohl etwas zu hart, Tantchenl— Ich kann mir seine Empfindungen bei dem Anblickdes neuen Besitzers seines alten Stammgutes sehr wohlvorstellen und bedaure ihn aufrichtig. Ebenso vermagich es in der That nicht recht zu fassen, weßhalb diealten Freunde die schöne Besitzung für einen Spottpreishaben verschleudern lassen, anstatt dieselbe anzukaufenund für den —"
„Musterhaften Sohn getreulichst aufzuheben," sielTante Hanna ironisch ein, „schon gut, Kind, — derliebe Herr Julius hatte es ja auch vollauf verdient,absonderlich an dem Holten'schen Hause. Doch lassenwir das jetzt, empfangen Sie lieber Ihre Gäste, welchedort wirklich erscheinen."
In der That näherten sich zwei Herren, von Mam-sell Evers geleitet, der Nosenlaube. Tante Hanna er-hob sich ebenfalls, um den jungen Herrn Marbach,welcher ihr ja bereits bekannt war, der Herrin desHauses vorzustellen, worauf jener mit einer Entschul-digung seinen Begleiter, einen deutschen Kaufmann ausChicago , als seinen besten Freund, der augenblicklichbei ihm in Notenhof zum Besuch weile, den Damenvorstellte.
„Mein Freund Warneck rechnet auf Ihre Nach-sicht, mein gnädiges Fräulein," fuhr Marbach leichtund ungezwungen fort, „daß Sie ihn nicht ob dieseskecken Eindringens für einen amerikanischen Hinterwäld-ler halten möchten. Er hat drüben eins Missis Prien,welche aus hiesiger Gegend gebürtig war, kennen ge-lernt. Die Dame soll unter Andern, wie er behauptet,auch Ihren Namen als den ihrer besten Freundin ge-nannt haben —"
„Sie kennen doch ihren Mädchennamen, HerrWarneck?" unterbrach ihn Armgard, sich an den Frem-den wendend.
„Nein, den hat sie mir leider nicht genannt, gnä-diges Fräulein," versetzte der Fremde, ein kräftigerMann mit einem angenehmen, sehr klugen und ener-gischen Gesicht. „Ich bedaure aufrichtig, sie nicht darumbefragt oder denselben in irgend einer anderen Weiseerfahren zu haben. Konnte damals freilich nicht ahnen,daß mir diese Kenntniß noch einmal von großem Nutzenhätte sein können."
Die beiden Herren hatten mittlerweile auf Arm-gards Aufforderung Platz genommen und den servirterrKaffee dankend accepttrt.
(Fortsetzung folgt.)