Ausgabe 
(1.5.1894) 35
Seite
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Die Mamsell hätte gern Einsprache dagegen er-hoben, doch kannte sie ihre Gebieterin zu gut, um nichtzu wissen, daß sie hier unbedingt den Kürzern ziehenwerde, obgleich sie sich sonst viel herausnehmen durfte.So kniff sie die Lippen zusammen und schoß mit einemwüthenden Blick auf Lottn hinaus.

Die Kleine sah recht triumphirend aus, war aberdoch schon weltklug genug, um nach einem forschendenBlick in Armgards Gesicht sich ganz mäuschenstill zuverhalten. Diese legte jetzt die letzte Hand an LottasToilette und nahm sie dann mit sich nach ihrem Zimmer,um sich selber zur Ausfahrt zu rüsten, worauf sie nachfünf Minuten die kleine bequeme Chaise bestiegen undwohlgemuth in den herrlichen Sonnenschein hinaus-fuhren.

Lotta lehnte tief in dem weichen, bequemen Polsterund spielte, strahlend vor Entzücken, Verstecken nebender hochgewachsenen, schlanken Armgard.

Gefällt's Dir, Lotta?" fragte jene, freundlich aufsie niederblickend.

Oh, es ist zu schön, liebes Tantchen!" rief dieKleine, sich zärtlich an sie schmiegend.Bitte, laß michbei Dir bleiben, Du bist so gut."

Ei, Lotta, was würde Dein Papa zu dieserBitte sagen!"

Oh, ich weiß ganz bestimmt, was er dazu sagenwürde," erwiderte das Kind mit dem alten Ausdrucküberlegenen Verständnisses, der Armgard so unangenehmberührte.

Du scheinst für Dein Alter überhaupt zu vielvon Dingen zu wissen und zu plaudern, die Du nichtverstehst," erwiderte letztere deßhalb tadelnd,ich liebedergleichen nicht, Lotta, obgleich Du armes Ding nichtsdafür kannst. Sieh', jetzt kommen wir zu den schönenBergen. Durch den Hohlweg, Konrad!" gebot siedem Kutscher, als dieser hielt und sich fragend umblickte.

Zu beiden Seiten eines gut erhaltenen Weges er-boben sich felsige Berge, mit Tannen und dichtem Ge-strüpp wild bewachsen, welche wohl eine halbe Stundeweit sich erstreckten und die malerischste Partie dieseran Naturschönheit reichen Gegend bildeten. Ungefähr inder Hälfte machte der Weg eine Krümmung, um rechtseiner kleinen Waldpartie mit einem Büchlein Raum zugeben. Um diese Krümmung bogen plötzlich zwei Spa-ziergänger, welche stehen blieben, um den Wagen vor-über zu lassen.

Ah, Sie sind's, meine Herren!" rief Armgard,sofort halten lassend.

Die Hüte ziehend, näherten sich jetzt Marbach und-Warneck.

Wir haben uns die Berge angesehen, meine Gnä-digste," sagte Marbach,da mein Freund morgen eineReise unternimmt. Der Tag ist zu herrlich!"

Ja, es ist hier draußen prachtvoll," erwiderteArmgard, wollen wir ein wenig aussteigen, Lotta?"

Ich möchte lieber im Wagen bleiben, Tante," er-widerte dieselbe.

Marbach machte ein höchst überraschtes Gesicht, alser die Kleine erkannte, und in seinen hübschen offenenZügen malle sich «was wie Unmuth. Doch bezwäng ersich sofort und öffnete den Schlag, um Armgard dieHand zum Aussteigen zu bieten.

Sie gingen langsam den kleinen Bach entlang,während Warneck am Wagen stand und mit Lotta von

Amerika plauderte. Die Kleine lag dabei wie eine Ladytief zurückgelehnt.

In diesem Augenblick fielen mehrere Schüsse dichthintereinander. Man hörte einen gellenden Aufschrei,die Pferde bäumten sich und stürmten dann wie rasendvorwärts. An Marbach's Kopf war eine Kugel vorbei-gesaust, ohne ihn zu treffen, während Warneck seitwärtszu Boden gesunken war, also getroffen zu sein schien.Das Furchtbare hatte sich blitzschnell, sozusagen im Hand-umdrehen ereignet.

Außer sich vor Entsetzen stürzten Armgard undMarbach zu dem regungslos am Boden liegenden Warneck,um ihn aufzurichten. Doch schien hier alle Hülfe ver-geblich zu sein, da die weitgeöffneten Augen bereits denAusdruck des Todes trugen, die Kugel, welche offenbarvon Mörderhand auf ihn abgesandt worden war, ihrsicheres Ziel also nicht verfehlt hatte.

O, das ist gräßlich!" stöhnte Marbach,keineHülfe möglich, da auch die Pferde Gott weiß wohingestürmt sind."

Und das Kind im Wagen!" schrie Armgardwankend auf,mein armer alter Conrad, ich werde dieUnglücklichen suchen."

Plötzlich horchte sie auf.

Ich höre menschliche Stimmen und Pferdege-wieher," sagte sie schwer athmend,sie werden Hülfegefunden haben und zurückkommen."

In der That kam der Wagen langsam zurück. DerKutscher, dessen Gesicht leichenblaß war, schien die Zügelnur mechanisch zu halten, da die Pferde von zwei hand-festen Landleuten geführt wurden.

Gott sei Dank!" stieß Armgard halblaut her-vor,dort scheint wenigstens Alles unversehrt gebliebenzu sein."

Marbach warf ihr einen finsteren Blick zu. Dachtesie wirklich nur an das Kind jenes Mannes, der sieeinst so schmählich verlassen? Er war bei dem Freundeniedergekniet, um seine Wunde zu untersuchen. DerSchuß war seitwärts durch den Hals gegangen undhatte die Schlagader zerrissen, deren Blutung Marbachin keiner Weise zu stillen vermochte, obwohl er seinTaschentuch wie eine Binde ihm fest um den Hals ge-schlungen hatte. Die mörderischen Kugeln, denn eswaren mehrere Schüsse hintereinander, deren einer ihmselber gegolten, gefallen, hätten ihn jedenfalls sogleichgetödtet. Eine Mörderfaust hatte dies vollbracht undkeine andere konnte es gewesen sein, als diejenige, welchegestern Tante Hanna so grausam zugerichtet.

Marbach's Blick flog drohend zu der Bergwandempor, welche dem Mörder als schützendes Versteckgedient. Auf seinem hübschen, intelligenten Gesichtzeigte sich der Ausdruck eines festen Entschlusses. Mitfinster zusammengezogenen Brauen schaute er Armgardnach, welche dem Wagen entgegeneilte. Plötzlich hörteer einen Schreckensschrei, der ihn erbeben machte. Sorg-sam den Freund niedergleiten lassend und seinen Kopfauf ein erhöhtes Rasenstück bettend, begab er sich raschdorthin und sah die junge Dame am Wagenschlag miteiner Ohnmacht ringend.

Was ist denn hier noch geschehen?" fragte er,Armgard mit seinem Arm stützend und einen spähendenBlick in den Wagen werfend.

Das Kind" schluchzte sie,es ist auch ge-troffen todt!"