Ausgabe 
(8.5.1894) 37
Seite
278
 
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nicht zweifelhaft läßt. Gott gebe, daß der Mörder baldentdeckt werde."

Das ist mir ziemlich gleichgültig," bemerkte Stein-dorf trübe,da er mein todtes Kind nicht wieder leben-dig machen kann. Und nun will ich Sie nicht längerstören, Fräulein Armgard," setzte er, sich erhebend, hinzu,nur noch eine Frage: wie stcht's mit dem Begräbnißmeiner Kleinen?"

Herr Marbach wird die Anordnung desselben aufmeine Bitte bereits besorgt haben"

Ich möchte diesem Herrn nicht gern etwas schul-den," fiel Steindorf düster ein,Sie werden das be-greifen, meine Gnädige, obgleich nun nichts mehr daranzu ändern ist. Vergeben Sie mir den neuen Kummer,den meine Heimkehr Ihnen zugefügt," fuhr er nacheiner Weile mit weicher, zum Herzen dringender Stimmefort,es ist wohl Ihnen gegenüber mein Verhängniß.Mir war es drüben oft, als verfolge mich Ihr Fluch"

Armgard bebte zusammen und schüttelte heftigden Kopf.

Von mir dürfen Sie solche theatralische Anwand-lungen nicht voraussetzen, Herr Steindorf I" sagte siefast drohend.Eher doch hätten Sie an den Gram unddie Verlassenheit Ihrer alten Eltern denken sollen."

Ich wiegte mein Gewissen ein mit der trügerischenHoffnung, daß Armgard Holten ihnen eine Tochter seinwerde. Doch Verzeihung, wir Männer sind insgesammtEgoisten, welche ihre Fehler und ihre Schuld gar zugern auf andere Schultern abladen. Ich werde nachdem Begräbniß eine Zeit lang mich draußen in der Weltzu beruhigen suchen. Darf ich von Ihnen als Freundscheiden, Armgard?"

Sie reichte ihm die Hand und neigte wortlos den Kopf.

Sie wollen für immer scheiden?" fragte sie, ihmdie Hand, welche er fest umschlungen hielt, hastig ent-ziehend.

Darf ich denn wirklich wiederkommen?"

Sie antwortete nicht, sah ihn auch nicht an.Schweigend wandte er sich nach einer Weile und verließdas Zimmer. Sie hörte ihn das Haus verlassen undnach seinem Kutscher rufen, doch rührte sie sich nichtvon der Stelle. Eine plötzliche Lähmung schien sie er-griffen zu haben. Dann war's ihr, als befinde sie sichauf einem wogenden Meere und würde von den Wellenhin- und hergeworfcn, die furchtbaren Gemüthserschütter-ungen hatten diese starke Natur gebrochen. Als MamsellEvers das Wohnzimmer betrat, um ihr Fräulein zusuchen, fand sie dasselbe bewußtlos am Boden.

Das ganze Haus gerieth in Aufruhr. Ein Wagenfuhr im Galopp nach der Stadt, um den Doctor zuholen.

Als dieser erschien, lag Armgard im Fieber undphantasirte heftig. Er hatte eine Krankenpflegerin gleichmitgebracht und schüttelte bedenklich den Kopf.

Herr Steindorf war also hier," wiederholte erauf den Bericht der Mamsell.Und gleich nachher kamdieser böse Anfall?"

Ja, Herr Doctor! Ich trat gleich nachher, alser Weggefahren war, in's Wohnzimmer und fand dasFräulein ohnmächtig auf dem Fußboden liegen."

Der alte Arzt blickte sie forschend an. Die Mam-sell war schon bei Armgard's Eltern auf dem Gute undjener auch bei ihnen Hausarzt gewesen. Beide kanntensich also schon seit vielen Jahren, die jetzige Herrin seit

ihrer Kindheit, sie waren somit auch mit ihrer Ver-gangenheit vertraut.

War er lange bei ihr?" fragte der Doctor.

Erst eine Weile bei dem todten Kinde und dannim Wohnzimmer. Was sie mit einander gesprochenhaben, weiß ich natürlich nicht, aber gut hat's ihr nichtgethan."

Das weiß der Himmel," brummte der Arzt undblickte dann eine Weile stumm zum Fenster hinaus.Es ist eine gottlose Geschichte, daß dieses Kind hierjust sterben mußte," begann er von Neuem,wennFräulein Holten wieder gesund ist, können wir noch waserleben, Mamsell Evers!"

Ja, das fürchte ich jetzt selber," seufzte die Wirth-schafterin,wollte Gott , der Störenfried wäre mit seinemKinde in Amerika geblieben."

Wünscht' ich selber, da nichts Gutes dabei heraus-kommen kann. Na, vorerst liegt sie fest und sicher.Passen Sie mir auf, Mamsell Evers, daß kein Unbe-rufener das Krankenzimmer betritt. Auch muß die Leichein's Verwalterhaus hinüber gebracht werden, damitkeine Störung, kein lautes Geräusch unsere Kranke er-regt. Ich werde die Pflegerin selber noch einmal in-struiren."

*

*

Die bezahlte Antwort des Kabel-Telegramms ausChicago , welche an den Maler Reinhardt einlief, lautete:Mr. Hilbrecht schwer krank, Sohn will versuchen, Auf-trag auszuführen."

- Der Maler hatte noch ein nettes Sümmchen nach-zuzahlen und fluchte über den Einfall. Er fuhr trotzalledem mit der Antwort selber nach Notenhof hinaus.

Ja, das ist allerdings weggeworfenes Geld," meinteMarbach,ich kenne den jungen Hilbrecht, er ist einStock-Amerikaner, für welchen jede Minute Geld be-deutet. Der rührt keinen Finger ohne Aussicht aufVerdienst. Ob ich selbst hinübergehe?"

Was gewinnen Sie dadurch, gar nichts," erwi-derte Reinhardt,ein Brief thäte just das Nämliche.Da jedoch kein Bild von dem Rüuberhauptmann existirt,so könnte einzig und allein ein geriebener Detectiv, derjenen Prien von Angesicht zu Angesicht kennt, hier nützen.Unsere Criminalpolizei wird sicherlich keine Nasenspitzevon ihm entdecken. Wenn ich Ihnen deshalb rathensoll, mein lieber Marbach, und zwar als aufrichtigerFreund, dann überlassen Sie der Polizei alles Weitereund schließen Sie für Ihre Person mit diesem Tele-gramm die Acten."

Der Gedanke, dieses blutige Räthsel niemals lösenzu können, ist ein zu entsetzlicher für mich!" rief Mar-bach in stillem Grimm auf- und abschreitend.WissenSie, daß jener Mensch, der sich William Prien nennt,ein ganz besonderes Kennzeichen besitzt?" setzte er plötz-lich, vor dem Maler stehen bleibend, erregt hinzu.

Und das wäre?"

Einen blutigrothen Strich zwischen Kinn undMund, den er durch einen blonden Bart versteckt."

Marbach hielt inne und blickte wie erstarrt vorsich hin, als erhöbe sich vor seinem innern Blick einSchreckbild.

Ein Muttermal vermuthlich," bemerkte Reinhardt.

Nein," fuhr Marbach fort,der rothe Strichrührt von einem Jndiancrmesser her, dessen Scalpir-ungsversuch er sich widersetzt haben soll. So hat er