Ausgabe 
(13.4.1894) 30
Seite
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Majestät nicht noch einmal sprechen dürfen, ist Alles ver-loren!"

Alles verloren," wiederholte die Nichte in leiseverhallendem Echo.

Der Kammerherr wich entsetzt zurück.Sie sindvon Sinnen, meine Damen!" brauste er auf.Nocheinmal sprechen. . . Se. Majestät haben Sie eben erstentlassen. Se. Majestät geben Audienzen von siebenUhr Morgens an, und jetzt ist's Mittag. Noch einmalsprechen! Das heißt doch gar zu vermessen auf die Lang-muth des Kaisers sündigen. Gehen Sie, meine Damen."

Er hätte eigentlich nur zu sagen gebraucht:MeineDame," denn das Fräulein Erwine hatte schon bei sei-nem ersten rauhen Worte die Flucht ergriffen. Sie waraber nicht weit gekommen, kaum zehn Schritte, die Beinehatten ihr versagt, und jetzt lehnte sie an der Wand undstarrte betäubt vor sich nieder.

Die Tante hielt Stand. Ein Tropfen Heldenblutes,von irgend einem ihrer Ahnen auf sie vererbt, kam in'sKochen und machte alle anderen Blutstropfen sieden undwallen.

Sie haben wohl die Armuth nie gekannt, HerrKammerherr," sagte sie und richtete einen Blick auf ihn,aus dem der Jammer eines ganzen Lebens ihn traurigund vorwurfsvoll ansah.

Doch," antwortete er, und sein Zorn sank so rasch,als er aufgestiegen war,gut gekannt."

In Jugendtagen wohl? Die Jugend trägt leichtan ihren Sorgen. Aber wir sind alt, wir stehen imGreisenalter vor der bittersten Noth. Es handelt sichum unser Wohl und Wehe, melden Sie uns, Herr Kammer-herr!"

Ich kann nicht," versetzte er,es wäre gegen allenBrauch, gegen alle meine Vorschriften. Begreifen Siedoch, ich darf nicht."

Sie dürfen!" rief das Fräulein von Sorgenhausen,Sie dürfen sich auf die Erlaubniß berufen, die SeineMajestät höchstselbst uns gegeben hat. Kommen Sie wie-der, haben Seine Majestät gesagt. Ein solches Wortstößt alle Vorschriften um."

Der Knmmerherr befand sich in der größten Ver-legenheit. Das Glück zweier Menschen und ein Verstoßgegen den Hofbrauch. Er wußte, was dem Kaiser mehrgalt. Nach einem letzten, schweren Kampfe entschloß ersich:So warten Sie denn," sagte er zu dem Fräuleinund betrat einige Augenblicke später das Arbeitszimmer,in dem der Monarch am Schreibtische saß, mit dem Dnrch-lesen der in Empfang genommenen Bittgesuche beschäftigt.

Eure Majestät," sagte der Kämmerer zaghaft,ichbeschwöre ehrfurchtsvoll, mir zu verzeihen. Die zweialten Fräulein, auf die huldvolle Erlaubniß Eurer Maje-stät bauend, wagen es . . ." Er stockte.

Was denn? Was wollen s' denn noch?" fragteder Kaiser mit einer Regung der Ungeduld.

Ich weiß nicht, Majestät, sie sagen nur, Alles seiverloren, wenn Majestät nicht gestatten, daß sie sich nocheinmal ihrem Kaiser zu Füßen werfen."

Das nicht, bitt' ich mir aus! Aber lassen Sie siein Gottesnamen herein."

Jubel ohne Grenzen! Sie flogen nur, die Alten.Auf der Schwelle aber blieben sie stehen; die zu über-schreiten, wagten sie nicht.

Der Kaiser legte die Feder hin wandte denKopf, mußte wieder lächeln beim Anblick der Zerknir-

schung der beiden Damen und fragte:Womit kann ichIhnen noch dienen?"

Eure Majestät," sprach das Fräulein von Sorgen-hausen,Eure Majestät, wir bitten allerunterthänigst,wo wohnt denn der Hofrath?"

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Eine merkwürdige Namens-Nesiaratur.

Heitere Begebenheit im Leben Ludwigs XIV. , Königs vonFrankreich .

Von vr. Humorich.

- lNachdruck verbot«!.!

Versetzen wir uns im Geiste in's Jahr 1682 undin ein unheimliches Zimmer der Straße des Bourdonnaisin Paris . Wenn ich sageunheimliches Zimmer", soist das ganz richtig. Wohl ist das Gemach groß, luftigund hell, und mit eleganten, wenn auch sehr wenigenMöbeln besetzt. Auch fehlt es nicht an seltenen großenZierpflanzen. Aber die dunkelgrünen Wände sind,statt mit schmucken Bildertafeln von Kunstwerken, mitgrausigen Bildern behängen, welche uns sofort an einenAnatomiesaal erinnern; und bei weiterem, auch nurflüchtigem Umblick wähnt man sich auch wirklich in einensolchen Menschenleib-Zerstncklungssaal versetzt; denn dortin der Ecke steht in einem schmalen Glaskasten ein riesigesMenschengeripp, wahrscheinlich von einem HingerichtetenMissethäter; und in einer andern Ecke befindet sich untereinem Glassturz ein großer Todten köpf, dessen Hirn-schale wie zusammengestückt erscheint. Die Kinnlade zeigtnoch das volleGebiß". Huht Dieses Zähnefletschen!Greulicher Anblick!

Vor diesem Todtenkopf steht ein Mann von etwa60 Lebensjahren, von hagerer Gestalt, mit bleichem An-gesichts und schwarzen wie tiefsinnenden Augen. Erbeugt sich ganz nahe zum Todtenkopf hin und spricht:Was grinst Du mich so an? Sei froh, daß Du ge-storben bist auf Erden nichts als Trübsal ist!"Tief aufathmend und seufzend kehrt darauf der Manndem Todtenkopf den Rücken und schreitet gesenkten HaupteLdas Zimmer auf und ab.

Wer ist dieser kuriose Mann? Was fehlt ihm?Ist es etwa bei ihm nicht richtig im Kopf?-

Dieser Mann ist Herr du Tarts, ein Chirurg. Injüngster Zeit hatte er Ungemach in seiner Praxis, esfolgte ein Schlag nach dem andern. Einen Patienten,einen angesehenen reichen Kaufmann, hatte er unglücklichtrepanirt; unter seinem Eisen war er verschieden; einenallerdings schlimmen Beinbruch hatte er schlecht geheilt;der Mann trug einen krummen Fuß davon u. s. w.

Meister Tarts meinte wohl, daß man ihm keineSchuld beimessen könne.Unglück ist's, nicht als Unglückwar es bei dem einen Fall, und beim andern trägt derungeduldige, unfolgsame Patient die Schuld." DasSchlimmste dieser unglücklichen Kuren waren für Tartsdie Folgen in Bezug auf seinen Berufs-Namen.Ein verlorener Mann bin ich, wenn es mir nicht gelingt,mir wieder Vertrauen zu erwerben," seufzte er. Plötzlicherhob er das gesenkte Haupt und rief:Ich kann es!Ja, ich kann es! ... So geht es, so muß es gehen!Freilich ist es ein fast tollkühner Plan. Allein was ver-sucht der Mensch nicht, wenn er in die letzte große Frage ohne Fragezeichen gleichsam geschleudert wird. Ja,Sein oder Nichtsein, heißt es bei mir ohne Frage. Einbloßes Geschäftsvegetiren ist bet mir kein Leben. Ich