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Regel tödtlich; — den Blutschlag, von welchem Mon-seigneur de Reims betroffen. Er hatte zu viel deszähen und dicken Blutes."" König Ludwig hält demLeibarzte den rechten Vorderarm hin: „Wie finden Siemeinen Puls?" — Daquin , denselben befühlend: „„Sire,der Puls ist etwas erregt."" „Nun, das mag nichtszu bedeuten haben", erwiderte König Ludwig. Da tratenHofcavaliere ein, und Daquin zog sich vor dem Königeverneigend zurück. Er begab sich, wie gewöhnlich, zuFrau von Montespan , der (bekannten) „Freundin" desKönigs. Nach der üblichen Begrüßung sprach er hastigund gleichsam erregt: „Frau Marquise! ich kommesoeben von Seiner Majestät-" Frau v. Monte-
span , inS Wort fallend: „Nov Oisul Sie erschreckenmich, Monsieur Daquin ; der König ist doch nicht er-krankt?" „„Dies nicht; der König befindet sich nurzu wohl — das heißt augenblicklich."" „Ich versteheSie nicht, und Sie steigern meine Beängstigung." „„Ichmuß Ihnen gestehen, daß der Schlaganfall, der denHerrn Prälaten de Reims getroffen, im Hinblick auf daskörperliche Befinden Seiner Majestät mir einige Be-fürchtung verursacht. Der Puls des Königs hat mirheute nicht gefallen. Es ist etwas zu viel des Blutesvorhanden. Der König genießt zu viel Geflügel undWildpret. Vorgestern haben Seine Majestät, nachdemSie beim Souper dem Schwarzwild und dem Fasanenstark zugesprochen, noch drei Schnepfen verspeist."" „Wasist da zu thun?" „„Frau Marquise! Wenn man demHerrn von Reims zur Ader gelassen hätte —"" „Ichverstehe, Daquin, der König muß zur Ader lassen." Beidiesen Worten trat eben König Ludwig bei Fr. v. Monte-span ein — zum Morgenbesuche. Er hatte die letztenWorte vernommen und sprach: „Wie! ich muß zurAder lassen? — Frau v. Montespan, ein Ludwig XIV. muß niemals!" — „„Majestät, es können Umständeeintreten, in denen auch ein König Ludwig handelnmuß — nach fremdem Willen oder Wunsche, zumal,wenn er fein Volk liebt, wie Seine Majestät, unddanach trachtet, ihm sein kostbares, unersetzliches Lebenzu erhalten!""
„Ich begreife. Ihr sprächet vom Falle des Prä-laten und meinem etwas erregten Pulse." „„So istes, Majestät,"" sagte Daquin. — „Nun, ich habe mirdie Sache auch überlegt, und um Sie zu beruhigen, willich einen kleinen Aderlaß nehmen und zwar hier beiIhnen und — sofort. Lassen Sie meinen Leib-chirurgen Marechal kommen." — „„Sire, erlauben mireine Meinung der Vorsicht auszusprechen. Herr Mars-chal ist unzweifelhaft der vorzüglichste Chirurg desKönigreichs; allein er hat eine etwas schwere Hand, undda Euer Majestät nur einen sehr kleinen Aderlaß nöthighaben, so möchte ich bezweifeln, daß Herr Marschal indiesem Falle sicher zweckdienlich sei. Uebrigens befindetsich Herr Marschal eben bei Herrn de Reims. Es weiltaber jetzt der Chirurg Magister du Tarts aus Paris hier, der mit wunderbarer Kunst zur Ader läßt.""„Nun wohlan, so lasse man ihn kommen", sprach der
König. -Es währte nicht lange und Meister du
Tarts erschien und vollbrachte seine „große" That. Nach-dem der „prophylaktische" Aderlaß geschehen, sagte Lud-wig XIV. zu seinem Leibarzte Daquin: „ Sie habenrecht; Meister du Tarts läßt mit viel mehr Leichtigkeitzur Ader als Herr Marschal." — — —
Einige Tage später las man auf einem prächtigen
