Ausgabe 
(27.4.1894) 34
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thum ist demGianr", d. i. Nicht-Mohammedaner, be-sonders wenn er noch dazu französischer Fremdenlegionärist, auf das Strengste verboten. Ein mit einem Geleits-brief des Mulcy Taieb von Marokko versehener Offizierderselben Truppe aber macht z. B. in diesem Verbot schoneine Ausnahme und darf sich die Geschichte da drinnenansehen, ohne Gefahr zu laufen, von einer fanatischenMenge in Stücke gerissen zu werden. Ucbrigens ist derreligiöse Fanatismus bei den am Nordrand der Saharalebenden Araberstämmcn nicht nur zu einer Blüthe ge-stiegen, wie bei den nordalgerischcn Mohammedanern, unterdenen ich Jahre lang gelebt, sondern es macht sich auchin ihrem Glaubenseiscr eine allgemeine Lauheit bemerk-bar. Gleich wollen wir im Weiterschreiten die Probe fürdie Wahrheit dieser Behauptung machen. Genau wieuns Christen, so ist es auch dem Muselmann eine heiligePflicht, zu gewissen Tageszeiten Herz und Hand zumHimmel zu erheben und dem Vater dort droben, von demalles Gute ausgeht, zu danken und ihn zu loben. WennChristen sich dieser Pflicht entledigen wollen, so nehmensie meist ängstlich Rücksicht auf die Situation, in welchersie sich gerade befinden, und gewahren sie, daß die Auf-merksamkeit Anderer auf ihre Handlungen gerichtet ist, soglauben sie, von falscher Scham beredet, durch ein kurzesStoßgebet für dieses Mal ihre Schuldigkeit gethan zuhaben.

Anders der strenggläubige Muselmann. Er erläßtsich die für seine Gebetsübungen vorgeschriebenen Cere-monien unter keinen Umständen, mag er nun der Tafeleines Fürsten beiwohnen oder daheim sitzen unter demSchatten seiner Palmen. Und bei ihm geht's nicht miteinem bloßen Händefalten ab. Geht die Sonne auf oderunter, stets, an jedem Orte, holt er seinen Gebet-Teppichhervor und murmelt die Koransprüche, jetzt leicht vornüber-gebeugt mit auf der Brust gekreuzten Armen, dann nicder-knicend mit erhobenen Händen, dann wieder das Gesichtbergend in den Staub. Der Muselmann, der echte, kenntkeine Scham, wenn es gilt, Zeugniß abzulegen für seinenGlauben. In der Stunde des Gebetes vergißt er dieWelt um sich her, vergißt er Glück, und selbst angesichtsder drohendsten Gefahr weicht er kein Jota ab von denGeboten, die der große Prophet ihm hinterließ. - DerAraber, soweit er mit den Franzosen in Berührung ge-kommen und von ihnen gelernt hat, wie's heutzutage dievielgerühmten Christen machen, hat viel von seiner Streng-glänbigkeit verloren.

Treten wir ein in jene Boutique, die den hochtönendenNamenCafä Maure" trägt. Die beiden Holzbänke längsden Wänden sind dicht besetzt mit bärtigen Arabern, ge-hüllt in weiße und braune Burnusse, die spitzige Kapuzeanf dem Kopfe. Sie waren in eifriges Gespräch ver-wickelt, ehe sie unsern Eintritt bemerkten; jetzt sind sieurplötzlich stumm geworden. Unbeweglich hält die Rechtedas niedliche Kaffeeschälchen, in dem der duftende Mokkaerkaltet. Unbeweglich auch ruht die nachlässige Linke unterdem kameelhaarenen Gewände, unbeweglich sind Kopf undFüße. Schössen nicht Zornesblitze aus den schwarzfunkeln-den Augen, man sollte glauben, die ganze Gesellschaftdort sei eine aus Stein gemeißelte Koboldenschaar.

