Ausgabe 
(27.4.1894) 34
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zeichnet. Ein solcher geht keiner derartigen Gelegenheitaus dem Wege, um das Seine los zu werden."

Den Henker auch!" rief Warneck erschreckt,wiekonnte ich das nur vergessen. Sie haben recht, HerrCommissar, mein Geld ist längst zum Teufel, hätte mirdie Reise ersparen und drüben bleiben können."

Bah, Dir ist doch auch an der Bestrafung desSchurken gelegen, alter Freund," meinte Marbach, denArm um seine Schulter legend.Und dann schlägstDu unser Wiedersehen so gering an?"

Nein, nein, er wäre ja ohne mich auch uner-kannt und frei aus diesem schandvollen Verbrechen ent-kommen."

Ja, meine Herren, so ist es, und nun lassen Sieuns ohne Abschweifung bei der Sache bleiben. Ichwiederhole also, Herr Warneck, daß Sie unbedingt aufeine Weile verschwinden müssen."

Meinetwegen, vielleicht treffe ich ihn unterwegs,will die Augen schon offen halten."

»Ihr Freund muß über Ihre Reise stets auf demLaufenden erhalten werden."

Das ist selbstverständlich, mittlerweile thun Siedas Ihrige, Herr Commissar."

Versteht sich, werde ihm meine besten Kräfte aufdie Fährte setzen."

Die beiden Herren schüttelten dem Beamten dieHand und gingen.

Willst Du lieber sofort mit nach Notenhof zurück?"fragte Marbach den Freund.

Wenn Du mich placiren kannst"

Gewiß, es geht ganz gut. Du willst doch erstmorgen reisen?"

Ja, ich gehe in die Berge und telegraphire vonStation zu Station. Will deßhalb heute noch mitDir beisammen bleiben."

Nach einer halben Stunde fuhren sie bet dem Doc-tor vor, um Fräulein Holten abzuholen.

» ^ -i-

(Fortsetzung folgt.)

. . -

Unter den Palmen der Sahara .

(Vortrug, gehalten im kath. kaufmännischen VereinLätitia"von Theodor Habich er.)

(Schluß.)

Als wir die freundliche Oase Figuig betraten, wares finstere Nacht. Nur wenige Menschen waren zu sehen,während die spärlich erleuchteten Kaffeehäuser von Be-suchern wimmelten. Nachdem wir im HauptksorSnaga"Besitz von den uns durch den Kalifen angewiesenen Hallengenommen, die Feldbetten aufgeschlagen, sowie die aufder Reise gesammelten Mineralien und Pflanzen ausge-breitet hatten, traten wir in das am Hammau-arbi ge-legene, reputirlichst aussehende maurische Kaffeehaus undließen uns zwischen Hunderten von Süd-Marokkanern ineiner wahrhaft betäubenden Atmosphäre nieder. Die Men-schen, die Lichter, die Kasseetöpfe, die Becken mit denKohlen zum Pfeifenanzünden, die Teppiche und die Kleiderder Figuiganer, kurz alles, jedes strömte einen solchenQualm aus, daß wir auf die Märchen eines Roman-erzählers im wahrsten Sinne des Wortesathcmlos"lauschen mußten. Hätten wir nicht selbst geraucht, sowürden wir es nicht fünf Minuten lang in dieser Räucher-

kammer ausgehalten haben. Die Geschichte des Roman-erzählers war derartig, daß ich dieselbe unmöglich nach-erzählen kann. Als drei Frauenzimmer der verworfenstenArt das Kaffeehaus betraten, um die Gäste mit einerTanzvorstellung zu unterhalten, verließen wir das Lokal,und auf dem Heimwege athmeten wir mit wahrem Ent-zücken die reine Nachtluft.

Als wir am folgenden Morgen ziemlich spätaus sanftem Schlummer erwachten, hatte der Kalif schonfür unser leibliches Wohlsein gesorgt. Es erschien eineOrdonnanz ein echter und unverfälschter Sohn derSahara und meldete, daß das Frühstück bereit sei.Die französischen Offiziere, äußerst joviale Herren, er-laubten auch uns, das Frühstück gemeinsam zu verzehren,das aus Scharba oder arabischer Suppe (ein kräftigesHammel-ConsommZ mit Brocken von Leber, Fleisch, trockenenFrüchten und Rosinen), zweitens aus einem Eierkuchen,einer Anzahl gebratener Hühner und endlich dem National-gericht, dem Kuskus oder Gerstenbrei, bestand, dem wiralle Ehre anthaten.

Der Kalif hatte Platz neben uns genommen; zuunserem Erstaunen weigerte er sich aber, irgend etwaszu genießen, wiewohl es nicht Freitag, sondern Montagwar. Unser Wirth war nämlich ein Puritaner aus derechten Secte der Wüste, und als solcher fastete er nichtallein den Freitag, sondern auch den Montag. Wie ichnachher ans guter Quelle erfuhr, soll er sogar recht auf-richtig in seinen religiösen Handlungen sein und nichtbloß dem Scheine zulieb heilig thun, wie dies zuweilenin Afrika geschieht. Der echte mohammedanische Puritanerhingegen ißt und trinkt nicht nur nichts, sondern rauchtauch nicht am Festtage. Ueberhaupt soll ihm nichts überdie Lippen kommen, von Sonnen-Auf- bis Sonnen-untergang.

Nach Tisch besuchten wir den Stadtplatz, wo geradegroßer Araber-Jahrmarkt stattfand. Der Platz ist groß,jedoch sandig, und wird von regelmäßig gepflanzten, schat-tigen Palmenalleen eingefaßt, durch deren Fächerwedelmaurische Bauten aus gelbem Sandstein schimmern. DichtesStrauchwerk umrahmt den Hauptplatz in buntem Schmuck,und eine Niesenpalme, dergleichen ich nie wieder gesehenhabe, überragt die Dächer der höchsten Bauten.

Auf diesem Platze wogt ein so buntes Treiben, baßman sich stundenlang mit bloßem Zuschauen vortrefflichunterhalten kann. Neben dem in Hellem Anzüge flanken-den Süd-Oranesen wandelt ein gravitätischer, buntgekletdeterMaure. Diesem folgen ein Paar Tafileter Kaufleute, derenscharf beobachtende Augen und listige Züge sie als Ab-kömmlinge Israels auf den ersten Blick verrathen. NebendiesenVätern des Handels" schlendert ein reicher Araber,welcher an jedem Arme eine Haremsdame mit langen,schwarzblauen Locken führt und sich weigert, mehrerenmarokkanischen Offizieren Platz zu machen, die sich aufdem Marktplatze in mehr bequemer als regelmäßiger Uni-form ergehen. Nicht uninteressant war auch der Verkanss-platz für die Kameele. Wir sahen dort schönes Vieh,unter anderem kolossale Kameelstiere in vortrefflichem Zu-stande und zu verhältnismäßig hohen Preisen, bis zu500 Franken. Die Weibchen sind zur Hälfte billiger. AuchEsel wurden angeboten von jener kleinen, hellgrauen, abernicht sehr ausdauernden Rasse, wie sie in den Oaseneinheimisch ist. In den Buden war inländisches, meistwollenes, theils grobes, theils auch sehr feines Gewebeausgestellt, auch Getreide, besonders Gerste, und mancher-