AnteWltung
zur
„Augsburger Post;eitung".
35. Dinstag, den 1. Mai 1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer vr. Max Huttler) .
Tante Kanna's Keheimniß.
Original-Roman von E. von Linden.
(Foitsetzung.)
Das Wetter war herrlich an diesem zweiten Pfingst-tage, die Luft so klar und wundervoll, von Blüthenduftgleichsam durchtränkt, daß Armgard Holten es in derEinsamkeit ihres Zimmers nicht aushalten konnte undnach Tisch in den Garten hinaustrat. Sie vermied es,an jenem Fenster, hinter welchem Lotta krank lag, vor-überzugehen, da eine ihr selber unerklärliche Abneigunggegen das Kind, welche sie vergebens zu bekämpfen suchte,Besitz von ihr genommen hatte.
Das Fenster des Krankenzimmers, das im erstenStock sich befand, stand offen. Armgard warf aus derEntfernung einen Blick dabin und blieb erstarrt stehen.Die Kleine hatte das Bett verlassen und sich weit hinaus-gebeugt. Offenbar war Niemand bei ihr, da der Arzterst die Krankenwärterin mitbrachte.
Mit hastigen Schritten eilte Armgard hinzu.
„Lotta, was machst Du für Geschichten?" rief siehinauf, „geh' in's Bett zurück."
„TanteI — ich will zu meinem Papa," schluchztedas Kind in so herzbrechenden Tönen, daß es sicherlichkeine Komödie sein konnte. „Er kommt nicht wieder,und Du läßt mich mit der schrecklichen Frau allein."
„Leg' Dich in's Bett, Lotta!" gebot Armgard.„Ich komme zu Dir."
„Jetzt gleich?"
„Ja, wenn Du auf der Stelle gehorchst."
Das Kind verschwand vom Fenster.
Armgard athmete tief auf und ging in's Hausund sofort zu Lotta hinauf, um sie zu beruhigen. Siesah sie aufrecht im Bette sitzen, unverwandt nach derThür starrend und ihr jetzt beide Arme. entgegenstreckend.
„O, wie fürchte ich mich hier, Tante!" klagte sie,die überraschte Armgard zu sich niederziehend. „GlaubstDu auch, daß mein Papa nicht wieder kommt, wie dieböse Frau sagt?"
„Von wem sprichst Du, Kind? Wer ängstigt Dichdamit?"
„Die alte Frau, die immer zu mir kommt, mit dergroßen weißen Schürze."
„Mamsell Evers? — Nun, morgen kommt einefreundliche Wärterin, die der Doctor mitbringt."
„Ach, Tante, laß sie fort," bat die Kleine, „auch
den Doctor, ich bin ganz gewiß nicht mehr krank. Zieh'mich an, ja, willst Du so lieb sein? — Es ist draußenso schön, ich fürchte mich hier so sehr!"
Nein, das war keine Komödie, — Armgard's Herzwurde von diesen Klagen tief ergriffen. Das Kindwar verwaist, es fühlte sich unglücklich und verlassen,sollte auch sie sich kalt davon abwenden? Das lagdurchaus nicht in ihrer warmen, menschenfreundlichenNatur.
Sie blickte Lotta forschend in die Augen, es lagnur Angst darin, doch kein Fieber, auch der Pulswar ruhig.
„Gut," sagte sie, „dann steh' auf, Kind, ich willDir beim Ankleiden helfen. Willst Du mit mir aus-führen?"
„Ja, ja, Tante!" jubelte Lotta, wie ein Pfeil vomBett herabfliegend und sofort mit Schwamm und Wasserhantirend. „Ich kann mich schon ganz allein anziehen,schau, wie ich eile, in zehn Minuten bin ich fertig.Sieh, bitte, nach der Uhr."
Armgard mußte lächeln, aber auch die Kleine be-wundern. Wie praktisch sie war, wie sie sich tummelte,und wie geschmeidig, wie unmuthig dabei. Sie ließ siedeßhalb ruhig gewähren und dachte unwillkürlich, daßLotta unter ihrer Hand sich gewiß zu einem lieblichenMädchen entwickeln würde.
Eine heiße Nöthe überfluthete bei dieser Vorstellungihr blasses Gesicht, da dieselbe doch nur eine Folger-ung zuließ. Sie wandte sich mit verdüsterten Zügendem Fenster zu und schrak heftig zusammen, als dieThür plötzlich ungestüm aufgerissen wurde.
„Was? Du bist aufgestanden, Lotta?" fuhr Mam-sell Evers, wie eine Bombe hereinschießend, die Kleinezornig an, „wer hat Dir das erlaubt?"
„Ich hab's ihr erlaubt, Evers," sagte Armgardruhig, „das Kind war ganz allein gelassen, es fürchtetesich und wäre beinahe aus dem Fenster gestürzt."
„So, ihc fehlt also gar nichts," knurrte die Mam-sell, „ganz, wie ich's mir gedacht habe. Na meinet-wegen, draußen in dem Garten ist es ja auch schönerals —"
„Ja, die Luft wird ihr jedenfalls zuträglicher sein,liebe Evers," schnitt Armgard ruhig die Fortsetzung ab,„bitte, sagen Sie Conrad, er soll die kleine Chaise so-fort anspannen. Ich will mit Lotta eine Spazierfahrtmachen."