Ausgabe 
(27.4.1894) 34
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lei Gewürze wurden feilgeboten, sowie auch Tabak undMassen von Dattelkörnern, die als Heilmittel für dieKameele verwendet werden.

In diesem bunten Getriebe spielen die Eselsjungenmit ihren flinken Grauthierchen, die Kameeltreiber undAusrufer eine große Rolle. Das Geschrei der letzterenklingt ohrenzerreißend und ist dennoch, wenn man denInhalt desselben versteht, voll von jener Poesie, welchedie Gottheit diesem Wolke zum Ersatz für die meisten an-deren Güter des Lebens als unverwüstliches Eigenthumbeschert hat. Da hört man statt:Kauft Datteln!"DieDatteln von Figuig sind besser als Mandeln!", oder:O wie süß ist das kleine Söhnchen der schlanken Palme!"Der Citronenhändler schreit:Gott mache sie leicht (zuverkaufen), o Citronen!" Die wohlfeilen Kerne der Wasser-melonen werden ausgeboten mit dem Rufe:O Trösterder Nothleidenden, o Kerne!" Der Orangenverkäufer schreit:Honig, o Orangen, Honig!" Die schönste Anpreisungseiner Waare braucht wohl der Nosenhändler, denn der-selbe ruft:Die Rose war ein Dorn, der Schweiß desPropheten benetzte ihn, und ihm entwuchs die Rose!"Die Wasserträger preisen die Billigkeit ihrer Waare mitdem Rufe:O, möge Gott Ersatz geben!" In der Thatbedürfen diese armen Menschen gar sehr eines Ersatzesvon oben, denn sie bekommen für einen Ziegenschlauchvoll Wasser, den sie auf den Eseln, Kameelen oder deneigenen Schultern oft sehr weit herbeiholen müssen, nichtmehr als nach deutschem Gelde höchstens 5 Pfennige.

Bei den meisten öffentlichen Brunnen wird gleichbei Grabung eines solchen eine Schule gestiftet, in derdie mohammedanischen Kinder für wöchentlich 10 Pfennigeim Koran lesen, Schreiben und ein wenig Rechnen lernen.Gedenke ich jetzt meines Besuches in derselben, so erstehtvor meinem geistigen Auge ein überaus anmnthigcs Bild,und ich bedaure dann, kein Maler zu sein. Wie gernewürde ich die Gruppe, die so lebhaft sich meiner Erin-nerung eingeprägt hat, auf die Leinwand zaubern.

Eine der Treppen, die in die Medressa führen,hinansteigend, blieben wir auf der letzten Stufe derselbenstehen. Dieser Theil des alten, von Ephen umranktenGebäudes diente als Schnlranm; aus Schilf geflochteneMatten bedeckten den Fußboden, auf einem Polster ruhtein bequemer Stellung ein silberbärtiger Schcch-Msid, d. h.Lehrer, dessen ehrwürdiges Haupt ein blüthenweißer Tur-ban zierte. Dieses Haupt war tief auf die Brust geneigt,und schwere, regelmäßige Athemzüge verriethen den ruhigenSchlummer, welcher den Greis übermannt hatte.

Das Buch, welches vor dem schlafenden Oasen-Professor lag, mochte eben erst seiner Hand entglittensein. Um ihn herum hockte die Schuljugend, lauter inzartem Alter stehende Knaben.

Wir wußten zuerst nicht, wie wir uns die Ilnbc-weglichkeit, in welcher die Gruppe verharrte, deuten sollten.Fast undenkbar schien es uns, daß die schwarzäugigenkleinen Buben, welche dort so mäuschenstill kauerten,Fletsch und Bein hätten. Eine so schweigsame Schul-jugend hätten wir bei diesem lebhaften, heißblütigen Volkenicht vorausgesetzt, es lag etwas ungemein Rührendes imAnblick des schlummernden Greises und der Kinder, dieso zartsinnig seinen Schlummer behüteten. Ob nicht viel-leicht die Furcht vor einer Strafe dahintersteckte? Dochdie Gruppe ward lebendig bei unserem Erscheinenwandten sich die dunklen, blitzenden Augen uns zu. JedesAugenpaar hatte den Ausdruck kindlicher Neugierde, das

dort aber schaute, den ernsten Charakter des kleinenBuben verkündend, sogleich wieder in das Buch, in welchemes studirte, jenes blickte ängstlich und scheu auf den Lehrerund dann zu uns herüber, gleichsam bittend, wir möchtenden Schlummer des Greises nicht stören; die meistenBlicke jedoch funkelten in jugendlichem Uebermuth.

