Ausgabe 
(1.5.1894) 35
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dcn Hals brechen können," brummte der Alte, sich denHut gerade rückend.Mich dauert die kleine Holten,fürchte wirklich, daß sie ernstlich krank davon wird. Wasder vertrackte Steindorf hier in der Heimath zu suchenhat? Hätte drüben bleiben können, dann wäre dasAlles nicht passirt."

Marbach sah ihn überrascht an und blickte dannnachdenklich in die Ferne.

Merkwürdig," sagte er endlich,daß FräuleinHolten sich viel mehr aus dem allerdings sehr traurigenEnde dieses fremden Kindes zu machen scheint, als ausdem schrecklichen Schicksal der ihr doch so sehr befreun-deten Tante Hanna."

Na, das ist immerhin aus verschiedenen Gründenerklärlich, junger Herr!" versetzte der-Doctor, ihn for-schend anblickend.Zuerst ist Tante Hanna sehr altund dieses Kind natürlich sehr jung, zwei krasse Gegen-sätze, welche zu Gunsten der Kleinen bedeutend in dieWaage fallen. Sodann, und das denke ich mir als dieHauptursache, war das Kind ihrem Schutze anvertraut,während Tante Hanna selbstständig zurück in ihr Ver-derben rannte. Eine solche Schutzbefohlene ist immer-hin eine Gewisfenssache und tritt dann zum Ueberflußnoch der Umstand hinzu, daß es just das einzige Kindeiner alten, vielleicht noch immer nicht ganz eingerostetenLiebe ist"

Bei diesen Worten des alten Arztes gab Marbachden Pferden einen so heftigen Schlag, daß sie sichbäumten und dann im Galopp fortstürmten. Er ver-mochte die feurigen Thiere kaum zu bändigen und mußteseine ganze Kraft aufbieten, um die Herrschaft wiederzu erlangen.

Der Doctor saß ganz ruhig. Er lächelte still vorsich hin und rauchte unbekümmert seine Cigarre.

Als die Pferde wieder ruhig forttrabten, sagte er:Das scheinen empfindliche Schwerenöther zu sein, müssendie Peitsche bei ihnen schonen, wie mich dünkt."

Ja, sie wissen genau, wenn sie ungerecht bestraftwerden," bekannte Marbach lächelnd,und das war inder That vorhin der Fall."

Wieder lächelte der Doctor eigenthümlich vor sichhin, er wußte ja, weßhalb es geschehen.

(Fortsetzung wtgl.)

--ssWSes-

Goldkörner.

Ein heit'rer Geist, ein froher Sinn

Sie sind der Menschheit beste Gabe.

Und wird die Weisheit früh du Gutsverwalterin,So reicht der Verrath bis zum Grabe.

G. C. Ps.ffel.

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Luftspiegelungen.

Von M. Dursch-Nebenan.

(Nachdruck verboten.)

Ein blauer Sommerhimmel wölbt sich über Siziliens lieblichen Gestaden. Die Luft ist rein und unbewegt, unddes Meeres Wogen dehnen sich spiegelglatt. Da zeigt sichdem Wanderer auf Neggios Höhen ein wundersames Bild.Wie durch Zaubermacht hervorgerufen, erscheinen überder Fläche des Wassers prachtvolle Marmorschlösser mitBalkönen und Fenstern, mit üppigen Gärten und schäu-menden Springbrunnen, hohe Thürme schweben über derFluth, Kirchen und Prozessionen, Soldaten in blitzendenWaffen, Rosse und Reiter. Sie ziehen vorüber, still und

lautlos, und an ihre Stelle treten Wiesen und Triftenmit weidenden Heerden; verfallene Paläste mit Säulenund Bogen, Cedernhaine und dunkle Fichtenwälder. Auchsie ziehen stU in der Ferne vorbei, und neue Bilder ent-zücken das Auge durch ihren Märchenzauber, durch ihrelebensvolle Farbenpracht. Aber tiefer und tiefer senkt sichdie Sonne, und mit einemmale verschwinden die Wunder-dinge, wie von unsichtbarer Hand hinweggehoben.

Diese herrliche Erscheinung ist bekanntlich eine Folgeder Strahlenbrechung, vermöge deren wir ja auchdas Bild der aufgehenden Gestirne erblicken, wenn sienoch nicht einmal den Himmelsrand berühren. Diese Ab-spiegelung ferner Gegenden in der Luft tritt be-sonders ein, wenn sich über großen Flächen des Landesoder des Meeres eine außerordentlich ruhige Luftschichtebefindet, so daß die nach Sonnenaufgang erwärmten unddaher verdünnten unteren Luftschichten nur sehr allmäligmit den oberen dichteren sich mischen. Man kann dieseErscheinungen namentlich in Aegypten und Ungarn , so-wie über den Sandwüsten Persicns und der Tatareibeobachten. Ueber dem Meere werden zuweilen doppelteoder mehrfache Bilder von Schiffen in weiter Ferne ab-gespiegelt, und zwar zu einer Zeit, wo sich die Fahrzeugewegen der Krümmung der Erde noch außer Sicht befinden.Hierin haben all die mannigfachen Sagen von Gespenster-und Todtenschiffen, hat die Märe vomFliegenden Hol-länder" ihren Ursprung; hierauf gründete sich auch dieso wunderbar scheinende Ankündigung kommender Fahr-zeuge durch bekannte Leuchtthurmwärter, die nichts weiterals das Ergebniß täglicher Beobachtung war.

Häufig gewahrt man auch die Bilder ferner, inFolge der Erdkrümmung unter dem Gesichtskreise liegenderSeestädte so nahe und deutlich in der Luft abgespiegelt,daß man selbst Flaggen und einzelne Fischerboote zu unter-scheiden vermag.

Prächtige Erscheinungen haben auch Luftschiffer be-obachtet, wenn sie in jenen einsamen Räumen segelten,die keines Adlers Fittig mehr durchrauscht. Nicht seltensahen sie über sich das Meer, über dem sie schwebten,abgebildet das Meer mit all seinen Schiffen undBarken, deren Masten freilich nach unten, deren Kielenach oben gerichtet waren. Oder sie erblickten, wennihnen gegenüber plötzlich die Sonne hervortrat, auf denWolken das genaue Bild ihres Ballons, umschlossen voneinem prachtvollen Bande verschiedenfarbig leuchtenderKreise. Solche Erscheinungen der Strahlenbrechung zeigensich übrigens auch auf hohen Gebirgen; so im bekanntenBrockengespenste oder in der Abspiegelung von Bergsteigernund ihren Gerüthen.

Von einer merkwürdigen Lufterscheinung berichtet derEngländer Clarke. An einem herrlichen Abende des Som-mers 1743 bemerkten Spaziergänger in der Nähe Souther-fells flüchtig dahinjagende Rosse, verfolgt von einem Mannund einem Hunde. Die Gestalten eilten mit überraschenderSchnelligkeit den steilen Berg hinauf, bis sie oben plötz-lich verschwanden.

Am andern Morgen bestiegen die Zuschauer die An-höhe, fest überzeugt, im Abgrunde die zerschmettertenKörper zu finden, aber wie erstaunten sie, als sie wederdie geringste Spur von Menschen und Pferden, noch auchim Grase den leisesten Eindruck eines Hufes wahrzunehmenvermochten.

Luftspiegelungen waren auch den früheren Zeitennicht unbekannt.