263
„Großer Gott!"
Marbach ließ die sich gewaltsam aufraffende Arm-gard los und bückte sich zu Lotta nieder, die regungs-los in den Kiffen lag. Von der Stirn rann das Blutund gab dem weißen Gesicht einen erbarmungswürdigenAusdruck. Das Kind mußte sich in jenem verhängniß-vollen Augenblick aufgerichtet und so, unmittelbar hinteroder neben Warneck, die Todeskugel in die Stirn er-halten haben. Es konnte nur einem unseligen Zufallzugeschrieben weiden, da es nicht denkbar war, daß demKinde, welches der Mörder vorher nicht einmal bemerkthaben konnte, die Kugel gegolten.
„Abscheulich!" sagte Marbach . „Armes Ding! —Es hat sich aufgerichtet und den Tod mit empfangen.Die Kugeln sind von einer sicher treffenden Hand abge-sandt worden, denn sowohl mein Freund wie die Kleinehier sind sofort todt gewesen. Was fehlt denn IhremKutscher, gnädiges Fräulein?"
„Der Anblick des Kindes Hai den Armen so auf-geregt," versetzte Armgard mühsam.
„Ihr habt die Pferde wohl zum Stehen gebracht,meine Freunde?" wandte sich Marbach an die Bauern-burschen.
„Ja, Herr! — Wir kamen just zu-paß, die Rackers wollten justament indie Steinschlucht sausen."
„Brav von Euch, helft mir nun, nocheinen Todten oder Verwundeten nachNotenhof tragen. Conrad wird diePferdejetzt wohl allein regieren können."
„Gern, Herr Marbach!"
„Wollen Sie sich zu dem Kinde setzen,gnädiges Fräulein? — Oder vielleichtmit nach Notenhof, und von dort meinenWagen benutzen?"
„Ich danke Ihnen, Herr Marbach!"versetzte Armgard, noch immer nach dergewohnten Fassung ringend. „BenutzenSie, bitte, lieber meinen Wagen fürIhren Todten. Nur so rasch als mög-lich jetzt fort von dieser Mordstätte, da-mit wir ärztliche Unterstützung finden."
„Dann fahren Sie in'Gottesnamen mit der armenKleinen nach Edenhcim, da Notenhof näher liegt undSie den Weg nach Ihrem Heim nicht zu Fuß zurück-legen können, gnädiges Fräulein!"
Armgard ließ sich willenlos von ihm in den Wagenheben, wo sie Lotta's Kopf mit ihrem feinen Batisuuchverband und denselben in ihren Schooß bettete, währenddie stämmigen Landleute den todten Warneck vorsichtigaufhoben und der traurige Zug sich nach Notenhof zuin Bewegung setzte.
H *
-i-
Der alte Doctor Peters war nach Edenheim undNotenhof gekommen, um den ärztlichen Todtenschein dortwie hier auszustellen.
„Bei Beiden wäre von vornherein jede Hülfe ver-geblich gewesen," sagte er, „diese Schüsse mußten densofortigen Tod bringen. Sie glauben also an keinOhngefähr, sondern an absichtlichen Mord, Herr Mar-bach?"
„Ganz bestimmt, Herr Doctor! — ja, ich bin so-gar fest überzeugt, daß es dieselbe Hand gethan, welcheden Schlag gegen Tante Hanna geführt."
I>r. Franz Hitzr.
Der Doctor blickte ihn ganz entsetzt an und meintenach einer Weile: „Das wäre ja in unserer Stadt undUmgegend ein recht herrliches Leben alsdann. — ZumHenker noch einmal, ich danke dafür, so unversehenseinige Kugeln hinterrücks in den Pelz zu bekommen.Es sieht freilich ganz darnach aus, obgleich ich nichtrecht begreife, was der Mord hier für einen Zweck ge-habt. Bei unserer Tante Hanna war's doch ein regel-rechter Raubmord, — aber hier —"
Er schüttelte den Kopf und reichte dem jungenGutsbesitzer, der kein Wort darauf erwiderte und nurdie Achseln zuckte, die Hand zum Abschied.
„Ich fahre Sie selber zurück nach der Stadt, HerrDoctor!" sagte Marbach , „ich werde dem Gericht gleichoie nöthige Anzeige machen."
„Ja, das ist allerdings nothwendig, — wo wollenSie Ihren Freund begraben lassen?"
„Er soll hier auf meinem Grund und Boden schla-fen, — will den armen Kerl wenigstens in meiner Nähebehalten. — Ob Fräulein Holten wohl dem Vater derKleinen die nöthige Mittheilung zukommen lassen kann?"setzte er etwas zögernd hinzu.
„Ja, hab' mit ihr darüber schon ge-sprochen," erwiderte der Arzt achsel-zuckend, „ist eine vertrackte Geschichte,da der Herr Steindorf seine Adressenicht hinterlassen hat. Er wollte ja nachder Residenz, wie Fräulein Hollen glaubt,aber ihn dort aufzufinden, wird nichtgut möglich sein."
„Es müßte dann vielleicht die dortigePolizei benachrichtigt oder ein daraufbezüglicher Aufruf an verschiedene großeZeitungen gesandt werden."
„ Das läßt sich hören, Herr Marbach!"rief der Doctor, „können, wenn Siewollen, in Edenheim vorfahren undFräulein Holten diesenVorschlag machen.Eine recht fatale Geschichte für die Arme,welche ganz und gar aus ihrem ge-wohnten Geleise dadurch gekommen ist."
Der Wagen war mittlerweile vorgefahren und diebeiden Herren fuhren davon.
Armgard Holten war mit Allem einverstanden.Sie dankte dem jungen Nachbar und bat ihn, dasWeitere zu veranlassen, auch das Nöthige für das Be-gräbniß der Kleinen zu besorgen.
Das sonst so ernste, in allen Dingen ruhige, jungeMädchen, welches selbst bei Tante Hanna's Schicksal ihreFassung bewahrt hatte, konnte jenen traurigen Auf-trag kaum hervorbringen und kämpfte sichtlich mit seinenThränen.
Marbach schwang sich plötzlich auf den Wagen, undfuhr so jäh und rasch davon, daß der alte Arzt, welchersich noch nicht niedergelassen, mit einem leisen Fluchzurücksank und sich erschreckt festhielt.
„Was haben Sie denn nur so plötzlich, HerrMarbach?" schrie er unwillig, „wollen die Pferde durch-gehen?"
„Es schien eben, als ob sie Lust dazu hätten,"erwiderte der junge Mann, sich verlegen umwendend.„Entschuldigen Sie, Herr Doctor, thut mir aufrichtigleid, daß Sie davon alterirt worden sind."
„Ei was, ich Hütte nur einfach hinabstürzen uno