Zwei tiefschwarze, mächtige Sterne, die einem aller-liebsten kleinen Burschen angehörten, zogen uns besondersan; welch' eine reizende Schelmerei lag in diesem Kinder-blick! Wir waren damals noch übermüthige Geschöpfeund konnten dem Dränge nicht widerstehen, dem Araber-knaben zuzunicken und blitzschnell ihm ein Knßhändchenzuzuwerfen, ein Manöver, welches von dem kleinen Burschenlächelnd als eine Freundschaftsbezeigung, die es ja auchsein sollte, aufgenommen und mit großer Schlagfertigkeiterwidert wurde. Das kleine Volk kicherte leise, doch gleichdarauf lagerte auf's Neue unverwüstlicher, uns mit un-widerstehlicher Komik berührender Ernst über der Gruppe,und die von Afrika's Sonne gebräunten Hündchen winktenuns zu, uns zu entfernen, pantomimisch andeutend, daßunser weiteres Verweilen die Siesta ihres Mentors ge-fährden könnte. Wir folgten dem Winke, eine herzige,sonnige Erinnerung mit uns nehmend. Und als wir, imHinabsteigen begriffen, noch einmal umschauten, da ge-wahrten wir, wie das plötzlich durch die Bogenfensterhereinfluthende Sonnenlicht die Gruppe mit einem gol-digen Schleier umwob, Alter und Jugend mit seinenStrahlen umfassend.

Wir begaben uns dann zur Feste Snaga zurück aufder mit Palmen bestandenen Chaussee, welche direkt zurgrößten Moschee der Oase führt. Dort konnten wir etwasbewundern, was man in Europa nicht alle Tage siehtdas mohammedanische Gotteshaus, den Tempel derJsla-miten. Man darf jedoch keinen Prachtbau erwarten. ZurAufführung eines solchen hatte die arabische Bevölkerungvon Stadt und Land kein Geld und keine Lust. Wasbraucht der Araber des unstäten Nomadenlebens ein Gottes-haus? Unter freiem Himmel verrichtet er sein Gebet, desMorgens, wenn die Sonne den Horizont purpurn färbt,und des Abends, wenn sie dem Untergang sich neigt.Unter welchem Himmelsstrich er sich auch befindet, stetsweiß er, auch ohne Kompaß, sehr genau die Richtung, inwelcher die Stadt der Städte, die Stadt des Weltalls,Mekka , liegt, wo wohlbehütet von finsteren Derwischenunter einem schweren Steine die heilige Kaaba ruht, derer täglich einige Dutzend höchst devote Verbeugungen zumachen hat; und geht ihm in der Einsamkeit der Wüstedas Wasser aus zu den vorgeschriebenen Waschungen, sogießt er, neben seinem verwunderten Kameele knieend,Körbe glühenden Sandstaubes aus über Haupt und Hand.

Mit fünf blinkenden Kuppeln, von einem niedrigenMauer-Viereck getragen, an das sich vorne ein runder,nicht allzuhoher Thurm anlehnt, tritt die Moschee in dieErscheinung. Der Thurm, einem oben und unten gleich-weiten Fabrikschornstein vergleichbar, dessen Schlot voneinem Helm bedeckt wird, trügt an der Krone eine engeGalerie, die mittels einer durch schießschartenähnlicheFensterchen erhellten Wendeltreppe erklommen wird. Auchdie Fenster der eigentlichen Kirche, vom Boden aus nichterreichbar, sind nicht übermäßig groß, doch mit kunstvollerGlasmalerei versehen. Jede Kuppel, sowie der Thurm-helm trügt einen vergoldeten Halbmond. Das einfache,aller Ornamentik entbehrende Mauerwerk ist weiß getünchtund äußerst sauber gehalten. Der Eintritt in das Heilig-