Ausgabe 
(27.4.1894) 34
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Die unglückliche Frau; sie hinterließ doch keineKinder?"

»Ich glaube, es muß noch ein Kind vorhanden ge-wesen sein," erwiderte Warneck,ob Knabe oder Mäd-chen, weiß ich nicht, da es irgendwo in einer Pensionwar. Ich erinnere mich, daß sie mir einmal von ihrentodten Kindern erzählte, welche sie glücklich pries, dadieselben mit einem solchen Vater doch elend gewordenwären."

Das klingt von einer Mutter entsetzlich."

Mag sein, lieber Freund, aber recht hatte sie doch,die arme Frau. Ich denke mir, daß die Zukunft unddas Glück der Kinder von der Lebensstellung und demCharakter des Vaters hauptsächlich abhängen, daß derMann die Familie hebt oder herabzieht, und eine Hei-rath in solchen Fällen, die leider nur allzu häufig sind,allemal den Kindern zum Fluch wird. An Bildungwaren diese beiden Menschen sich ja gleich, denn sonstist die Kluft noch tiefer. Es ist eine Schmach, daß diemeisten Menschen so kopflos in die Ehe springen, ohnesich klar zu machen, daß eine solche Kette an Gewichtzunimmt und zur unerträglichen Folter werden kann.Doch zum Henker mit dem Philosophiren," unterbracher sich lachend,bin ja ganz vom Wege abgewichen.Wird wohl das Beste sein, jetzt gleich mit einem gewieg-ten Crimiualbeamten in Verbindung zu treten."

Laß uns doch zu dem Commissar gehen, welcherdas Möbel auf der Brandstätte untersuchte," meinteMarbach.

Gut, ihm werde ich die ganze Sache übertragen, er wird den Fingerzeig freudig begrüßen."

Und dann?" fragte Marbach zögernd,willst Dumit mir zurückfahren nach Notenhof?"

Nein, mein Junge, Du hast schon die nöthigeFracht. Ich fuhr, wie Du weißt, mit einem Land-mann hierher, weil ich die Unthätigkeit nicht ertragenkann, und werde heute Abend oder morgen früh, wiees paßt, mit ihm zurückfahren. Mach' Dir um michkeine Sorge, mein Junge."

Er klingelte, um ein Frühstück zu bestellen, woraufsich beide Herren, nachdem sie dasselbe eingenommen,zur Polizei begaben, um Rücksprache mit jenem Com-missar zu halten.

Der Beamte hörte aufmerksam die Geschichte desAmerikaners an.

Und Sie haben die Ueberzeugung, daß dieser Mr.Prien, welcher mit Ihrem Vermögen durchgegangenist, sich hierher gewandt hat?" fragte er, als Warneckgeendet.

Die Ueberzeugung habe ich allerdings, Herr Com-missar," versetzte Warneck,ja sogar die Gewißheit,daß derselbe im Garten des vom Blitze eingeäschertenHauses gewesen ist."

Das Gesicht des Beamten zeigte den Ausdruck höch-ster Ueberraschung und Spannung.

Dieser goldene Manschettenknopf ist heute vonFräulein Holten dort im Garten gesunden worden,"fuhr Warneck rasch fort,bitte Monogramm und Stem-pel genau zu betrachten."

Sie glauben, daß diese Buchstaben den Beweisfür Ihre Behauptung liefern?" fragte der Commissarachselzuckend.

Zum Theil allerdings, William Prien, das stimmt,und der Stempel erst recht. Vergleichen Sie denselben

gefälligst mit meinen Knöpfen, Herr Commissar! Habeich die Dinger bei Finch in Chicago gekauft und vonihm stammt auch dieser gefundene Knopf, oder ich willverdammt sein zur zur"

Er konnte nicht gleich das schlimmste Loos finden,im Stillen aber meinte er zur Heirath.

Der Commissar verglich die Knöpfe und nickteerregt.

Das sieht allerdings so aus," sagte er dann,bitte, Herr Warneck, geben Sie mir gefälligst einegenaue Personalbeschreibung jenes Menschen."

Na, ex ist groß und schön gewachsen, Hände undFüße klein, meiner Ansicht nach viel zu klein für dieFigur"

Aber doch groß genug, um Dein Geld zu packenund damit durchzugehen," bemerkte Marbach, vor desseninnerem Auge sich seltsamerweise eine bestimmte Gestaltentwickelte.

^.11 riecht, olci ioo^lHaare blond, dito Bart,Augen meiner Treu, weiß nicht genau, welche Farbesie haben, nehmen wir grau an, Blick scharf, brauchtkeine Brille, Nase fein gebogen, mit einem Wort,ein verdammt hübscher Kerl, in den alle Weiber ver-narrt waren."

Besondere Kennzeichen?" fragte der Beamte, ohneeine Miene zu verziehen.Denken Sie recht scharfdarüber nach, weil hierauf besonders vigilirt werde»muß."

Warneck dachte nach.

Der ganze Kerl steht leibhaftig vor mir," sagteer endlich,aber ich wüßte wirklich nicht, seinem äußerenMenschen einen Makel anzuhängen. Eines hat er frei-lich, was aber der Bart verdeckt: zwischen Kinn undUnterlippe eine rothe Linie, als ob er einen scharfenPeitschenhieb erhalten hätte. Er zeigte mir dieselbe ein-mal und sagte, daß sie von dem Mesferschnitt einesIndianers, in dessen Hände er gerathen, herrühre. DerKerl habe ihn scalpiren wollen, wogegen er sich so über-menschlich gewehrt, daß er nur diesen Schnitt, dessenfeine Narbe gar nicht verblassen wolle, davongetragenhabe. In seiner grenzenlosen Eitelkeit hat er alles Mög-liche angestellt, um das rothe Merkmal zu vertilgen,weil der Kinnbart viel älter mache, wie er behauptete."

Wollen hoffen, daß es ihm bis heute noch nichtgelungen ist," versetzte der Commissar zufrieden lächelnd.

Da wir den Mann UW also mit der Katastrophein voriger Nacht direct in Verbindung bringen müssen,"fuhr der Commissar fort,so habe ich unter allen Um-ständen auf strikte Verschwiegenheit Ihrerseits, meineHerren, zu rechnen, indem wir es jedenfalls mit einemgeriebenen Burschen zu thun haben. Ihre erste Auf-gabe, Herr Warneck, besteht nun darin, auf einige Zeitaus dieser Gegend zu verschwinden, denn wenn er sichhier aufgehalten hat, weiß er auch bestimmt Ihre An-wesenheit sowie den Zweck Ihres Hierseins."

Und wird jetzt schon eben deßhalb über alleBerge sein!" rief Warneck.

Vielleicht, vielleicht auch nicht, es ist ebenin dieser Geschichte noch Vieles dunkel."

«Zum Exempel, weßhalb dieser Mensch mit einemVermögen in der Tasche einen neuen Diebstahl begehensollte?" schaltete Marbach ein.

O, das läßt sich ja leicht erklären," sagte derBeamte,hat ihn doch Herr Warneck als Spieler be-