Unwillig nur reicht uns der Wirth den braunenGöttertrank. Hastig schlürfen wir ihn. Da ertönen plötz-lich dumpf die Klänge des Metallbeckens, deutlich ver-nehmen wir den langgezogenen Ruf des Jmams, der zumGebete ruft. Werden sie jetzt niederstürzen und, der An-

wesenheit der Fremden nicht achtend, die Knie beugen zumGebet? Alles bleibt still. Schon verklingt vom Thurmedes Priesters dreimaliger Mahnruf, und noch stets hältdie Rechte unbeweglich die PorzellanschaleReform-Muselmann". Mag sich aber immerhin der AraberAlgiers klassificiren lassen in Reform- und strenggläubigeMohammedaner, ein festes, unlösliches Band umschlingtsie alle gemeinsam: der Haß gegen den fremden Eroberer,den Unterdrücker, und der Haß gegen die Hebräer. Inseinem Herzen nährt der Araber die zuversichtliche Hoff-nung auf den Tag, an welchem an der Spitze seinerSchaaren der Rache-Engel erscheinen und das fremdeweiße Gezücht hinausjagen wird aus dem Lande seinerVäter mit flammendem Schwerte . Der Glaube an dasErscheinen des Tages der Rache sinkt mit ihm in's Grab.Aber ehe er stirbt, pflanzt der Greis ein grünendes Hoff-nungsreis in das Herz des Sohnes, und der harrt nunan des Vaters Statt im gläubigen Vertrauen auf Allah,der immer hilft, wenn groß die Noth. Bis dahin führter schweigend seine Heerde über die magere Trift, ruhtaus unter seinem niedrigen Zeltdache und freut sich derFreiheit in der unendlichen Wüste. Nur an den Markt-tagen zeigt er sich auf feurigem Rosse oder bescheidenemEsclcin in der Franzoscn-Stadt, Mundvorrath umzutauschengegen ein paar feiste Hammel. Doch noch nie hat derfreie Sohn der Wüste sich dazu erniedrigt, Sklavendienstezu verrichten. Er duldet den fremden Herrn, aber er dientihm nicht.

So war der Abend gekommen, wir befanden unswieder im CastcllSnaga" und es wurden die Vorbe-reitungen zum Diner getroffen. Auch der Kalis fand sichwieder ein und nahm neben uns Platz. Das Essen warwomöglich noch reichhaltiger als beim Frühstück. Nach derErfahrung, die ich beim Morgenimbiß gemacht, mußteich annehmen, daß unser Wirth sich bloß aus Höflichkeitzu uns gesetzt; diesmal sollte ich mich aber getäuscht haben,denn wenn die Nacht noch nicht eingetreten, so war dochdie Sonne untergegangen. Dies wußte der Kalif sehr wohl,und da sein Appetit wahrscheinlich nicht gering war, sohatte er es so eingerichtet, daß anf die Minute servirtwurde. Und in der That leistete er diesmal sein Ge-höriges, nicht jedoch ohne sein arabisches Experiment ge-macht zu haben, welches darin bestand, zwei Fäden vonverschiedener Farbe, einen rothen und einen blauen, ge-gen das Licht zu halten. Erkennt man die Farbe nichtmehr, so ist der Fasttag vorüber, und ebenso beginnt ermorgens, wenn man die zwei Farben genau unterscheidet.

Nach dem Dessert, welches aus herrlichen Pastekenoder Wassermelonen bestand, wurde uns der Kawna (Kaffee)servirt. Derselbe war von vortrefflicher Qualität.

Nach mehrtägigem Aufenthalt in Fignig wurde end-lich die Stunde der Abreise bestimmt. Wir schlössen unseiner Karawane an, die demselben Weg folgte. Es warin jeder Beziehung viel interessanter, in solcher Gesellschaftzu reisen, und so zogen wir denn nach einem herzlichenAbschiede vom Kalifen und seinen Leuten mit einer Kara-wane von ungefähr hundert Kameelen und etwa dreißigKameelsührern (aoArars) weiter.

Schon am ersten Tag verließen wir das Gebiet derDünen und betraten wieder das Plateau. Für die Kameel-treiber ist dies eine willkommene Abwechslung, indem siedann der Nothwendigkeit enthoben sind, Futtervorräthefür ihre Lastthiere mitzunehmen, weil sie hier hinläng-liches Gesträuch als Ersatz finden.