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Wir bitte» alleruttterthänigst. Eure Majestät!
Historische Anekdote.
(Schluß.)
Endlich war er bei dem alten Lieutenant angelangt,blieb vor ihm stehen und sprach: „Das ist ein traurigesWiedersehen, mein lieber Bachheimer. Vor kaum einemJahr habe ich Ihnen gratulieren können zum AvancementIhres braven Sohnes."
„Zum Hofrath, Eure Majestät. Ich, das Kindarmer Häusler, von Pik auf gedient und mein SohnHofrath, und jetzt todt, Majestät."
„Ich hab' von Ihrem Unglück gehört," versetzte derKaiser, „kann mir denken, wie Ihnen ist, hab' vor Kurzemdasselbe durchgemacht — mein lieber Enkel! . . . Unddas ist der Ihre und das ist die Wittwe," wandte ersich nach einer kurzen Pause an die blasse Frau, die,erstarrt in ihrem Grame, kein Wort über die Lippenbrachte. Der Kaiser neigte sich zu ihr: „Nehmen Siesich zusammen, dem alten Manne zuliebe; für Ihr Kindwerde ich sorgen, verlassen Sie sich auf mich." Er legtewie segnend die Hand auf das Haupt des Kindes. Dannschritt er weiter.
Die alten Lehrer und Beamten brachten ihre Bittenvor und erhielten tröstlichen Bescheid. Die sehr bered-same Mutter mit den zwei eleganten Töchtern, der ent-lassene Hoflakai waren bald abgefertigt: „Ich kann Nichtsversprechen, es wird schwer gehen," lautete die wenig ver-heißende Antwort, die der Kaiser ihnen gab. Nun kamendie Vorletzten an die Reihe; fünf Tiroler, ein altes undein junges Ehepaar und der Bruder des jungen Ehe-mannes. Ein hübscher, starker, treuherziger Bursche, derdem Kaiser ehrfurchtsvoll, aber freudig und fest in dieAugen sah und sein kurzes, gut eingelerntes Sprüchleinresolut herunterleierte. Er schloß mit den Worten desgetreuen Winkelwirthes Joseph Strauch, die dem Sprecherwohl sehr gefallen mußten, denn er brachte sie mit be-sonderem Nachdruck vor: „Einem Tiroler Glauben bei-zumessen geruhen allergnädigst belieben!"
„Was wünscht denn Ihr, meine Kinder, womit kannich Euch nützlich sein?"
„Nichts, Majestät, wir wünschen Nichts!" riefen siedurcheinander. „Wir sind aus Brixen , wir sind nurgekommen, um Eure Majestät zu sehen."
„Das ist Liebe, Keinem von Euch habe ich je 'wasGutes erwiesen, das ist wahre Liebe," sprach der Kaisergerührt.
Was die Tiroler noch sagten, was der Monarcherwiderte, darüber hätten die beiden Damen neben ihnenkeine Auskunft geben können. In ihren Köpfen erhobsich ein Brausen, wie vor dem Sturme. Ihr Kaiser,der von Gott eingesetzte Herr, der Vater seiner Völker,aber auch der Richter, der mit einem Worte über einMenschenschicksal zu entscheiden vermag, da steht er undspricht und wird in der nächsten Minuten vor ihnenstehen und mit ihnen sprechen . . .
Und jetzt geschah's — der Kaiser trat auf sie zu.Demselben unwiderstehlichen Impulse folgend, fielen Tanteund Nichte auf ihre Knie.
„Stehen S' auf! Was fällt Ihnen ein? Stehen S'auf!" sprach der Kaiser.
Aber da hatte Seine Majestät leicht reden. DasAufstehen ging nicht so geschwind, wie das Niederknien.Er selbst hatte dem Fräulein von Sorgenhausen die Hand
gereicht, um ihr aufzuhelfen, sie schüttelte ehrerbietig ab-lehnend das Haupt. Nie, niemals Hütte sie gewagt, dieHand ihres Monarchen zu berühren. Der Kammerherrund der Kammerdiener sprangen herbei und richteten dieDamen wieder auf. Der Erstere mußte sie dem Kaiserauch nennen, da sie aus Bestürzung über ihren Unfalldie Sprache verloren hatten.
„Majestät, es ist das Fräulein v. Sorgenhausenmit ihrer Nichte, die . . ."
„Weiß schon, weiß schon," unterbrach ihn der Kaiser,und das gütigste Wohlwollen lag in dem Ton seinerStimme, als er fortfuhr: „Es freut mich recht sehr,Jhuen gute Nachrichten geben zu können. Ihre Ange-legenheit ist in Ordnung. Die Verwandten, die Sie umIhre kleine Erbschaft bringen wollten, sind in allen In-stanzen abgewiesen worden."
Die Tante sank in sich zusammen, wie ein Fern-rohr, das zugeschoben wird, die Nichte blieb regungslos,aber Beide säuselten, stammelten, jubelten wie aus einemMunde: „Majestät!" Sogar während der Kaiser sprach,drängte sich's über ihre zitternden Lippen, mit glück-seligem Danke, mit unaussprechlich liebevoller Ehrfurcht:
„Majestät!"
Der Kaiser konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.Er war an Ehrsnrchtsbezeigungen gewöhnt, aber die bei-den alten Jungfrauen schienen ihm doch ein Uebxigeszu thun.
„Ihre Sache liegt beim Hofrath Winkelsberger,"sagte er, „zu dem gehen S' gleich hin. Sie können sichauch bei ihm bedanken, der hat sich Ihrer redlich ange-nommen. Aber Ihre reichen Verwandten — pfui Teufel!"
„Halten zu Allerhöchsten Gnaden, Eure Majestät,"versetzte das Fräulein von Sorgenhausen, völlig berauschtvon Glück und plötzlich so munter, als ob sie, was ihrin ihrem ganzen Leben nicht passirt war, ein Gläschenzu viel getrunken hätte. „Aber das kommt von denKindern, Eure Majestät. Wer Kinder hat, meint, ermüsse auch sonst noch Alles haben, und wer keine hat,der braucht auch sonst Nichts zu haben. Das ist so an-genommen und soll keine Anklage, sondern eine Ent-schuldigung sein, Eure allergnädigste Majestät."
„Schön von Ihnen, daß Sie Ihre Verwandten nochentschuldigen. Jetzt aber gehen Sie gleich zum HofrathWinkelsberger. Und wenn Ihnen, was ich nicht hoffe,abermals unrecht geschehen sollte, dann kommen Sie haltwieder zu mir. Ich bin immer da."
Der Kaiser nickte huldvoll und begab sich in seinArbeitszimmer. Die Audienz war zu Ende und imSaal bald Niemand mehr zurückgeblieben, als der Kammer-herr und die vor der Thür Seiner Majestät wachthabendenzwei Officiere, einer von der Arcieren- und der anderevon der ungarischen Garde.
Plötzlich wurde ein lebhafter Wortwechsel auf demGange laut. Die sonore Baßstimme eines Gardistenund jammernde Frauenstimmen erhoben ihn. Der Käm-merer ging, um nachzusehen, was es gäbe, und sah zuseiner größten Ueberraschung die beiden alten Jungfrauen,die eben erst glückstrahlend von dannen gezogen waren,in Thränen aufgelöst vor sich stehen. Es wäre un-möglich gewesen, zu bestimmen, welche von ihnen ein voll-kommeneres Bild der Hoffnungslosigkeit vorstellte.
„Herr Kämmerer, helfen Sie, retten Sie," rief dieTante, während die Nichte das Händeringen zur Be-gleitung dieser Weherufe besorgte. „Wenn wir Seine