Schild in der Straße des Bourdonnais: „Meister duTarts, Leibchirurg des Königs." Die „Namen-reparatur war in ausgezeichneter Weise gelungen. DaSGeschichtchen aber könnte man auch betiteln:
Was kann man doch nicht Alles fertig bringen,
Wenn klug die Worte sind und — prächtig klinge«! —
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Der Kukuk
steht beim Volke schon seit jeher nicht in besonderer Achtung.Heißt man doch Einen, den man nicht sehen mag: „Geh'zum Kukuk!" oder „Hol' dich der Kukuk!" Wenn derSpatz mit dem stechen Gassenbuben verglichen wird, sospielt der Kukuk die Rolle des heimathlosen Tagediebes.Er legt sein Ei nicht vor die Thüre eines andern Vogels»damit dieser sich des Eies erbarme, sondern er legt seinEi direkt in daS Nest anderer Vogel, und sollte kein Platzmehr dafür darin sein, so wirst er ein oder zwei andereNesteier hinaus. Das sieht den schlechten Dirnen ähnlich,welche ihre Kinder Anderen vor die Thüre setzen, um sichso der Last und Plage der Erziehung zu entziehen. Derkleine Kukuk ist viel größer und gefräßiger als die Nest-vögel, und doch, welche Sorgfalt verwenden seine Zieh-eltern auf ihn, den Eindringling, gegen dessen Einquar-tierung sie sich im Anfang mit dem Aufgebot aller Kraftwehrten! Diese scheinbar liederliche Kukukseigenschaft er-scheint in ganz anderem Lichte, wenn man die tiefsinnigeund treffende Erklärung des Jesuiten und bekanntenNaturforschers ?. Wasmann in den „Stimmen ausMaria-Laach" liest. Sie verdient es, zu allgemeinerKenntniß des Volkes gebracht zu werden. Hören wir dieLösung des Räthsels des Kukukseies:
„Forschen wir nun nach der tieferen Ursache, wetz-halb der Kukuk durch seinen Instinkt zum Schmarotzer-leben vermflagt ist. Altum (ein berühmter Kenner unsererVogelwelt, ein geistlicher Professor an einer westfälischenForstschule) hat schon vor vielen Jahren in vortrefflicherWeise auf das Gesetz aufmerksam gemacht, das dem Brut-parasitismus des Kukuks zu Grunde liegt. (Altum, DerVogel u. s. Leben, 5. Aufl., S. 180 ff.) Der Berufdes Kukuks ist es, ein Vertilger der haarigen Raupen zusein, die wegen ihrer Brennhaare von anderen Vögelnentweder gar nicht oder nur ausnahmsweise gefressenwerden. Der Kukuk verzehrt dieses Ungeziefer mit außer-ordentlichem Appetit und ohne Nachtheile für seine Ge-sundheit. Die behaarten Raupen des Prozessionsspinnersund des Kiefernspinners, der Nonne, des Weidenspin-ners und des Schwammspinners zeigen aber die auf-fallende Erscheinung, daß sie in manchen Jahren stellen-weise in ungeheuren Massen erscheinen; dann kommt einverheerender Raupenfraß, wie ihn die Nonne wiederumin den letzten Jahren verursacht hat. Es sind gleichsamPolizeistationen, die auf das haarige Raupengefindel einwachsames Auge haben und es unter normalen Verhält-nissen auch in den gebührenden Schranken zu halten ver-mögen. Tritt aber irgendwo eine Massenvermehrung jenerRaupen ein, dann genügt die Polizei nicht mehr, esmüssen Truppen verschiedener Waffengattungen mobil ge-macht und an die bedrohten Punkte gesandt werden. Einedieser Truppen sind die Schaaren der Kukuke, die sichnach den Naupenherden zusammenziehen und dort wochen-lang verweilen müssen, um etwas Ergiebiges auszurichten.Die „Raupenmonate", in denen der Raupenfraß statt-findet, sind aber gerade zugleich die Brutmonate der Vögel.